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Voluntourism: Entwicklungshilfe oder Abenteuerurlaub?

Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2016

Möchtest du die Welt retten, eine Erfahrung machen, die dein Leben verändert und gleichzeitig auch noch deinen CV aufpolieren?  Einige Organisationen haben schnell erkannt, dass in den Wünschen junger Leute und der Entwicklungshilfe ein großes Marktpotenzial steckt. Sie haben verstanden, wie aus einem altruistischen Projekt ein Business wird, das allen nützt, nur nicht der lokalen Bevölkerung.

„Peru gilt als eines der ärmsten Länder Südamerikas. In einem Land, in dem einer von zehn Einwohnern an Unterernährung leidet und es eine Analphabetenrate von 9,5% und eine Kindersterblichkeit von über 30% gibt, ist der Bedarf an Hilfe groß und die Unterstützung durch Freiwillige sehr willkommen. Auf deiner Reise wirst du aber auch die Möglichkeit haben, die faszinierende Kultur des Landes zu entdecken, ebenso wie das Heilige Tal der Inka und eine atemberaubende Landschaft.“

Möchtest du ein südamerikanisches Land in drei Wochen aus der Armut befreien, stolz ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Volunteer“ tragen, aber auch Salsa tanzen und einen Boottrip zum Titicaca-See machen? Dann gibt es eine gute Nachricht. Das Ganze bekommst du bei Projects Abroad für um die 3000 Euro (ohne Flug).

Seit 1992 hat die Organisation ca. 10 000 Freiwillige auf alle fünf Kontinente entsandt. Die meisten der rund 30 Länder, die Projects Abroad im Angebot hat, sind Entwicklungsländer. Auf der Homepage werden die vielen Ziele mit verlockenden Fotos angepriesen: Costa Rica, Bolivien, Senegal, Madagascar, Kambodscha und Fiji, um nur einige zu nennen. Dank des guten Netzwerks vor Ort kann dich Projects Abroad jederzeit für jeglich erdenkliche Mission ins Ausland schicken. Du kannst eine Bücherei bauen, Waisenkinder unterrichten oder aber auch noch schwerere Aufgaben übernehmen, wie den Schutz der Menschenrechte oder ein Zahnmedizin-Praktikum absolvieren. Auf deinen Wissensstand kommt es nicht an, was wirklich zählt ist deine Motivation. Durch die Arbeit mit den Leuten vor Ort gewinnst du Erfahrung und die lokale Bevölkerung profitiert wiederum von deinem Wissen. 

Zwischen Bauarbeit und Safarireise

Was könnte es Großzügigeres geben, als in ein Entwicklungsland zu reisen und seine Zeit und Hilfe umsonst anzubieten? In Wirklichkeit treten viele junge Leute mit guten Absichten in eine Falle. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer außergewöhnlichen Erfahrung, der Lust zu reisen und einer gesunden Portion Altruismus, sind sie bereit Geld auszugeben für einen Trip, der ihnen alles auf einmal ermöglicht. „Bei Projects Abroad haben wir es mit einer Organisation ohne wirklichen Namen zu tun“, erklärt Pierre de Hanscutter, Direktor von Service Volontaire International in Brüssel. „Projects Abroad bedient sich der Träume junger Leute und bleibt dabei ziemlich vage. Es fallen Begriffe wie humanitäre Organisation und NGO. In Wirklichkeit aber ist es ein Business und du bist der Kunde. Der Preis dient dazu, die Teilnehmer aber auch deren Eltern zu vergewissern. Sie glauben, dass es sich dadurch um ein seriöses das Angebot mit einem gewissen Qualitätsversprechen handelt.“

Was passiert, wenn die Freiwilligen vor Ort ankommen? So gut wie nichts des bezahlten Geldes kommt den lokalen Projekten zugute. Wenn die Organisation darauf angesprochen wird, hat sie dafür Erklärungen parat: administrative Kosten, Bezahlung des Unterstützerteams etc. Eine Sache ist sicher, die Freiwilligen arbeiten und bekommen dafür eine Unterkunft gestellt. Aber die Meinungen gehen auseinander. Amy*, eine angehende Grundschullehrerin, kam begeistert aus Peru zurück, wo sie Englischunterricht gegeben hat: Das Land war für zwei Monate mein El Dorado. Ich habe nach einer Erfahrung gesucht, um genau die Dinge zu lernen, die man nicht in der Uni lernen kann. Ich habe den Kindern ganz einfache Grammatik und simple Vokabeln anhand von Spielen und Aktivitäten beigebracht. Man muss ganz schön kreativ sein, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen!“ Pippa, eine junge Amerikanerin, die gerne reist, hat eine andere Meinung von ihren zwei Wochen in Tansania: „Ziel unseres Trips war es, eine Bücherei zu bauen, nur hatten wir überhaupt gar keine Ahnung vom Bauen. Deshalb haben die Arbeiter unsere Steine jede Nacht wieder abgerissen und von vorne angefangen. Am nächsten Morgen haben wir davon nichts bemerkt. In der zweiten Woche haben wir dann eine Safari gemacht.“

Projects Abroad zeigt euch wie es wirklich geht.

