Lifestyle

Wohnmobil-Leben: Haus am See oder Frostbeulen?

Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2017

Seit vier Monaten wohnt Anita in einem Wohnmobil. Ihr Leben ist nichts für Frostbeulen, Chaoten, Angsthasen oder eitle Menschen: Fließend Wasser und Strom gibt es nicht. Wie sie sich organisiert - und warum sie gerade deshalb glücklich ist.

Anitas Leben ist nichts für Frostbeulen, Chaoten, Angsthasen oder eitle Menschen, die gerne ausgiebig im eigenen Zuhause duschen. Wer wie sie in einem Wohnmobil lebt, muss sich einschränken, auf viel verzichten - und im Winter leiden. Anita ist dennoch zufrieden mit ihrem Leben. 

Davor hat auch sie normal in einer Wohnung gewohnt. Dann begann ihr Volontariat beim SWR (Südwestrundfunk), für das sie alle paar Monate umziehen muss und neue WGs hätte suchen müssen. Ein mobiles Zuhause erschien ihr da passender – und auf Dauer kostengünstiger. Sie hat aber auch eine andere Erklärung: „Ich hatte so ein Bild vor Augen, dass mir jemand auf der Lunge sitzt. Diese Betondecke über mir, an der sind meine Gedanken abgeprallt. Sie konnten sich nicht entfalten! Ich wollte, dass zwischen  mir und den Sternen nichts mehr ist, nur dieses bisschen Plastik, aber kein Beton.“ Und so hat sie begonnen, nach Wohnmobilen zu suchen.

Schockverliebt in ein Wohnmobil

Vier Monate lang hat die Suche gedauert, ein Bekannter hat ihr Tipps gegeben, worauf sie achten soll. Als sie auf einer Internetseite ihr aktuelles Wohnmobil sah, hatte sie sofort ein gutes Gefühl. Sie fuhr nach Freiburg, und war „schockverliebt" sobald sie es sah. Aus der kurzen Testfahrt wurde eine zweistündige Spritztour. „Ich bin fast damit durchgebrannt“, berichtet Anita überschwänglich. Oft klingt es so, als hätte Anita einen Partner, mit dem sie da zusammenwohnt. Lange hat sie für ihren Wegbegleiter nach dem passenden Namen gesucht. Noch vor zwei Monaten glaubte sie, es sei „auf jeden Fall ein weiblicher Name, so aus den Siebzigern oder Sechzigern.“ Nun hat ihr Weggefährte doch einen männlichen Vornamen: Er heißt Knudsen.

Für viertausend Euro wurde das Wohnmobil dann ihres, eine Gas- und TÜV-Prüfung gab es gratis dazu, und einen neuen Zahnriemen. Auf den technischen Stand hat sie vor dem Kauf dann gar nicht mehr geachtet, aber bisher läuft alles gut.

Und das altbackene Innere hat sie erfolgreich aufpoliert und umgebaut: Mit ihrem Schwager strich Anita die Wände des Wohnmobils neu, sie bauten Boxen ein, „für einen guten Sound", einen Tisch, neue Sofapolster und auch eine Bio-Toilette. Das sind Spanholzplatten, die sie zu einem Kasten zusammengezimmert hat, mit rundem Loch in der Mitte, auf das sie eine bunte WC-Brille gelegt hat. Seitdem pinkelt Anita auf Holzspäne in einem Eimer unter dem Holzkasten. Den Eimer schüttet sie alle 10 Tage aus. „Gar nicht so eklig, wie man denkt“, beruhigt sie.

