Lifestyle

Was ich im Supermarkt über die deutsche Esskultur gelernt habe

Artikel veröffentlicht am 4. August 2015
Artikel veröffentlicht am 4. August 2015

Vergesst Wurst und Kartoffeln - in Wirklichkeit ist deutsches Essen viel vielfältiger und manchmal viel sonderbarer als die Klischees Einen glauben machen wollen. Eine amerikanische Studentin, die in einem Hamburger Supermarkt arbeitet.

Ich arbeite für eine deutsche Supermarktkette, wo ich Artikel für die Onlinebestellungen der Kunden zusammensuche. Ich darf einen netten kleinen Scanner rumtragen und einen großen Einkaufswagen schieben und den Standort auch der obskuresten Supermarktprodukte kennenlernen, von Studentenfutter (einer Mischung aus Trockenfrüchten und Nüssen) über Buttermilch mit Mangogeschmack (ja, Deutsche trinken Buttermilch pur) bis hin zu Hüttenkäse.

Ich bin eine Journalismusstudentin und nutze diesen Teilzeitjob, um mich während des Studiums über Wasser zu halten. Obwohl mich die Arbeit nicht stört, finde ich es etwas deprimierend zu sehen, wie ungesund sich die Menschen ernähren – wie in den USA scheinen Tiefkühlpizzas, Dosensuppen und Mikrowellengerichte zu den Grundnahrungsmitteln vieler Menschen zu gehören. Ganz abgesehen davon Chips und Süßigkeiten: Ich habe weit mehr deutsche Süßwarenhersteller kennengelernt als Milka, Haribo und Ritter Sport und Kartoffelchips in Geschmacksrichtungen gesehen, von deren Existenz ich bisher nichts wusste, Bacon oder Paprika zum Beispiel. Und vergessen wir nicht den super billigen Alkohol! Heute hat ein Kunde 18 Ein-Liter-Flaschen Gordon's Dry Gin zusammen mit 18 Flaschen Schweppes Indian Tonic Water bestellt. (Ich kann nur vermuten, dass er eine Party geschmissen hat oder ein schwerer Alkoholiker war). Der Preis für 18 Liter 40-prozentigen Alkohols? 180€, knapp 10€ die Flasche.

Was ich außerdem von den Deutschen gelernt habe, ist, dass Amerikaner nicht viel über Milchprodukte wissen. In den USA beschränken wir uns mehr oder weniger auf Milch, Butter und Joghurt. In größeren Supermärkten kann man auch andere Produkte wie Sahne, Frischkäse, Hüttenkäse und Sour Creamfinden und, wenn man weiß, wo man suchen muss, vielleicht sogar Crème Fraîche. Die Deutschen haben zusätzlich noch Quark, eine Art dicke, milchbasierte Substanz, die aufs Brot geschmiert oder gelöffelt werden kann. In Deutschland kann man all die genannten Produkte auch mit mindestens zwei verschiedenen Fettanteilen finden, und sogar die unterscheiden sich – statt 1% und 2% Milch, kann man markenabhängig 1,3%, 1,5%, 1,8%, 3,5% und 3,8% finden. Trotz ihrer Vorliebe für Rohmilchkäse wird man aber keine rohe Milch im Supermarkt finden: stattdessen gibt es eine Art ultrapasteurisierte Milch, die nicht in den Kühlschrank muss. Diese Milchprodukte haben eine Vielzahl unterschiedlicher Geschmacksrichtungen, von süßen und fruchtigen Aromen für Joghurt und Buttermilch zu herzhaften Geschmäckern wie Kräutern, Paprika oder Knoblauch für Frischkäse, Quark und Butter.