Pippa spricht das Problem an, das es mit vielen Freiwilligen gibt: Ihnen fehlt die nötige Kompetenz. Sie schämt sich dafür: „Wir bringen wenig kompetente und ausgebildete junge Leute in diese Länder, damit sie vor Ort Erfahrungen machen können. Alles ist auf sie ausgerichtet.“ Das ist das vielgepriesene Markenzeichen von Projects Abroad, aber eines, das sehr ernste Folgen haben kann: „Medizinstudenten in ihrem ersten Jahr gehen dort hin, um Erfahrungen zu sammeln“, erklärt Pierre. „Blutige Anfänger nähen Wunden und bringen Kinder zur Welt. In welchem europäischen Land wäre das erlaubt?“ Für den Freiwilligen ist es aber eine Erfahrung, die sich gut im Lebenslauf macht. 

Und selbst wenn die Freiwilligen gut ausgebildet sind, kann ihre bloße Anwesenheit negative Folgen für den lokalen Arbeitsmarkt haben. Pippa stellt sich folgende Frage: „Wenn eine Schule ausländische Freiwillige als Lehrkräfte bekommen kann, welchen Anreiz hat sie dann noch, lokale Lehrer auszubilden und einzustellen? Dieses weit verbreitete System hat einen großen Einfluss auf das Wachstum und die Unabhängigkeit der Gemeinden, in welche die Freiwilligen entsandt werden.“ Damit entsteht genau das Gegenteil des ursprünglich gewollten Zieles. Auch die Schüler beeinflusst dieses System negativ, denn sie haben Woche für Woche neue Freiwillige in ihrem Klassenzimmer. Sie müssen sich dadurch immer wieder an eine neue Person und eine neue Art von Unterricht anpassen.  

Helfen zu wollen reicht deshalb nicht aus. „Trotz aller guten Intentionen, entsteht ein großer Schaden“, sagt Pierre de Hanscutter. „Viele junge Leute wollen etwas Cooles, etwas Einzigartiges machen. Ihnen ist aber nicht bewusst, dass sie dadurch Freiwilligenprojekte zu einem Ausflug in den Zoo machen.“ Hinter dem Begriff „Voluntourism“ – zusammengesetzt aus „volunteer“ (Freiwilliger) und „tourism“ (Tourismus) -  stecken die unterschiedlichsten Szenarien: von den naiven Jugendlichen über angehende Professionals zu Abenteurern auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Erfahrung. Sie alle zeichnen sich aber durch ein falsches Verständnis von Freiwilligenarbeit und durch einen negativen Effekt auf die lokale Bevölkerung aus.

An langfristigen Lösungen arbeiten

Gibt es so etwas wie „gute“ Freiwilligenarbeit überhaupt? „Man muss bei Freiwilligenarbeit gar nicht an weit entfernte Länder und schnelle Erfolge denken“, sagt Frédérique Williame von France Volontaires. „Es geht vielmehr um einzelne Etappen und kleine Schritte. Es gibt viele zwei bis drei wöchige Projekte für junge Leute in Frankreich. Als Freiwilliger trifft man Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen und arbeitet gemeinsam an einer Sache mit langfristiger Wirkung.“ Für den Direktor von Service Volontaire International geht es bei seiner Arbeit darum, jungen Leuten dabei zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen: „Ein gutes Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass etwas Langfristiges geschaffen wird. Man lernt etwas und wendet es in seiner eigenen Gemeinschaft wieder an. Es ist ein Instrument bürgerlichen Engagements mit einem bestimmten Zweck. Du musst dir selbst die richtigen Fragen stellen und es mit Abstand betrachten.“

Konkret bedeutet das, Finger weg von Angeboten, die zu verlockend klingen. Man muss nicht unbedingt gleich einen Freiwilligendienst machen, auch als normaler Urlauber kann man viel tun. „Wenn ihr euch fragt, wie ihr vor Ort helfen könnt, dann kauft lokal. Esst im Restaurant um die Ecke und kauft Dinge in kleinen Läden. Auf diese Weise fließt Geld in die lokale Wirtschaft und das ermöglicht der Gemeinschaft wiederum zu wachsen und sich aus eigener Kraft zu entwickeln“, so Pippas Fazit.

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* Name von der Redaktion geändert.

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Ich bin ein Pariser. Dieser Artikel wurde von La Parisienne de cafébabel, dem Pariser Localteam, verfasst