Lifestyle

Wenn Polens Expats Heimweh haben

Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2015

Wie schmecken Erdbeeren in Polen? Wie fühlt sich knackig-frische Luft in Warschau an? Hier ist, wonach Polens Expat-Community in Europa am meisten Heimweh verspürt. 

Frische Brise

Jedes Mal wenn ich in der Ankunftshalle des Warschauer Flughafens stehe, überrascht es mich immer wieder von Neuem, wie knackig-frisch die Luft hier ist.  (Ana, 31, aus Warschau, lebt in Brüssel)

Geschmack von gestern

Ich fühle mich der Natur stark verbunden. Ich war schon an so vielen außergewöhnlichen und exotischen Orten. Aber nur wenn ich heim nach Polen fahre, fühlt sich die Natur tatsächlich als die 'meine' an. Über die bewaldeten Hügel und Felder, die in der Region Podlasien wie Flickenteppiche ausgerollt liegen, kann man ab und zu noch Szenen wie aus dem letzten Jahrhundert beobachten: Da läuft zunächst ein Pferd, das den Pflug hinter sich herzieht; hinter dem Pflug läuft ein Bauer, gefolgt von einem Storch, der Maden aus den Furchen pickt. Im Sommer fehlt mir auch der Geruch von frischen Piniennadeln und Wildrosen in den sandigen Wäldern an der Küste. (Kasia, 27, aus Warschau, lebt in Lancaster)

Polnische Jahreszeiten

Ich vermisse echte heiße und sonnige Sommer. Echte klirrekalte, weiße Winter mit einer Menge Schnee (und Sonnenschein) samt Schneemann und Schlittenfahren. Echte, farbenfrohe, kühle und raschelnde Herbste. Echte frische Frühjahrsluft. Mir fehlen die Gerüche all dieser Jahreszeiten. (Maciej, 51, aus Torun, lebt in Dundee)

Humor von Zuhause

Ich vermisse Menschen, die meine Jokes und Referenzen zu polnischen Filmen wie beispielsweise Miś verstehen. Die sind nämlich wirklich großartig. Aber auch wenn man versucht, diese Witze zu übersetzen, kapieren die Leute unseren Humor nicht.  (Kasia, 27, aus Warschau, lebt in Lancaster)

Szene aus dem Film Miś (1982)

Andere Version der Weltvision

Ich vermisse News, die nicht immer nur von einem Planeten berichten, auf dem die USA das Zentrum der Welt mit einigen Satellitenstaaten wie Großbritannien und Frankreich darstellen.  (Kasia, 27, aus Warschau, lebt in Lancaster)

Neutrales Terrain

Ich vermisse, wie wir Polen miteinander umgehen. Im Ausland gehen Polen nicht allzu freundlich miteinander um. Wir sind viel offenherziger, wenn Land und Kultur 'neutral' sind. Wenn wir uns woanders befinden, ändert sich das schnell und wir gehen uns aus dem Weg. (Artur, 32, aus Kołobrzeg, lebt in Sarajevo)

Stadtleben

Hier in Slowenien, in so einem kleinen Land, fehlt mir urbanes Leben, die Leute die dazugehören, Mode, Ansichten und Meinungen. (Jagoda, 32, aus Warschau, lebt in Slowenien)

Radiostimmen

Mir fehlt mein Lieblingsradio Trójka oder genauer gesagt bestimmte Stimmen der Radioprogramme, die ich als Studentin gehört habe. Sie waren treue Begleiter in diesen Tagen. (Agata, 27, aus Warsaw, lebt in Brüssel)

Theater auf Polnisch

Es ist besser, Theater in deiner Muttersprache zu sehen. Auch wenn mein Englisch sehr gut ist, strengt es mich immer noch sehr an, den Sinn, Doppeldeutigkeiten oder Referenzen des Autors zu kapieren. Dann muss ich mich manchmal zu sehr konzentrieren und das macht das Erlebnis kaputt. Es macht müde. Wenn das Ganze auf Polnisch ist, macht es einfach mehr Spaß. Es kommt einfach alles bei mir an. Im Ausland fühle ich mich im Theater einfach ein bisschen beschränkt. (Marysia, 32, aus Łódź, hat in Frankreich gelebt)