Sie wohnt auf etwa sechs Quadratmetern: eine kleine Kochnische, ein winziges Bad, zwei fette Sofapolster auf beiden Seiten und die Schlafkoje. Es ist eng, aber es ist gemütlich. Und es passt in ihre Lebensphase, findet sie: „Es ist gerade so eine gewisse Rastlosigkeit da, privat und auch beruflich bin ich gerade auf der Suche.“ Es scheint aber, als wäre das Wohnmobil in diesem Durcheinander und dem Wechsel eine Konstante, vor allem wenn Anita Sätze sagt wie: „Das Wohnmobil ist der Hafen, den ich bei den vielen Umzügen und Wohnungswechseln immer mitnehmen kann. Ich glaube, die innere Sehnsucht nach ein bisschen Beständigkeit spiegelt sich darin wieder.“

Kampf der Kälte

Dabei kann das Leben im Wohnmobil vor allem im Winter richtig hart und ungemütlich sein: Oft kann sie beim Ausatmen ihren eigenen Atem sehen, denn selbst wenn sie heizt, wird es im Wohnmobil oft nicht wirklich warm. Im Mobil wird es nur etwa 17 Grad wärmer als draußen. Bei minus 5 Grad wird es so gerade mal 10 Grad warm. Aber Anita hat ihre Mechanismen: Nachts schläft sie mit Mütze auf dem Kopf, unter einen fetten Daunendecke, in die sie über 200 Euro investiert hat. So wird nur die Nasenspitze kalt. Sonst kocht sie viel und genießt währenddessen die Wärme des Gasherdes, wärmt sich mit Tee und einer Wärmflasche. Und sie nimmt es mit Humor: „Man sagt ja: 'Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung'.“ Sie hat angefangen, sich entsprechend zu kleiden und zählt die Schichten auf, die an ihrem Körper liegen: „Skiunterwäsche, darüber ein Trainingsanzug, darüber Wollpulli, an den Füßen zwei Paar Strümpfe und eines davon ist ultradick, also ein wirklicher Polarstrumpf. Ich bin inzwischen die Ultrazwiebel!“ Außerdem isst sie viel: „Wenn mir kalt ist, dann produziert mein Körper auch einfach mehr Wärme. Dann esse ich auch richtig schön viele Nudeln und Kohlenhydrate, dann hat mein Körper auch richtig viel Brennmaterial. Und dann sag ich mir: 'Ja Körper, jetzt arbeite mal!'“

Wenn Gäste zum ersten Mal in ihr kleines Reich kommen, dann ist Anita „immer total stolz“. Sie freut sich aber auch über Besuch, „weil dann gleich die Raumtemperatur steigt. Das macht echt so 5 Grad aus. Es haben auch schon Leute mit mir übernachtet - das ist auch super“, fügt sie lachend hinzu, „weil man sich dann Wärme abgibt - und dann brauche ich eine Schicht weniger.“

Aber manchmal hilft all das nicht, und sie hat einfach keine Lust, direkt 'nach Hause' zu gehen: „Dann bleibe ich länger auf Arbeit und schau mir da noch irgendwas auf YouTube an oder wusel noch ein bisschen herum, oder gehe in die Stadt, einfach um nicht gleich in die Kälte zu müssen.“ Aber sie gesteht ein: „Das ist ja eigentlich ein Unding, das Zuhause sollte einen ja eigentlich willkommen heißen. Aber wenn es draußen echt friert, dann kostet es schon Überwindung, das Bettlaken ist echt kalt.“

Strom von den "Stromeltern"

Als sie sich das Leben im Wohnmobil vor Knudsen ausmalte, dachte sie an „wilde Roadtrips mit Sonnenuntergang, Karaoke-Sessions und Vollbremsung, weil man an einem schönen Ort für die Nacht halt machen will“. Jetzt steht sie vor allem. Das hängt damit zusammen, dass sie in Stuttgart einen der wenigen kostenlosen Parkplätze ergattert hat, und ihn nicht aufgeben will. Bisher hat sie in dem Wohnmobil erst 4447 km hinter sich gebracht, das sind zwei Heimfahrten in den Norden und ein bisschen mehr. Dass ihr Weggefährte hauptsächlich steht, liegt auch am Winter: Anita braucht Strom. Strom um zu heizen, und Strom für ein bisschen elektrisches Licht. Irgendwann steht auf ihrem Wohnwagen-Umbauplan neben Leuchtsternen in der Schlafkoje und getrockneter Blumen-Deko auch eine Solarzelle auf dem Dach an. Bis es soweit ist, holt sie sich den Strom aber von Nachbarn. Anita hat ein altes Ehepaar gefunden, das ihr Strom gibt - ihre "Stromeltern", selbst Dauercamper. Sie steht nun direkt vor ihrem Haus, und über den Gehweg haben sie ein Stromkabel gespannt. Nun wird sie von ihnen immer wieder zum Kaffeetrinken eingeladen – und weiß, dass das Paar genießt, „jemandem zum Reden zu haben“.

