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Zypern: Der Frisör und die zwölf Olympier

Artikel veröffentlicht am 9. August 2017
Artikel veröffentlicht am 9. August 2017

In Zypern dominiert der Monotheismus. Aber es gibt ein kleines Dörfchen namens Limpia, eine halbe Stunde von Nikosia, wo sich die Polytheisten regelmäßig in einem Dionysos gewidmeten Tempel treffen. Reportage zwischen Opfergaben, Goldener Morgenröte und Zeus.

Eine halbe Stunde von der zypriotischen Hauptstadt Nikosia entfernt befindet sich Limpia, ein kleines Dorf, dessen Name unweigerlich an Olympia erinnert. Nicht verwunderlich also, dass es hier einen Tempel gibt, der den zwölf Göttern des Olymp gewidmet ist. Gebaut hat ihn Giorgos Constantinou, ein 43-jähriger Frisör, mit seinen eigenen Händen und auf dem eigenen Boden. Ganz in der Nähe einer Viehzucht, mitten auf einem Acker, kann das Bild des Tempels schon recht surreal wirken. Auf dem Tempel sind am hellerlichten Tage und in gut leserlichem Altgriechisch die roten Lettern ΕΛΘΕ ΖΕΥ ΒΑΣΙΛΕΥ ΘΕΩΝ ΑΡΙΣΤΕ ΗΔΕΕ ΜΕΓΙΣΤΕ zu lesen: 'Komme Zeus, der größte aller Könige, die Perfektion, der Sanfteste'.

Giorgos ist mit dem Bau des Tempels noch nicht ganz fertig. Stolz zeigt er auf seinem Smartphone das geplante Mosaik, aus dem später Dionysos werden soll. Die zwölf Säulen, die sich auf dem Tempelbau erheben, sollen jeweils sechs Göttinnen und Götter darstellen, auch wenn laut unterschiedlicher Quellen bis zu 30 000 verschiedene Götter in Zypern verehrt werden. In der Mitte des Tempels steht ein Altar in Form einer Kultstätte. Die neue religiöse Bewegung, der auch Giorgos anhängt, wird als hellenischer Polytheismus oder nach den zwölf Göttern auch Dodekatheismus genannt. Giorgos möchte aber lieber als 'Nationaler Grieche Zyperns' bezeichnet werden.

Zwölf Olympier auf Zypern

Wie in Griechenland sind es auch hier auf Zypern nur einige tausend nostalgische Anhänger, die sich über den Hellenismos in eine weit entfernte Epoche zurücksehnen, in der man hauptsächlich die zwölf olympischen Götter anbetete. In Griechenland und Zypern sind Kirche und Staat nicht getrennt. Die Kirche hat weiterhin viel Macht inne und das Thema alternative Kirchen bleibt ein Tabu. Aus diesem Grund wollen viele junge Polytheisten und andere Menschen, die höhere Positionen in Zypern innehaben, zum Beispiel in der Armee, anonym bleiben. Sie haben Angst, ihren Job wegen ihres Glaubens zu verlieren. 

1997 wurde in Athen eine offizielle Organisation namens 'Hoher Rat der netten Hellenen' gegründet, um den Hellenismos offiziell anzuerkennen. „Wir sind weiterhin eine Theokratie wie im Iran oder in Turkmenistan“, sagt Giorgos sichtlich genervt. „Ich empfinde es als einen Skandal, dass ich für die Besichtigung archäologischer Sehenswürdigkeiten wie ein Tourist Eintritt bezahlen muss, obwohl sie für mich heilige Stätten sind.“

Man könnte also meinen, dass Gorgos' Tempel-Konstruktion illegal und heimlich stattgefunden hat. Aber in Wahrheit hat die moderne Kultstätte nichts Illegales. Giorgos hat beim Staat angefragt, damit sein Tempel offiziell als Kultstätte anerkannt wird.

Giorgos ist getauft und hat nach christlicher Tradition geheiratet. Im Jahr 2004, nachdem er im Magazin Epanellinisis (Re-Hellenisierung, AdR) geblättert hatte, wurden ihm plötzlich gewisse Dinge klar. „Jeder kann nationaler Grieche werden, wir forcieren nichts, niemand muss unserer Religion beitreten“, insistiert er. Seit diesem Zeitpunkt setzt Giorgos keinen Fuß mehr in die Kirche, er feiert auch kein Ostern mehr, ein religiöses Fest, das den Orthodoxen sehr wichtig ist. „Das Christentum hat alles zerstört, er wurde uns aufgezwängt und macht sich über uns lustig“, erklärt Giorgos weiter. Es ist ein Seitenhieb auf die historische Zeitepoche, in der Teodosius I. im Osten des Römischen Reiches regierte (379-394). Der Kaiser war zum Christentum übergetreten und verfolgte die Heiden - die Ungläubigen der Antike. Unter der Regierung von Theodosius I. zerstörten die Christen zahlreiche Antiquitäten, manche Historiker sprechen von diesem Kaiser als Vorreiter des byzantinischen Kaiserreichs.