Zusätzlich hat das Leben in Deutschland mich gelehrt, dass es viel mehr Brotsorten auf der Welt gibt, als ich vorher annahm. Normales „Toastbrot“ ist hier nicht so beliebt und einfaches, fluffiges Weißbrot schwer zu finden. Stattdessen bevorzugen Nordeuropäer alles zwischen mittel-dunklem Vollkornbrot, Nussbrot und sehr dunklem Roggenbrot. Ich habe schon Sonnenblumenkernbrot, Kürbiskernbrot, Karottenbrot, Kartoffelbrot, Vollkornbrot und Proteinbrot gesehen, um nur einige zu nennen. Wenn ein Deutscher dich zum Frühstück einlädt, darf man meist mindestens zwei Arten geschnittenes Brot mit verschiedenen Belägen und Aufstrichen erwarten, einschließlich Quark, Frischkäse, Schnittkäse, Wurstaufschnitt, Butter, Marmelade oder Nutella. In Holland und Belgien tun sie Schokostreusel aufs Brot. Belegte Brote sind in diesem Teil der Welt eine vollwertige Mahlzeit – seht euch nur das dänische Nationalgericht an, smørrebrød.

Ein sonderbares kulturelles Phänomen, von dem ich kaum glauben kann, dass die Deutschen dafür im Ausland nicht bekannter sind, ist ihre Vorliebe für karbonisiertes Wasser. Wasserflaschen in 1,5-Liter-Sixpacks oder 12-Liter-Kästen gehören zu den Bestellungen, die ich am wenigsten gern im Supermarkt zusammensuche, teils, weil ich die Kunden dafür verurteile, Geld zu verschwenden und die Umwelt zu zerstören, teils, weil sie wirklich schwer herumzuschleppen sind und teils, weil es fast unmöglich ist, genau die bestellten zu finden, da es so viele verschiedene Sorten gibt. Zusätzlich zu den vielen Firmen, die Wasser in Flaschen produzieren gibt es auch noch verschiedene Grade der Karbonisierung, von natürlichem oder stillem Wasser bis zu Mineralwasser, medium und Sprudelwasser. Während mein Mitbewohner und ich unsere mageren Studenteneinkünfte lieber nicht auf etwas verschwenden, das wir umsonst aus der Leitung bekommen, haben die meisten „echten“ deutschen Haushalte einen Stapel großer 1,5-Liter-Flaschen Wasser mit Kohlensäure auf Vorrat, zum Trinken während des Essens. Einige Deutsche scheinen es als Beleidigung ihrer Gastfreundschaft anzusehen, wenn ich stattdessen um Leitungswasser bitte. Sie sagen dann „Nein, das ist schon in Ordnung, wir haben Mineralwasser, du musst nicht aus der Leitung trinken.“

In Deutschland ist im frühen Sommer Erdbeer- und Spargelzeit. Irgendwann im Mai oder Juni fangen hunderte kleine, erdbeerförmige Kioske an, in der Stadt aufzutauchen und frischen, regionalen Spargel und Obst zu verkaufen. Erdbeeren sind am beliebtesten, aber ich habe auch Himbeeren, Blaubeeren und Kirschen zum Verkauf gesehen. Spargel nimmt auch einen besonderen Platz in der deutschen Esskultur ein. Ich verstehe immernoch nicht genau warum, aber ich denke es liegt teilweise daran, dass er den Sommeranfang markiert, und teilweise daran, dass die Leute ihn schon als Kinder gegessen haben und er daher eine besondere Bedeutung für sie hat. Während ich aus Washington grünen Spargel, gegrillt, gedünstet, oder frisch gegessen gewohnt bin, bevorzugen die Deutschen die dickeren, faderen Stämme weißen Spargels, meistens in einer genauso faden Spargelcremesuppe gekocht (deren Reiz ich noch zu verstehen habe). Viele Restaurants legen während dieser Saison sogar eine besondere „Spargelmenü“-Einlage in ihre gewöhnlichen Speisekarten.

Obwohl man Schnitzel und Wurst im Haus der deutschen Oma finden kann, ist das, was die Deutschen Tag für Tag essen heute ganz anders als noch vor fünfzig Jahren. Tiefkühlpizzen und Schokoriegel haben in der westlichen Welt eine fast universelle Anziehungskraft und Deutschland macht keine Ausnahme. Wenn ihr dort seid, haltet einfach Ausschau nach komischen Gerichten mit Milch oder Spargel.

Eine Version dieses Artikels erschien zuerst auf Alison Haywoods Blog, Following the Wanderlust.