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Wohnen im Waggon: Studentin lebt ein Jahr lang im Zug

Artikel veröffentlicht am 1. September 2015
Artikel veröffentlicht am 1. September 2015

Leonie Müller fährt seit Monaten Zug. Nicht ungewöhnlich, denkt man zunächst. Dass sie aber das Zugabteil ganz gegen einen Wohnsitz eingetauscht hat, ist es dagegen schon. Die 23-jährige Studentin lebt als Experiment ein Jahr lang in den Zügen der Deutschen Bahn - mit Übernachtungsstopps bei Freunden und Familie. Interview mit der Schienennomadin.

cafébabel: Du hattest Streit mit deiner Vermieterin in Stuttgart, richtig? Aber da kommt man ja nicht gleich auf die Idee, in der Bahn zu wohnen…wie war also die Entwicklung?

Leonie Müller: Genau, es gab eine Auseinandersetzung. Zum gleichen Zeitpunkt war ich bei meinem Freund in Köln, die Beziehung war gerade ganz frisch. Für mich stand fest, dass ich nicht mehr dort in Stuttgart bei meiner Vermieterin wohnen wollte. Mein Freund wusste, dass ich die letzten drei Semester zwischen Stuttgart und Tübingen gependelt und sowieso viel in Deutschland unterwegs war, und fragte mich: „Wie oft bist du eigentlich effektiv zu Hause?“ Dann war sofort die Idee mit der BahnCard 100 da.

cafébabel: Ist die BahnCard 100 nicht furchtbar teuer? Kann man für das Geld nicht irgendwo günstiger und bequemer unterkommen?

Leonie Müller: Stimmt, die BahnCard 100 kostet 4090 Euro. Das ist aber weniger als Miete, Semesterticket und Besuche bei Freunden und Familie zusammen!

Das Ding ist ja, dass ich ein ortsgebundenes Studium in Tübingen absolviere, also unter dem Semester jede Woche da sein muss und dafür auch Einiges vor- und nachbereiten muss. Wirklich gut arbeiten kann man nur in der Bahn. Fernbusse und Mitfahrgelegenheiten sind Quatsch. Also ist die BahnCard 100 die günstigste und praktischste Art für diesen Lebensstil.

cafébabel: Manchen Zeitungsberichten zufolge ist dein „Versuch“ Teil deines Medienwissenschaftenstudiums? Wenn ja, wie das?

Leonie Müller: Mein Blog reiche ich als Werkstück für meine Bachelorarbeit ein, dazu kommt eine wissenschaftliche Arbeit. Ursprünglich sollte sie sich um das Medium „Blog“ drehen, nachdem mein Projekt nun aber so viral gegangen ist (Berichterstattung in über 40 Ländern; Red.), wird das Thema dahingehend geändert.

cafébabel: Passiert es oft, dass du genervt bist, nie alleine sein? 

Leonie Müller: Nö, ich fühle mich auch mit mir alleine, wenn ich im Abteil sitze, aber andere Menschen da sind. Das ist für mich etwas Positives. Ich kann mich da gut rausnehmen und die Ruhe „in mir selber“ finden.

cafébabel: Wirst du schon manchmal durch den ganzen Medienrummel von Leuten erkannt, wenn du im Zug sitzt?

Leonie Müller: Bis jetzt saß ich noch nicht im Zug, seit die Aufmerksamkeit durch Spiegel Online und die Washington Post letzten Freitag „eskaliert“ ist. Montag geht’s aber weiter, und dann bin ich gespannt, wann ich erkannt werde. 

cafébabel: Mit wem hattest du dein bisher interessantestes Gespräch in der Bahn?

Leonie Müller: Mit einem Zugchef, zu dem ich spontan gegangen bin, nachdem er eine sehr witzige Durchsage gemacht hat. Die fing so an: „Willkommen in unserem ICE nach Dresden, heute mit dem Motto ‚Schlechtes Wetter draußen, gute Laune drinnen‘. Da dürfen Sie natürlich mitmachen, also bei der guten Laune“.

cafébabel: Hast du einen Lieblingszug beziehungsweise eine Lieblingsverbindung?

Leonie Müller: Alle Landschaften haben irgendwie was. Lieblingszug ist auf jeden Fall der ICE – dort lässt es sich am besten arbeiten, entspannen und Haare waschen.

cafébabel: Hat sich inzwischen eigentlich die Deutsche Bahn bei dir gemeldet? Du stellst ja im Grunde keine schlechte Werbeträgerin dar.

Leonie Müller: Nee, tatsächlich noch nicht! Wundert mich auch, denn für so viel, zwar nicht mega positive, aber gut-neutrale Berichterstattung über die Bahn, und auch noch weltweit, hat seit langem keiner mehr gesorgt. Auch wenn das nicht meine Absicht war.

cafébabel: Was sind die drei wichtigsten Dinge, die du beim Reisen immer dabei haben musst?

Leonie Müller: Laptop, Kopfhörer und eine Decke oder Mantel zum Zudecken.