Meet My Hood

Meet My Hood: Saint-Gilles, Brüssel

Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2017
Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2017

Saint-Gilles, ein einmaliges Dorf der Gemüsegärtner, hat gerade sein 700-jähriges Jubiläum gefeiert. Im Laufe der Zeit hat die Kommune nicht aufghört sich weiterzuentwickeln, sich anzupassen und zu erneuern. Und mittlerweile wird Saint-Gilles von 50 000 Einwohnern mit 140 verschiedenen Nationalitäten bewohnt, die die Identität der Stadt prägen. 

In Saint-Gilles spazierengehen bedeutet eine Weltumrundung - sowohl im wörtlichen, als auch im übertragenen Sinn: Rue de Moscou, Rue du Danemark, Rue de Bosnie, Rue Africaine, Place Bethléem... diese Namen zeugen alle von der sozialen Durchmischung des Viertels. Fernab der allgemein verbreiteten Clichés von multikulturellem Zusammenleben bietet das Viertel wirkliche Möglichkeiten, sich zu begegnen: auf den Märkten, auf den Plätzen, in den Cafés. In Saint-Gilles spricht man offenbar sogar Saint-Gillois. All die Dialekte, Akzente und Wörter, die mit ihren Bewohnern verschiedener Wurzeln gereist sind, haben mit der Zeit eine reichhaltige, bunte Sprache geschaffen. Als Beweis: Das Projekt "Sprechen Sie Saint-Gillois?" (« Parlez-vous Saint-Gillois ? ») porträtiert das Viertel von seiner klangvollen Seite. 

Die Seele des Arbeiters, des Künstlers und des Weltenbürgers

Es stimmt, dass das "obere" Saint-Gilles wohlhabendere Menschen, hippe Bohémiens, Familien und Exilfranzosen (Saint-Gilles gehört zu den drei von Franzosen meistbewohnten Viertel in Brüssel, Anm.d.Red.) anzieht. Das Viertel hat aber auch einen romantischen Teil, den man sich dazu denken muss. Die Gemeinde entkommt der Gentrifizierung nicht, die eine Mehrzahl der Bezirke von Brüssel ereilte und eine Explosion der Mietpreise in den letzten fünf Jahren mit sich zog.  Daraus resultierte eine Wohnungskrise und weitere Verarmung der sowieso schon schlechter gestellten Sadtbewohner. Saint-Gilles von "unten" sind jene, die man der sogenannten "wachsenden Brüsseler Armut" zuordnet, eben solche die zum dichtest bevölkerten Sektor der Region Brüssel gehören, dem jüngsten Sektor, aber auch dem ärmsten, mit einer Arbeitslosenraten auf Rekordhoch. 

Saint-Gilles versucht aber trotzdem den Privatinvestoren zu widerstehen, die das Viertel gerne in ein gemütliches Schlafdorf verwandeln würden, eine Lösung eher ästhetisch-postmoderner Sorgen als sozialer Dringlichkeit. Es entstehen mehr und mehr kreative und konkrete Bürgerinitiativen um eine Gesellschaft auf lokaler Ebene zu entwerfen. Beispiele? Gemeinsames gärtnern, Wissens- und Erfahrungsaustausch, oder die Einführung einer zusätzlichen Währung. Seit einigen Jahren arbeiten Einwohner und Lokalregierung gemeinsam an der Verwaltung und dem Schutz der Kommune: Sie möchten aus dem öffentlichen Raum einen echten sozialen Raum machen, in dem Platz zum Ausdruck und Dialog gegeben wird um die Vernetzung von "oben" und "unten" zu fördern.

Die Nachbarn

Die Preise

Diese rebellische Seite von Saint-Gilles hat Tradition. Während des 19. und 20. Jahrhunderts war die Stadt ein wahres Nest für Anführer der Arbeiterklasse. Das symbolträchtige Haus des Volkes, mittlerweile eine hippe Bar am Parvis (Kirchplatz), war früher ein Ort für politische Debatten, an den einige sozialistische Berühmtheiten eingeladen wurden, darunter auch Lenin.

Aber Saint-Gilles ist vor allem anderen noch ein Künstlerdorf, und bietet damit auch die Möglichkeit mit den Kreativen in Kontakt zu kommen, die dem Viertel Tag für Tag seine Dynamik verleihen. Es wimmelt von aufstrebenden Kreativorten und Ausstellungen, außerdem beherbergt Saint-Gilles die Kunstschule Saint-Luc, die einige der berühmtesten Namen der zeitgenössischen Comicwelt hervorgebracht hat. Im Viertel befindet sich auch das Haus Horta, Bastion der europäischen Jugendstilarchitektur. Zuletzt hat die Kommune zusammen mit einem Nachbarort (Forest) einen Künstlerparkour umgesetzt, eine disziplinenübergreifende Kunstbiennale, die die künstlerische und kulturelle Dynamik des Brüsseler Südens wertschätzen soll. In 2016 hat die Veranstaltung über 200 Künstlerateliers, Ausstellungen, Performances und Installationen im urbanen Raum vereint.

Ohne Schnickschnack und ohne Tabus findet man dort eine authentische Einfachheit, die sowohl seine Bewohner als auch seine Besucher begeistert.

Die Köpfe

Bonus: die versteckten Orte aus dem Video

  • Die Cauri Bar: Bar-Restaurant mit togolesischen Spezialitäten, Chaussée D’Alsemberg 163, zwischen Saint-Gilles und Forest.

  • Der Parvis de Saint-Gilles, Herzstück des Viertels, an das zahlreiche Cafés, Bistrots und der Markt (Dienstag-Sonntag vormittags) angrenzen.

  • Dust dealers: Schallplattenladen, spezialisiert auf Jazz und Soul, Rue Vanderschrick 22.

  • La Tricoterie- fabrique de liens: Ort für vielseitige Begegnungen an dem künstlerische und gesellschaftliche Aktionen in einer neuen wirtschaftlichen Dynamik in Berührung kommen. Rue Théodore Verhaegen 158.

  • Le Piano Fabriek: Gemeinschaftszentrum, Künstlerlabor, Bildungszentrum. Rue du Fort 35.

  • Centre Culturel Jacques Franck: Kommunales Kulturzentrum von Saint-Gilles. Chaussée de Waterloo 94.

  • Jynga: Patisserie und portugiesischer Teesalon, im wesentlichen für Frauen und Familien. Rue Vanderschrick 5.

  • Komplot, Kuratorenkollektif. Chaussée de Forest 90.