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Warum so viel Wind um das Pupsen machen?

Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2017

Jeder Mensch pupst. Aber nur wenige reden darüber. Ein Tabu, das sich sich im Laufe der Zeit verbreitet hat und sich bis heute in den meisten gesellschaftlichen Konventionen wiederfindet. Der Historiker Pierre-Thomas-Nicolas Hurtaut und Sachbuch-Autorin Giulia Enders erklären warum.

Wer hat eines Tages verfügt, dass ein Pups anstößig sein muss? Von feinen Kennern als Darmgas bezeichnet, wird er sozial nur dann akzeptiert, wenn man ihm mit Humor begegnet. Als Verursacher einer Flatulenz bezeichnet zu werden, wird oft als beschämend erachtet. „Hast du einen fahren lassen? Im Ernst?“ Diese, wie eine Anschuldigung klingende Frage zeugt von einem Tabu, das so alt ist wie die Welt: das Pupsen in der Öffentlichkeit.

Bäcker-Pups oder Bürgerlichen-Pups?

Um ein bisschen Druck abzulassen, hat cafébabel seine Community zunächst aufgefordert, witzige Ausdrücke rund ums Pupsen zu schicken. Und einmal mehr kam das Tabu zum Vorschein. Mehrere Antworten sind als Privatnachricht eingegangen, Zeichen dafür, dass der Pups in Europa immer noch verlegen macht. Dabei ist diese Zensur für uns schädlich, ja sogar gefährlich. „Sklave eines Vorurteils zu sein, kann teuer zu stehen kommen. So starb eine Frau, die aus Eitelkeit seit zwölf Jahren nicht mehr gepupst hatte, am Zurückhalten ihrer Winde.“ Diese Anekdote stammt von dem französischen Schriftsteller und Historiker Pierre-Thomas-Nicolas Hurtaut, der 1751 einen theoretischen Essay über die Kunst des Pupsens veröffentlichte.

Dem Autor zufolge werden die „Winde“ gleich bei ihrem Abgang Opfer von Vorurteilen. Die zusammengepresste Luft versuche aus dem Körperinneren zu entweichen, bis sie schließlich hastig austrete, sobald sie einen Ausgang finde, den beim Namen zu nennen der Anstand verhindere, schreibt er. Der Autor reizt das Thema konsequent aus und listet im letzten Buchkapitel „Einige heitere Pupse“ auf, die er nach Note und Klang einteilt. In fünf Zeilen entdeckt man hier die jeweiligen Besonderheiten der Pupse eines Bäckers, eines Bürgerlichen oder auch einer verheirateten Frau.     

Die besten Ausdrücke Europas rund ums Pupsen (für dt. Untertitel auf das kleine Rädchen klicken)

Eine Lobby für die Winde

Neuerdings gibt es aber auch eine gewisse Kritik an der Selbstzensur des Pupsens, insbesondere seit der Veröffentlichung des Bestsellers Darm mit Charme der deutschen Medizinstudentin Giulia Enders 2014. Der Sachbuch-Autorin zufolge beruhe das Tabu ausschließlich auf unserem äußeren Schließmuskel. Dieser nämlich vermittele zwischen unserem Wohlbefinden und unserer Umgebung. Enders erklärt, dass unsere Schließmuskeln über zwei Kontrollmechanismen verfügen. Der innere Schließmuskel sorge sich einzig und allein um unser Wohlbefinden, der äußere müsse Kompromisse mit der Außenwelt eingehen.

Die junge Wissenschaftlerin erachtet den Pups für nützlich. Das Empfinden von Ekel sei für gewöhnlich dazu da, uns vor Gefahren zu schützen, erzählt sie weiter. „Wenn der Körper sagt, dass es nicht gut riecht, dann sollte man nicht weitermachen.“ Giulia Enders zufolge würde das Verständnis über die Ursachen des Pupsens eine Änderung unserer Denkweise ermöglichen.

Der Franzose Hurtaut erachtet den Pups nicht nur als nützlich, sondern auch als angenehm für die Gesellschaft. Die Flatulenz trage zum Vergnügen bei, denn sie löst überall wo sie auftritt Gelächter und Spaß aus.

Über den Aspekt der Lächerlichkeit hinaus verbirgt sich hinter dem Begriff des Pupses aber auch eine Vielzahl kulturphilosophischer Fragen. Giulia Enders' Analyse geht in diese Richtung: „Seit mehreren Jahrhunderten denken die Menschen, die Luft eines Pupses zu riechen, mache krank; und diese Furcht hat sich meiner Meinung nach in unserer Kultur verfestigt.“

Tatsächlich ist das Thema des öffentlichen Pupsens kein neues. Es verweist auf eine Debatte, die so alt ist wie die Welt: Ist der Mensch ein Natur- oder ein Kulturwesen? Seit Anbeginn der Zeit versucht der Mensch, sich mit Hilfe der Technik von der Natur unabhängig zu machen. Nur dass es schwierig ist, seine Blähungen zu beherrschen. Pupsen gehört zu den Dingen, die sich dem technischen Fortschritt noch entziehen. Dies kann zum Teil erklären, warum man sich beim Absetzen von Winden oft schämt. Jedoch ist das Zurückhalten nicht unbedingt die beste Lösung. Also, keine falsche Scham. Und: locker lassen!