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Wieso nicht nach Shanghai radeln?

Artikel veröffentlicht am 28. August 2014
Artikel veröffentlicht am 28. August 2014

Warum nach Shanghai fliegen, wenn du mit dem Rad fahren kannst? Alex Hurst erzählt uns über sein Abenteuer, das ihn 11.000 Kilometer weit von Istanbul nach Shanghai brachte. 

Eines Abends im letzten August kauerten ein Freund und ich am Lagerfeuer im Kaukasus in Georgien, als ein kleines Auto aus dem Nebel auftauchte, bis zur Wegesrand stotterte und nach ein paar Metern hielt. Ein kräftiger Georgier stieg aus dem Auto, brüllte auf Russisch und zeigte mit seinem Gewähr auf uns. Ich blickte meinen Freund nervös an und fragte mich, ob es eine gute Entscheidung gewesen war, in den Kaukasus zu kommen. Der Mann lachte, zog eine Flasche Wodka und zwei Pfirsiche aus seiner Tasche und wollte mit uns anstoßen: „Auf die Freundschaft“, sagte er. Wir tranken Wodka, schälten die Pfirsiche und atmeten vor Erleichterung auf, als er wieder in den Nebel fuhr. 

Wieso war ich überhaupt in dieser Nacht im Kaukasus? Nun, zusammen mit meinem Freund Nicolas, fuhr ich mit dem Fahrrad von Istanbul nach Shanghai - eine Reise entlang der 11.000 Kilometer langen Seidenstraße. Während diesen 5 Monaten radelten wir durch die Türkei, Georgien und Aserbaidschan, hatten mit der Steppe in Kasachstan, der Wüste in Usbekistan und den Bergen in Tadschikistan zu kämpfen, bis wir die lange Strecke von China bis Shanghai erreichten. Wir hatten beide gerade die Universität abgeschlossen und wollten alte Routen und neue Wege entdecken: Um die Überreste von Königreichen, Imperien und Khanate (Herrschaftsgebiete eines Khans, AdR) zu sehen. Wir wollten Teppichverkäufer, Kamelhirten und Freskomaler treffen, in Flüssen schwimmen und auf Berge klettern. Das Unbekannte entdecken. Und genau das haben wir tatsächlich gemacht.

Es gab natürlich Vorbereitungen. Wir kauften zwei Tourenfahrräder, packten unser Zeug zusammen und verlängerten unsere Reisepässe. Doch es gab so viel, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten. Für uns, wie für Marco Polo 700 Jahre vorher, war die Seidenstraße überraschender und zugleich surrealer als wir es uns vorstellen konnten. Manchmal war sie beängstigend: So auch als wir plötzlich an der Grenze zu Aserbaidschan auf die georgische Armee stießen. Während wir bloß einen angenehmen Spaziergang bei Sonnenuntergang auf einem Bergrücken machen wollten, dachten sie, wir würden die Integrität des souveränen Staates in Gefahr bringen - dieser kleine Perspektivenunterschied brachte uns eine einstündige, zornige Vernehmung im Angesicht einer AK-47 ein. Doch der eigentliche Moment purer Angst während der Reise war es, einen Kilometer durch einen stockdunklen Tunnel in West-China zu fahren. Ich konnte weder die Straße, noch die Wände oder das Ende vom Tunnel sehen. Also sang ich „I Have Confidence“ von „Sound of Music“. Noch nie habe ich mich so weit weg von Regentropfen auf Rosen und Katzenschnurrhaaren gefühlt. 

Die Wahrheit ist, dass wir mit dem Cowboy, den wir im Kaukasu trafen, am ehesten in Gefahr waren und das war noch nicht einmal wirklich schlimm. Das überrascht viele Leute. „War es nicht gefährlich?“, fragen sie, „hast du dich nie bedroht gefühlt?“. Meine Antwort ist dann einfach, dass ich mich von der Freundlichkeit der Menschen überwältigt gefühlt habe. Von 150 Tagen auf Reisen, verbrachten wir letztlich 40 unter den Dächern von komplett fremden Personen. Es ist unmöglich nun mehr abzuschätzen mit wie vielen Gläsern, Flaschen und Tassen Tee, Mengen an Pilau, frischen Feigen und getrockneten Aprikosen, Flaschen Wodka, Wein, Bier und Baijiu wir verwöhnt wurden. Wir hatten zu viele Gastgeber, um alle zu beschreiben oder erwähnen, doch einige stechen hervor: Sait, der Georges Bataille lesende Sohn devoter muslimisch, türkischer Migranten, der vor kurzem als Migrant aus Deutschland zurückgekehrt ist; Yuldash, der schwatzhafte aus Aserbaidschan, den wir auf der Fähre getroffen haben und der uns eine Woche später zu einer türkischen Hochzeit mitnahm, als wir sein Dorf durchfuhren; Muzaffar, der mir die zerstörten Überreste Tamerlans Hauptstadt in Shahrisabz zeigte; und Zafar, der uns schon nach zehn Minuten zu seiner Verlobungsfeier einlud. 

Einige Momente werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Durch das Wakhan Tal in Südtadschikistan zu fahren, vorbei an alten Festungen, Grabhügeln und Stupas, die vor Jahrhunderten von Räubern, Händlern und buddhistischen Missionaren verlassen wurden, war einzigartig. Ein illigaler und spektakulärer und riskanter Ausflug nach Afghanistan über den schnell zufrierenden Panj Fluss; mit einer frischen Brise im Nacken über die Ödlandfläche von Nordusbekistan zu fliegen, den letzen Abschnitt des Pamir Gebirges zu passieren und beobachten, wie der Weg sich in ein kupfergrünes Kirgisistan verwandelt. Doch eine Sache, an die ich mich von allen Dingen am meisten einnere, ist die Güte fremder Menschen. Geht raus und entdeckt es selbst! Besonders wenn ihr es mit dem Rad macht.

Ihr könnt mehr über die Reise auf unserem Blog www.whynotflytoshanghai.wordpress.com erfahren und vor allem noch mehr Bilder anschauen.