Die Kultgemeinschaft namens Μόρφω ('schön' auf Altgriechisch; AdR), der Giorgos angehört, trifft sich zwölf mal jährlich, um Zeremonien zu organisieren und ihren Kalender zu respektieren. Laut dem offiziellen Almanach ist jedes Fest direkt mit ethischen Praktiken verbunden, mit denen den Göttern des Olymp gehuldigt wird. Juli zum Beispiel, in dem das Sternzeichen des Löwen seinen Lauf nimmt, ist der Monat, in dem Zeus dominiert und die Werte der Gerechtigkeit und der sozialen Ordnung gepflegt werden. Jeder Gott hat seine eigene Hymne. „Unser Kult verbindet uns mit unseren Ahnen, alle, die daran teilnehmen, sind Heilige“, erklärt Giorgos. Bei den 'nationalen Griechen' ist der Sinn des Wortes Gott nicht der gleiche wie bei den Monotheisten. Bei ihnen sind die Götter eine Einheit. Für die nationalen Griechen nehmen die Vorfahren einen besonderen Platz ein. „Warum ist der Islam die Religion Ägyptens, wo die Vorfahren dort doch Anubis, Isis und Osiris anbeteten?“, möchte Giorgos hervorheben.

Der Tod ist ein Stück Natur

Wie in jeder Religion haben auch die nationalen Griechen Zyperns ihre Riten. Sie hüllen sich wie die alten Griechen in lange weiße Togas und opfern Gaben wie Milch, Honig, Wein, und Blumenkränze auf dem Altar. Dabei heben sie die Arme gen Himmel und beten ihre Götter an. Denkt man an Polytheisten, stellt man sich auch Opfergaben wie Fleisch vor, so wie es die alten Griechen praktizierten. Giorgos lacht: „Die Natur steht für uns im Zentrum, aber wir opfern keine Tiere.“ Sie haben keine Bibel, keinen Propheten, ihre heiligen Texte sind die 147 Maxime, die auf dem Apollon-Tempel in Delfi geschrieben standen, bereits 2000 Jahre vor den 10 Geboten Moses.

Auch die Philosophie nimmt einen wichtigen Platz im Hellenismos ein. Die Bedeutung von Leben, Tod und Liebe ist nicht dieselbe wie im Christentum. Für Giorgos „ist der Tod ein Stück Natur. Man sollte den Tod nicht als etwas Erschreckendes verstehen, so wie es im Christentum der Fall ist. Was nach dem Tod passiert, ist eine philosophische Frage.“ Giorgos spricht Neugriechisch, aber ab und zu mischt er ein wenig Altgriechisch darunter: „Was uns interessiert, ist das perfekte, hervorragendste Leben.“ Für ihn „hat das Christentum Werte in Scham umgekehrt. Sex ist ein Tabu-Thema, obwohl es bei den Altgriechen nie eins war.“ Der Polytheismus hat keine klaren Regeln für den Alltag, nur Vorschläge zum Alltag, die mit der Gesinnung der Alten Griechen übereinstimmen.

Auch aus diesem Grund werden die Dodekatheisten oft mit nationalistischem Gedankengut in Verbindung gebracht, so zum Beispiel mit der griechischen Neonazi-Partei Goldene Morgenröte. Der Grund? Sie verwenden das gleiche antike Schmuckmotiv und verehren in ähnlichem Maße die altgriechischen Götter. „Das sind Etiketten, die uns die Christen aufdrücken wollen. Wir haben keinerlei Verbindung zu politischen Parteien“, behauptet Giorgos.

Der orthodoxe Priester Constantinos Kyriakides bringt Verständnis für Atheisten und andere Religionen auf. Aber für ihn ist das Studium der Texte von Cicero, Konfuzius oder einer griechischen Tragödie ein anderer Akt als die Verehrung von Apollon oder Dionysos fünfzehn Jahrhunderte nach deren Verschwinden. „Diese Widerauferstehung alter Religionen bedient sich nationalistischer Parolen und Bestreben, die der Kultur und Spiritualität völlig zuwider sind“, so der Priester.

Für Giorgos ist nationaler Grieche in Zypern zu sein mehr als eine Religion. Es ist eine Lebensart, eine ständige Suche nach den Wurzeln der Vorfahren und der Bedeutung, Grieche zu sein. Nun ist es Zeit für den Frisör, sich die Ärmel hochzukrempeln und das Mosaik fertigzustellen, das einen der wenigen Tempel der alten griechischen Götter in Zypern schmücken soll.

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Voglio Credere Così taucht in die Welt der Spiritualität und alternativen Glaubensrichtungen auf dem Alten Kontinent ein. Was ist das neue Opium junger Europäer? 8 Wochen - 8 Reportagen. 

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