Meet My Hood

Meet My Hood: Stuttgart-Ost

Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2017
Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2017

Stuttgart-Ost ist nicht cool. Noch nicht. Aber wenn es in ein paar Jahren soweit ist, dann habt ihr es jetzt schon gekannt! Oberflächlich betrachtet ist das Viertel zugleich bieder und dreckig. Wer genauer hinschaut, findet aber nette Kneipen, spannende Backsteinhäuser und jede Menge Kuriositäten: Von der Sternwarte, Überresten einer Kolonie bis hin zu einer Mops-Statue.

Stuttgart-Ost liegt versteckt hinter der Wagenburg. Hierhin verirrt sich eigentlich nur, wer Freunde besuchen kommt oder seinen Spaziergang durch den Schlosspark so weit ausdehnt, dass er im Park der Villa Berg ankommt. Mit dem Bus sind es keine 5 Minuten in die Stuttgarter Stadtmitte, zum Hauptbahnhof oder auf die Königsstraße, die Einkaufsmeile der baden-württembergischen Hauptstadt. Die Bewohner loben die vielen Einkaufsmöglichkeiten und die Infrastruktur: Ob Post, Schule oder Arzt, alles ist in wenigen Schritten zu erreichen. Zugleich ist das Viertel sehr ruhig und weiträumig, sehr grün und überhaupt nicht überlaufen.

Dennoch: Stuttgart-Ost ist bei Weitem kein angesagtes Viertel, auch keines, von dem man sagen würde, dass es besonders schön ist. Es überwiegen hässliche sechziger- und siebziger Jahre Bauten. Wer aber genau hinschaut, findet neben diesen hässlichen Häuserreihen auch Straßenzüge voll schöner, individuell gefertigter Backsteinhäuser, die oftmals sogar über Vorgärten und Balkons verfügen. Hier laufen die Straßen zu kleinen Plätzen mit Bäumen oder Sitzbänken zusammen. Das Herzstück dieses schöneren Teils von Stuttgart-Ost ist der Teckplatz mit dem Jünglingsbrunnen. Anfang des 20. Jahrhunderts diente er als Marktplatz, inzwischen wird er nicht mehr genutzt. Dabei würde sich hier ein Café mit Hipster-Leuchtgirlanden oder ein kleines Restaurant mit Sitzgelegenheiten auf dem Platz sehr gut machen.

Soweit ist es nicht - noch nicht. Aber die Gentrifizierung ist auch hier auf dem Vormarsch: Noch lassen sich zwar alteingesessene Schuster und traditionelle Bäckerläden finden. Aber auch neue, hippe Läden und Geschäftsmodelle sind an der Tagesordnung: So hat ein  Barber-Shop geöffnet, ein Laden, der alte Weinkisten zu Regalbrettern umfunktioniert hat und diese teuer verkauft, ein Friseur mit angebautem Café oder ein Laden, der in seinem Schaufenster nur Kaffeemaschinen ausstellt. Es ziehen immer mehr junge Familien her, für die eine Kindertagesstätte mit wild wuchernden Gärten und Holzspielzeug und eine Kinder-Yogaschule entstand. Umso häufiger sind somit auch "Stopp der Gentrifizierung"-Graffiti auf den Hauswänden zu sehen.

Ironisch, denn Stuttgart-Ost sollte vor hundert Jahren eine große Siedlung werden, die der Stuttgarter Wohnungsnot entgegenwirken sollte. Mit der Industrialisierung war die Bevölkerung Stuttgarts innerhalb von 35 Jahren fast um das Dreifache gestiegen: 250 000 Menschen lebten dort 1905, während es 1870 nur 90 000 waren. Der "Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen" setzte sich für bezahlbaren Wohnraum ein: In Stuttgart-Ost entstand zwischen 1891 und 1903 die "Kolonie Ostheim" mit 1267 neue Wohnungen. Die Backsteinhäuser sind bis heute erhalten und sind auch heute noch schön. Obwohl für alle dieselbe Grundform verwendet wurde, unterscheiden sie sich voneinander: Die Architekten haben unterschiedliche Dachformen, Erker, Balkone oder kleine Türmchen verwendet, um sie individuell aussehen zu lassen.

