Lifestyle

Volkssport Poker: Bluffen um Millionen

Artikel veröffentlicht am 10. November 2008
Artikel veröffentlicht am 10. November 2008
Technik, Strategie, Geduld und ein bisschen Glück: All dies war nötig, um ins Finale der Weltmeisterschaft im Poker (WSOP) zu gelangen. Neun Millionen Dollar befinden sich nun in der Tasche des jungen Dänen Peter Eastgate , der sich als einziger europäischer Pokerspieler am Tisch der November Nine gegen Ivan Demidov durchsetzen konnte. Wird Poker zum neuen Volkssport?

Wer erinnert sich nicht an die berühmte Szene aus dem Film Der Clou: In einem geheimen Pokerspiel gelingt es Paul Newman seinen Gegner Robert Shaw durch geschickte Spieltricks und ein gekonntes Pokerface auszunehmen. Zu Anfängen des Pokerspielens im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts, als beim Spielen noch der Colt auf dem Tisch lag, spielten Täuschungsmanöver eine bedeutende Rolle. Schon 1834 beschrieb der Amerikaner Jonathan H. Greer das Pokerspiel als „Spiel der Täuschung“. Aber was damals noch in verruchten, von Klaviermusik durchfluteten Saloons samt Kurtisanen und Barmännern, die ständig Whiskygläser ausspülten, stattfand, spielt man heute auch in ganz normalen Haushalten. ‚Texas Hold’em‘, die populärste Spielvariante, ist das weltweit am meisten gespielte Kartenspiel. Seine Beliebtheit verdankt es weitgehend dem Internet und ein wenig auch dem Fernsehen, das im Sportprogramm zunehmend Pokerspiele überträgt.

Poker aus der Röhre

Die Übertragung der World Series of Poker (WSOP) auf dem amerikanischen Sportsender ESPN hat aus dem Spiel ein großes Spektakel gemacht. Texas Hold’em wurde zunächst in Amerika populär. Dieser Erfolg schwappte schließlich auch nach Europa, wo der Sender Eurosport begann, die Etappen der European Poker Tour (EPT) zu senden. Die EPT ist eine alljährliche Meisterschaft, welche an verschiedenen Orten in Europa ausgetragen wird - mit einem großen Finale in Monte Carlo. Der Amerikaner Chris Moneymaker, von Beruf Buchhalter, hat ebenfalls zur Bekanntheit des Pokerspielens beigetragen. Moneymaker begann, indem er 39 Dollar Teilnahmegebühr für eine Qualifikationsrunde der WSOP 2003 zahlte, die in einem Online-Pokerraum stattfand. Später wurde er in Las Vegas Weltmeister. Auf dem Weg dorthin konnte er 2,5 Millionen Dollar einkassieren. Moneymaker machte seinem Namen (wortwörtlich „Geldmacher“) damit alle Ehre. Viele Begeisterte haben anschließend versucht ihm nachzueifern. Die Online-Pokerräume haben seitdem einen enormen Anstieg der Besucherzahlen erlebt.

Mein Beruf? Pokerface

Der Markt bewegt täglich Millionen von Euro über das Internet. Das britische Unternehmen ©wikimediaPartygaming mit Sitz in Gibraltar hat durch Online-Pokerspiele im ersten Halbjahr 2008 Einnahmen in Höhe von 153,9 Millionen Euro erwirtschaftet. Außerdem ist das Spiel für viele zu einem wahren Berufsfeld geworden. Alle Pokerspieler kennen den 36-jährigen Armando Romano aus dem spanischen Saragossa, mit Spitznamen „Sobraoboy“ (in etwa „Exzessiv-Boy“), der seine Persönlichkeit und seinen Pokerstil detailliert beschrieb. Im Oktober 2006 entschied sich Romano, der damals als Lagerangestellter arbeitete, 100 Dollar in einem Online-Pokerraum zu investieren, nachdem er eine Zeit lang gratis Poker gespielt hatte, um die Spielregeln zu verinnerlichen. Zweifelsohne die rentabelste Investition in Romanos Leben: Denn im Januar 2007 hatte er bereits 30.000 Dollar gewonnen. Das entsprach seinem vorherigen Jahresgehalt - Romano konnte sich von seinem Chef verabschieden.

Sport für Couchpotatoes - Poker

Disziplin und intensives Training sind die zwei Grundprinzipien, an die sich alle Sportler halten müssen, die weit kommen wollen. Das sind auch die Grundsätze aller Pokermeister. Dies genügt jedoch nicht, um aus dem Kartenspiel einen wahren Sport zu machen. Unter den Spielern ist dies ein ewiges Diskussionsthema. Armando Romano meint, dass Poker nicht als ein Sport betrachtet werden kann, „weil es keine Organisation gibt, die das Spiel reguliert“, auch wenn es schon Organisationen gibt, die in diese Richtung gehen. Die World Poker Association (WPA) kämpft für die Professionalität des Pokerspiels. Gegenwärtig gehören schon drei europäische Vereinigungen (in Deutschland, Polen und Schweden) der WPA an.

Juan Barrachina ist der Präsident der Spanischen Poker-Vereinigung. Er denkt, dass ein Poker-Turnier „in jeder Hinsicht ein Sport [ist], weil jeder Teilnehmer mit der gleichen Anzahl Jetons und zur gleichen Zeit beginnt, nach denselben Regeln spielt, und es also Geduld, Technik und Strategie sind, die entscheiden, ob ein Spieler besser als ein anderer abschneidet - selbst wenn er schlechtere Karten bekommen hat“. Der spanische Sportjournalist Emilio Guerrero versichert andererseits, dass Poker „einen physischen Aspekt braucht, um als Sport betrachtet zu werden – und den hat das Spiel nicht“. Hier stimmt ihm Armando Romano zu: „Wenn Poker ein Sport ist, warum habe ich dann so einen Bauch?“ scherzt er.

Einigkeit herrscht darüber, dass man trotz fehlender Schläge nicht von einem einfachen Zufallsspiel sprechen kann. „Man muss wirklich spielen, um alle Möglichkeiten des Spiels zu kennen und um zu wissen, wie man in jedem Moment reagieren muss“, bestätigt Emilio Guerrero. Juan Carlos Barros, Sprecher von pokererpoquer.com, beschwert sich über die Tatsache, dass „das Spiel irrtümlich für ein Zufallsspiel gehalten wird“. Das sei nicht der Fall, denn „es ist möglich, eine Rangliste der besten Spieler aufzustellen“, so Barros.

Doch auch der gewiefteste Pokerspieler braucht ein bisschen Glück, um ein Turnierfinale zu erreichen. Am Morgen des 9. November begann in Las Vegas die Endrunde der WSOP mit einem Preisgeld von 9 Millionen Dollar. Der Däne Peter Eastgate, 22 Jahre alt, hatte an einem mehrheitlich nordamerikanisch besetzten Tisch hoch gepokert. Im Finale konnte er Ivan Demidov dank seines besten Pokerface jedoch bezwingen und ist nun wohl der begehrteste Junggeselle Dänemarks.