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Wie auf dem Balkan - aber unter dir Brüssel

Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2012
Manchmal erinnert mich Brüssel an den Balkan. Nicht das Europaviertel, das über die Medien in die Welt strömt und dort das Bild der belgischen Hauptstadt prägt. Ich meine auch nicht die verzwickte politische Situation, die ständigen Konflikte zwischen zwei Volksgruppen und den Umstand, dass Belgien noch vor kurzem den Weltrekord der Regierungslosigkeit aufgestellt hat.

Brüssel erinnert mich an den Balkan. Nicht das politische Brüssel, sondern das Brüssel, in dem ich lebe. Seine löchrigen und manchmal recht willkürlich neu verputzten Straßen, seine etwas vernachlässigt wirkenden, aber mit vielen Ornamenten verzierten Häuserfassaden, seine alten und oft unzuverlässigen Straßenbahnen, die verbeulten Autos … Und dann sind da nicht zuletzt die Menschen, die ihre Zeit am liebsten in den zahlreichen schön eingerichteten Cafés und Restaurants verbringen und eine Gelassenheit an den Tag legen, für die ich die Brüsseler bewundere. Sie stehen stundenlang Schlange in der Post, warten geduldig im Krankenhaus und fragen sich nie auch nur ein klein wenig angesäuert, warum die Bahn nicht endlich weiterfährt. 

Prinzipiell schon in Brüssel 

247 Tage ohne Regierung und andere abstruse Rekorde aus Belgien

Die Bewohner von Brüssel sind Menschen, die zwar wissen, dass es Regeln gibt, eine Abweichung von diesen Regeln aber dennoch möglich ist. „En principe oui mais…“ [Prinzipiell schon, aber] ist eine Standardantwort auf die Frage, ob dieses oder jenes denn notwendig sei. Braucht mein siebenjähriger Sohn einen Fahrschein, wenn er mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt? „En principe oui mais…“. Sinngemäß ist das die gleiche Einstellung, die meine kroatischen Verwandten mit „Nema problema“ zum Ausdruck bringen. Eine Floskel, die auch die Belgier mit Vorliebe verwenden. Nur, dass diese erst gar keine Sorgen aufkommen lassen: „Pas de souci“ [kein Problem], sagen sie mit einem milden Lächeln. 

In Brüssel begrüßt man sich mit Küsschen, nicht flüchtig einmal links und rechts, sondern herzlich auf nur eine Wange. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich die Menschen hier so mag. Sie sind mir vertraut. Meine oben genannten kroatischen Verwandten wundern sich, dass auch ihnen hier vieles so vertraut vorkommt. So sind sie beinahe die einzigen, die ich mit Begeisterung dazu bewegen kann, das belgische Nationalgericht „Moules Frites“ [Muscheln und Pommes] zu essen – selbst wenn sie mir danach versichern, dass Miesmuscheln an der Adria doch um einiges besser schmeckten. 

Belgien an der Adria

Manchmal erinnert mich Belgien also an Kroatien. Nicht nur wegen der Miesmuscheln. Auch wegen der Größe des Landes und seiner doch erstaunlichen Vielfalt. Es gibt ein Meer (wenn auch kein so schönes wie die Adria) und es gibt ein Gebirge. Die Städte weisen zahlreiche architektonische Schätze aus fremden Herrschaftsepochen auf: Dubrovnik, Split, Pula auf der einen Seite – Antwerpen, Brügge, Gent auf der anderen. Sowohl Brüssel als auch Zagreb waren Habsburger Residenzen – wenn auch nicht zur gleichen Zeit und nicht mit der gleichen Bedeutung. 

Genau wie ich früher immer ansetzen musste um zu erklären, warum es kein „Jugoslawisch“ gibt, erkläre ich nun, warum es nicht „Flämisch“ oder „Wallonisch“ heißt (nach „Belgisch“ werde ich zum Glück selten gefragt) , sondern ganz einfach „Niederländisch“ und „Französisch“, mit jeweils regionalen flämischen oder eben wallonischen Eigenarten. Kleine Länder brauchen eine große Lobby – das gilt für den Balkan ebenso wie für Belgien. Zum Beispiel in der Verlagslandschaft. Während man im Ausland französische Presseerzeugnisse kennt und kaufen kann, und Literaturpreise über die Landesgrenzen hinweg hohe Verkaufszahlen garantieren, sind von den belgischen Exporten nur Pralinen, Bier und Fritten bekannt. Letztere in Amerika übrigens unter dem fehl leitenden Namen „French fries“. Von den Walt-Disney-Figuren einmal abgesehen, sind die meisten Comic-Helden unserer Kindheit in Belgien geboren: Tim und Struppi, die Schlümpfe, das Marsupilami. Doch wer könnte auf Anhieb belgische Autoren nennen?

Amélie Nothomb zum Beispiel. Von ihr wissen die Leser in der Regel, dass sie in Japan großgeworden ist – aber nehmen sie sie als belgische Autorin war? Ihre Bücher werden von einem großen französischen Verlag herausgegeben. Dass Paul Verlaine und Arthur Rimbaud ein Liebespaar waren, ist ziemlich bekannt – nicht aber, dass ganz in der Nähe der Brüsseler Grand’ Place die berühmte Eifersuchtsszene stattgefunden hat, bei der Verlaine seinen Freund Rimbaud mit einem Revolver verletzte. Victor Hugo hat hier im Exil gelebt, ebenso wie Karl Marx, der in der Straße, in der ich wohne, sein Kommunistisches Manifest geschrieben hat.

Gehören ins Brüsseler Stadtbild

Kein Wunder auch, dass Belgien das Land der großen surrealistischen Maler ist. René Magritte und Paul Delvaux haben es hervorragend verstanden, das Unwahrscheinliche wahrscheinlich werden zu lassen. So sagte René Magritte: „Im Hinblick auf meine Malerei wird das Wort ‚Traum’ oft missverständlich gebraucht. Meine Werke gehören nicht der Traumwelt an, im Gegenteil…Träume, die nicht einschläfern, sondern aufwecken wollen.“

Jacques Brel - auch er der Wahrnehmung nach „französisiert“ – prägte ein weiteres Zitat, auf das hier in Brüssel gerne verwiesen wird. „J’aime les Belges“ [Ich liebe die Belgier]. Und so habe auch ich eine große Liebe für dieses kleine Land entwickelt. Es ist mir eine Heimat geworden, die dritte neben Deutschland und Kroatien. Deshalb freue ich mich schon jetzt, wenn mir bald – so die Politik es will – nicht nur von Italienern, Griechen, Spaniern und Franzosen, sonder auch von irgendeinem „Balkanesen“ im chaotisch-bunten Brüsseler Kreisverkehr die Vorfahrt genommen wird. 

Ein Artikel von Patricia Fridrich

Illustrationen: Teaserbild (cc)David Olkarny Photography/flickr; Im Text: Straße (cc)Elilemie/flickr; Tintin (cc)Gilderic Photography/flickr