Sonntagslunch

Was ich am meisten vermisse, sind unsere Familienmittagessen an Sonntagen, die Küche meiner Mutter, die immer viel Fleisch beinhaltete (Röstente oder Karnickel für festlichere Angelegenheiten sind definitiv meine Favoriten). Dazu gab es meistens Kartoffeln und Salatbeilage. Ja, und auch wenn die polnische Küche den Ruf hat, ziemlich heftig und deftig zu sein, habe ich echt nichts dagegen, mich ab und an wirklich draufzustürzen. Ich habe auch festgestellt, dass ich weniger Kartoffeln esse, seit ich aus Polen weggegangen bin. Schälen ist echt ätzend! (Agata, 27, aus Warschau, lebt in Brüssel)

Polnisches Brot

Essen transportiert dich zurück in deine Kindheit und schmeckt einfach großartig, das kann jetzt ein Stück guter Schinken sein, eine Suppe oder einfach gutes, frisches Brot aus Polen. (Artur, 32, aus Kołobrzeg, lebt in Sarajevo)

Biały ser (eine spezielle Form von Cottage Cheese), Bigos und Wodka oder Brot (du wirst nirgendwo so gutes Brot wie in Polen finden!). (Jagoda, 32, aus Warschau, lebt in Slowenien)

Saure Gurken

Mir fehlen 'ogorki kiszone' (salzige, saure Gurken, die einige meiner spanischen Freunde gern auch "verrottete Gurken" nennen). Ich erinnere mich, dass ich sie als Kind gehasst habe. Aber jetzt kann ich absolut nicht mehr ohne sie und muss sie unbedingt essen, wenn ich heim fahre." (Agata, 27, aus Warschau, lebt in Brüssel)

Erdbeeren

Ich habe neulich ein kleines Experiment gemacht und belgische Erdbeeren drei Wochen lang in meinem Kühlschrank gelassen. Sie haben sich keinen Deut verändert. Sie sind knallrot, perfekt und glänzend geblieben. Ich denke mal, das kann nicht sehr gesund sein. (Ana, 31, aus Warschau, lebt in Brüssel)

Spontane Gespräche

Dieses Gefühl, dass du durch die Straßen läufst und plötzlich sagt jemand hallo oder Guten Morgen und unterbricht seinen Spaziergang, nur um sich mit dir zu unterhalten. Ich weiß, sowas kann man auch anderswo erleben, aber zu Hause hat sich das einfach anders angefühlt. (Maciej, 51, aus Torun, lebt in Dundee)

Tradition

Ich denke, der Familienzusammenhalt in Polen ist besonders stark. Auch wenn die Leute es sicher nicht zugeben werden, aber Weihnachten außerhalb von Polen zu feiern, ist einfach nicht das selbe. Auch wenn du eine neue Familie irgendwo hast, werden sie höchstwahrscheinlich dazu gezwungen sein, mit dir zu Weihnachten nach Polen zu fahren. Polnisch zu sein ist ein Katalog von herzensnahen Dingen wie Sprache, Kultur, Familie und Tradition. Letztere ist dem Untergang geweiht, da wir für solche 'dummen Sachen' ja immer weniger Zeit haben. Viele junge Leute bevorzugen ihre individuelle Freiheit und Unabhängigkeit (oder geben das zumindest vor). (Jagoda, 32, aus Warschau, lebt in Slowenien)

Home is where...

Ich vermisse eigentlich gar nichts. Ich könnte jetzt sagen, dass ich meine Freunde vermisse. Aber die meisten von ihnen leben selbst auch im Ausland. Ich denke der Schlüssel, um das ganze Ding zu verstehen, ist, dass ich mein Land aus Neugier verlassen habe. Ich wollte sehen, wie das Leben anderswo ist. Irgendetwas in Polen hat mich also nicht komplett ausgefüllt. Ich mag Exotisches, Andersartiges, Entdeckungen und Überraschungsmomente: und das konnte ich in so einer homogenen Gesellschaft wie der polnischen vielleicht einfach nicht finden. Ich habe an mehreren Orten gelebt und habe nicht das Gefühl, eine Nationalität zu besitzen, sondern eine Mischform. Ich denke, es gibt eine neue Kategorie von Menschen, denen die Frage 'fehlt dir dein Zuhause?' irrelevant erscheint. Ihnen erscheint die Definition des Ortes, an dem du geboren und aufgewachsen bist, als ihre Heimat als überholt. Ich habe kein Zuhause. Bin zu oft umgezogen. Es gibt natürlich das Zuhause meiner Familie - aber das ist nicht meins. Meine Heimat ist die, die ich selbst wähle. Vielleicht suche ich noch danach. (Aleksandra, 30, aus Wroclaw, gerade in London, auf der Suche nach einem neuen Zuhause)

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#Polishweek - Dieser Artikel ist Teil einer Serie zu Polen auf cafébabel.