Die Nachbarn

Die Preise

Ein bisschen bieder, an anderen Stellen ungepflegt und arm und mit einer sehr durchmischten Bevölkerung. Zugleich ist das Viertel auch schräg: Denn Stuttgart-Ost hat viele Kuriositäten zu bieten: Auf dem Eugensplatz, wo es im Sommer in der Pinguin-Eisdiele immer leckeres Eis gibt und das ganze Jahr über einen der schönsten Ausblicke über Stuttgart, befindet sich auch die Mops-Säule. Sie wurde dem Komiker Vicco von Bülow (1923-2011) gewidmet, der als "Loriot" im deutschen Fernsehen bekannt wurde. Von ihm stammt der Satz "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“. 

Die Köpfe

Die Orte

Schlampazius - Wagenburgstraße 147, 70186 Stuttgart

Läuft man von dem Platz zwischen alten Villen den Berg hinauf, gelangt man auf die Uhlandhöhe, auf der in der Sternwarte der Stadt an wolkenlosen Nächten Besucher empfangen werden, um gemeinsam in den Himmel zu schauen. Sagenumwoben ist das Schlampazius, eine Kneipe, die weder schön gelegen ist, noch sonderlich einladend aussieht. Wer sich aber hineinwagt, trifft auf ein Stuttgarter Unikat: An den Wänden hängen Poster von Jim Morrison, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Che Guevara und Frank Zappa, und hinter der Bar finden sich zwischen Alkoholfaschen und Aufklebern mit "Stopp Stuttgart 21", einer Bürgerginitiative, die sich gegen den kostspieligen Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs einsetzte, allerlei Sonderbares. Die Kerzenständer zeugen mit jahrelangen Wachsresten von der langen Geschichte des Ortes. Hinter dem Tresen steht Ramon - seit 43 Jahren. Damals floh er vor der Franco-Diktatur aus Spanien und strandete in Stuttgart. Eigentlich wollte er die Kneipe bis Ende Dezember 2016 zumachen, ist aber weiter geblieben - was die Stuttgarter Zeitung mit einem langen Artikel über das Schlampazius feierte.

Laboratorium - Wagenburgstraße 140, 70186 Stuttgart

Zusammen mit dem nebenan liegenden Laboratorium, in dem noch heute regelmäßig Konzerte aber auch Kabarett- und Theatervorstellungen stattfinden, war die Kneipe vor allem in den 1970er und 80er Jahren der Treffpunkt der alternativen Szene in Stuttgart. Hier soll die RAF gegründet worden sein und es gab regelmäßig stattfindende Treffen - zumindest besagen das die Gerüchte.

Park Villa Berg

Am südwestlichen Rand des Stadtteils befindet sich der Park Villa Berg, der über eine Brücke an den Schlosspark angebunden ist. An seinem südlichen Hang liegen bereits im März halbnackte Sonnenanbeter auf der Wiese zwischen den Apfelbäumen. Den Namen hat der Park von der Villa Berg, ein Mitte des 19. Jahrhunderts gebautes Gebäude im Stil der italienischen Hochrenaissance. Nur kurz diente sie dem König als Sommerresidenz, ging dann in Besitz der Stadt und später des Radio- und Fernsehsenders Süddeutscher Rundfunk über, der sie für Konzertsendungen verwendete. Inzwischen stand das Gebäude lange leer, soll aber wieder verwendet werden.

Buschpilot -Karl-Schurz-Straße 28c, 70190 Stuttgart

Auf der anderen Hangseite des Villa Berg-Parks befindet sich der Buschpilot, ein Ort, der auf Stelzen zwischen Büschen und niedrigen Bäumen steht und die Funktion eines Restaurants, Cafés und Biergartens miteinander verbindet: Tagsüber kann im Inneren gespeist werden, wer Lust auf Sonne und Süßes hat, holt sich Kaffee und Kuchen und stellt sich einen der Liegestühle im Gras auf – und abends kann auf der Terrasse am Haus gegessen werden.

Udo Snack - Schwarenbergstraße 40, 70190 Stuttgart

Wer nach einem Rundgang durch das Viertel Hunger bekommt, der hält beim Udo Snack, einem Burgerladen dessen Filiale sich in der Innenstadt großer Berühmtheit freut: Oftmals steht man eine halbe Stunde lang in der Schlange. Dabei hat das Bistro seine Ursprünge im Stuttgarter Osten. Hier bekommt man die Burger selbst zur Mittagszeit (noch) ohne Wartezeit serviert.

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Dieser Artikel ist Teil der cafébabel-Serie Meet My Hood zu euren Vierteln in europäischen Metropolen. Hier mitmachen, wenn ihr eure Hood vorstellen wollt.