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Unsere Großeltern: Jugend ohne Error 404

Artikel veröffentlicht am 10. März 2015
Artikel veröffentlicht am 10. März 2015

Ich glaube, ich habe digitale Verdauungsprobleme. Ich bin 24 Jahre alt und mein Alltag ähnelt zunehmend einer gigantischen Leiterplatte. Oma, Oma, wie war es jung zu sein, damals, als diese ganzen Teufelsapparate noch nicht existierten?

Als sie so alt war wie ich heute, studierte meine Großmutter Viviane Medizin an der Fakultät in Marseille. Sie war bereits seit 4 Jahren mit meinem Großvater verlobt, hatte ihren ersten Sohn - meinen Onkel - geboren. Sie lebten alle drei zusammen mit Verwandten in einer großen Wohnung. Dort wohnt sie noch heute, 60 Jahre später.

cafébabel: Oma, welche Erinnerungen hast du an deine Jugend?

Viviane A.: Ganz großartige Erinnerungen. Ich habe mich immer gut mit meinen Eltern verstanden, wir haben kein Leben in Saus und Braus gelebt, keineswegs. Aber ich habe mich zuhause immer sehr wohl gefühlt. Es gab keine verheerenden Probleme, ich war auch kein verzweifelter Teenager. 

cafébabel: Was hast du an den Wochenenden, in deiner Freizeit nach den Unikursen so gemacht? 

Viviane A.: Ich bin viel spazieren gegangen, an die frische Luft. Ich habe natürlich gern in Schaufenster geguckt, wie die anderen Mädchen auch. Oft ging es auch auf die Corniche [Strandpromenade von Marseille; A.d.R.] oder eben an den Strand. Ich habe mich mit meinen Freundinnen zum Quatschen getroffen. Naja, so ungefähr, wie die Leute das heute ja auch noch machen, denke ich. Nebenher habe ich auch viele Romane und klassische Literatur gelesen. Ich hatte ein Abonnement bei einer Bibliothek, in der ich mindestens vier, fünf Bücher pro Woche ausgeliehen habe. Und natürlich haben wir viel Zeit im Kreise der Familie verbracht.

cafébabel: Was habt ihr mit der Familie so unternommen?

Viviane A.: Wir haben einfach viel miteinander gesprochen. Vielleicht mehr als die Leute heute miteinander sprechen. Wir erzählten einander, was wir gerade so machen, von Freunden, die wir getroffen haben, von Kursen an der Uni. Manchmal gab es auch Dinge, die ich nicht so richtig verstand. Dann habe ich meistens meinen Vater gefragt, der auch Arzt war. Und dann hatten wir auch ziemlich viel für die Uni zu tun. Wenn wir Zeit hatten und die Leute um mich auch Lust dazu, haben wir auch Spiele wie Domino oder Karten gespielt. Oder wir haben gestrickt oder Näharbeiten erledigt. Das Stricken ist ja heute fast ausgestorben. Jetzt kauft man die Mode von der Stange und wirft die Dinge auch 'von der Stange' weg, wenn ich das so sagen darf. Damals mussten wir uns die Strickmuster erst raussuchen, die Stoffe finden. Ich konnte mit der Hand und auch der Nähmaschine nähen. Sticken mochte ich nicht allzu sehr. Aber die Strickerei habe ich geliebt. Es ist großartig, weil man sich nebenbei auch unterhalten kann. Mit meiner Mutter zum Beispiel oder mit meinem Vater, der dabei auch seine Kreuzworträtsel löste. Dann hörten wir oft auch Radio, meistens spezielle Sendungen und nicht allzu viel Musik. Ich habe Klavier gespielt, als ich jung war, auch das gehörte zu meinen Aktivitäten. Aber das mit der Musik hat sich nicht allzu lange bewährt.

cafébabel: Und wie habt ihr euch mit Freunden, so ganz ohne Mails und Smartphones getroffen?

Viviane A.: Wir haben uns immer an der Uni gesehen. Oder wir haben uns auf der Canebière [große Straße in Marseille, die bis zum Hafen führt; A.d.R.] getroffen und sind sie hoch und runter gelaufen. Ich erinnere mich noch an eines der ersten Male, als dein Großvater mich besuchen kam. Ich war nicht da und er hatte bei meinem Vater nachgefragt, wo ich denn sein könnte, um mich zu treffen. Papa hat ihm dann geantwortet: "Na das ist nicht allzu schwierig, Sie gehen einfach die Canebière rauf und runter, da finden Sie sie auf jeden Fall." Das wäre heute undenkbar.

cafébabel: Auch du nutzt heute Handy und Computer. Was hältst du von den technischen Neuerungen?

Viviane A.: Sie sind durchaus interessant. Solange du sie noch nicht kennst, verspürst du auch kein Verlangen danach. Aber seitdem ich sie nutze, besonders in meinem Alter, kann ich nicht mehr so richtig ohne. Das ist schon sehr praktisch. Als ich so alt war wie du, hatten wir noch nicht mal einen Fernseher. Donnerstags sind wir immer zur Cousine gegangen, um fern zu sehen.

cafébabel: Was denkst du über die Jugend, die per Smartphone oder Kopfhörer scheinbar dauerbespielt wird?

Viviane A.: Ich denke, dass das ganz schön ausartet. Ich kenne welche, deren Großeltern sich beschweren, weil die Enkel die halbe Nacht vor dem Computer verbringen. Sie müssen dann den Computer ausschalten, weil ihre Enkel davor eingeschlafen sind. Es ist wie mit dem Fernsehen - alles in Maßen! Schade ist, dass den Leuten heute die Zeit zum Lesen fehlt. Nun gut, wir haben auch nicht die tollsten Romane zu meiner Zeit gelesen. Es gab die Klassiker und ansonsten auch ganz schön viel Belletristik. Da war auch viel Schund dabei, bei dem ich mir heute sage, "was da im Fernsehen läuft, ist auch nicht viel schlimmer".

cafébabel: Wenn du wählen könntest, in welcher Zeit wärst du dann gern groß geworden?

Viviane A.: Ich bin ein Mädchen meiner Epoche und sehr froh darüber, was ich gesehen und erlebt habe. Es stimmt, ich wäre gern jünger, um noch mitzuerleben, was danach kommt. Aber das ist auch schon alles. Und das, obwohl ich ein Kriegskind war. Aber es ging mir gut bei uns, in einer Familie, die zusammenhielt und ziemlich fröhlich war. Das ist im Endeffekt vielleicht das Wichtigste.