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Ungarn: Mehr als nur Gulasch

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2004
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2004
Was hat Ungarn außer seinem bekannten Nationalgericht in die EU einzubringen? Soliden intellektuellen Reichtum, wie er am eindrucksvollsten von Imre Kertész demonstriert wird, und eine der komplexesten Sprachen der Welt.

Kertész schreibt über die Zeit vor dem Jahr 2002, in dem er den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam: "Als unbekannter osteuropäischer Künstler mit einer nicht indo-europäischen Muttersprache, hatte ich nicht die geringste Hoffnung." Mittlerweile zeigt sich, dass er so etwas wie ein Star geworden ist, und das nicht nur in Ungarn selbst, sondern auch in Deutschland, wo er besonders populär ist, sowie in Frankreich und den USA. Kertész wurde 1929 in Budapest geboren. Sein erstes Werk "Sorstalanság" ("Mensch ohne Schicksal", 1990) ist die ganz ohne Moralisieren erzählte Geschichte eines KZ-Opfers. Kertész selbst war während des Zweiten Weltkrieges in Auschwitz inhaftiert.

Ungar und Europäer zugleich

In seiner Dankesrede sagte der Romancier, dass seine Nation aufgrund ihrer Leidensgeschichte diesen Erfolg brauche. Obgleich sogar kaum nationalistisch eingestellte Autoren dem sicher zustimmen würden, sind seine Werke für jedermann. Und wenn jetzt zehn neue Staaten der EU beitreten, können wir uns glücklich schätzen, dass der literarische Reichtum, für den dieser Autor steht, genauso zu Europa wie zu Ungarn gehört. Die Redakteurin der führenden ungarischen Zeitung Magyar Hírlap, Ilona Kocsi, sagte über ihn, "Er ist ein wahrer Europäer [genauso wie] Ungar."

Ungarn mangelte es nie an Talenten. Traurig aber wahr ist dabei, dass viele dieser Talente in der unheilvollen Vergangenheit, in der Besetzung auf Besetzung folgte, immer wieder gezwungen waren, das Land zu verlassen. Wenn irgendwo ein „brain drain“ stattfand, dann hier. Aber diese Zeiten sind vorüber, Ungarn ist ein Mitglied der Gruppe der EU-Staaten geworden und hat trotz seiner Vergangenheit heute in Technik, Medizin und Wirtschaft eine anerkannte Führungsrolle inne. Aber es gibt da noch die Sprache ...

Diese „Horrorsprache”

Ungarisch ist alles andere als leicht. Experten zufolge soll es nach Mandarin sogar die schwierigste Sprache der Welt sein. In Europa ist es nur mit Finnisch und Estnisch verwandt, und auch das nur entfernt. Ungarisch ist eine offizielle EU-Sprache, und obwohl dies eine gute Nachricht ist, verursacht es gegenwärtig einige Probleme. Kommunikationsexperte Péter Fiedler sagt, dass diese Sprache eine bedeutende Hürde für die Beziehungen seines Landes zum Rest der EU darstellen könnte. Er führt an, dass Probleme im Gesetzgebungsprozess entstehen könnten. „Aufgrund der mehrfachen Übersetzungen – zum Beispiel aus dem Französischen ins Englische und dann schließlich ins Ungarische – gehen einige Bedeutungen verloren.” Dennoch klappte die Übersetzung problemlos als die Beitrittskandidaten letztes Jahr nach Straßburg zu einem Test eingeladen wurden. Es scheint also so zu sein, dass sowohl ungarische Politiker als auch Autoren von allen verstanden werden können. Falls jene Recht haben, die behaupten, dass eine Art Exil die Vorraussetzung für gutes Schreiben ist, bleibt zu hoffen, dass Ungarns EU-Beitritt seine literarische Kraft nicht verkümmern lässt.