Beziehungen mit Menschen machen ihre Erfahrung aus. „Ich habe wunderbare Menschen getroffen, die ich nie vergessen werde. Über die könnte man lauter Geschichten schreiben!“ Über ihr neues Leben führt Anita einen Blog, auf dem sie auch über die Menschen schreibt. Dazu gehören ihre „schrulligen“ Stromeltern, aber auch die Männer am Empfang beim SWR. Die Hälfte von ihnen kennt Anita und ihre ungewöhnliche Wohnsituation schon und streckt ihr reflexartig den Schlüssel zu den Duschräumen hin und scherzt mit ihr.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Ihre Wäsche wäscht sie im Waschsalon, Handy und Laptop lädt sie bei der Arbeit auf, geduscht und abgewaschen wird im Büro. Das Wohnmobil hat zwar einen Wassertank, den kann Anita bei Minusgraden aber nicht benutzen. Stattdessen verwendet sie einen 5-Liter-Wasserkanister, den sie immer wieder bei der Arbeit oder auf öffentlichen Toiletten neu mit Wasser füllt. „Ich gehe sozusagen zum Brunnen und hole mein Wasser“, lacht sie - fügt dann aber ernst an: „Ich muss mir also genau einteilen, was ich verwende: Nudelwasser, Wasser für Tee und Wasser zum Zähneputzen.“ So reicht ihr ein Kanister für etwa drei Tage. Auf keinen Fall dürfe man eitel sein: „Manchmal sehe ich morgens noch so richtig Zombie aus und muss durch das Bürogebäude laufen, und ein paar Kollegen sehen mich dann so im 'out-of-bed'-look.“

Bereut hat sie den Kauf nicht. Im Gegensatz: Er war sehr lukrativ. Wenn sie es bis zum Sommer darin aushält, dann wird das Wohnmobil nicht mehr gekostet haben, als die Miete für den Zeitraum. Sie sagt aber auch: „Man fühlt sich schon ein bisschen angreifbarer. Wenn es regnet, dann ist es total laut. Ich kann dann zum Beispiel nicht mehr telefonieren, weil es einfach zu laut ist.“ Trotzdem habe sie keine Angst. „Ich habe einen guten Schlaf. Und was wollen sie überhaupt holen?" Ein Pfefferspray liegt dennoch „ganz nah am Bett“. Die beste Abwehrmethode gegen Einbrecher sei aber ganz simpel: sichtbares Chaos. „Müll dein Fahrerhaus zu! Das sieht richtig eklig aus. Und dann hat niemand Lust, einzubrechen.“ Diesen Tipp gab ihr ein befreundeter Wohnmobilbesitzer.

Im Frühling der Traum vom Wohnmobil-Leben

Denkt Anita an den Frühling, dann kommt das Leben im Wohnmobil ihren ursprünglichen Vorstellungen näher. Sie will den Süden Deutschlands erkunden und malt sich aus, „morgens durch das kleine Fenster von der Sonne geweckt zu werden, das Fensterchen aufzumachen und auf einen See zu schauen".

Auch an die Nordsee will sie mit der Familie und dem Wohnmobil fahren, wenngleich solche Ausflüge mit dem Wohnmobil lange dauern. Nur 80 Kilometer schafft es pro Stunde. Da sind Zug oder andere Autos schneller. Trotzdem steht auch ein weiteres Ausflugsziel auf dem Plan, ein Ausflug mit Knudsen in die Stadt der Liebe: „Paris, das habe ich ihm fest versprochen. Es wird den Eiffelturm sehen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche - im Frühling dann.“ 

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Voglio Vivere Così ist eine Artikelreihe von acht Artikeln, in denen wir über alternative Lifestyles berichten. 8 Wochen, 8 Geschichten, gesammelt von unserem Cafébabel-Team.