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Totz Niederlage: Russlands Fußballer auf Erfolgskurs

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
EM 2008 - Halbfinale. Russland gegen Spanien. Und alle Welt fragt sich: Wie konnte das passieren, wo Russland als krasser Außenseiter gestartet war? Warum Europa sich an erstklassigen Fußball aus Russland gewöhnen muss.

Die drei Männer stecken in roten Trikots, mit dem gekrönten Adler auf der Brust, Bier in Dosen auf dem Tisch, dazu eine durchsichtige Plastikflasche. Von wegen Mineralwasser. Wódka. Na zdrowie, Prost! Die drei, Igor, Andrej und Aliaksandr, sind auf dem Frankfurter Flughafen gestrandet. Auf dem Weg von Österreich nach St. Petersburg. Und ausgerechnet das Spiel ihrer Mannschaft gegen Holland müssen sie sich vor dem Dönerladen am Terminal 2 anschauen. Neben dem Metallcontainer steht ein Großbildfernseher - und eine Handvoll Taxifahrer, die genauso erstaunt über den Sieg der Russen in diesem Spiel ist, wie die restliche europäische Öffentlichkeit.

Dabei war der Aufstieg des russischen Fußballs vorhersehbar. So deutlich, wie die Antwort auf die Frage, warum der russische Stürmerstar Andrej Arshavin auch in der zweiten Hälfte der Verlängerung frischer wirkte als die Verteidiger in Oranje. Natürlich: In den ersten beiden Vorrundenspielen musste Arshavin wegen einer Sperre aus den Qualifikationsspielen pausieren. Aber was ist mit den Zhirkovs, Semaks und Zyryanovs, die wie Arshavin in der russischen Premjer Liga beschäftigt sind? Warum laufen die alle schneller als ihre holländischen Gegenüber, die in den besten Mannschaften Westeuropas spielen?

©Lembagg/flickrNeben den Fähigkeiten des holländischen Trainers Guus Hiddink, der es versteht, das Maximale aus jeder Mannschaft rauszuholen, sind es die strukturellen Voraussetzung dieser Liga: Da ist zunächst der UEFA-Cup-Sieger Zenit St.Petersburg, dem der Verband fünf Spieltage frei gegeben hat, um erfolgreich im UEFA-Cup zu bestehen. Und so ähnelte die Verlängerung gegen Holland dem UEFA-Cup-Halbfinalspiel in St. Petersburg (4:1) gegen Bayern München, bei dem die ausgeruhten Russen einer müden Bayern-Mannschaft ihre physischen Grenzen aufzeigten.

Fünf Spiele Rückstand hat der russische Meister - und Tabellenvierzehnte - inzwischen, und das in einer Saison, die erst elf Spieltage alt ist. Die russische Liga richtet sich nach dem Kalenderjahr, und nach nationalen Erfordernissen. Da passt es gut, dass Sportminister Witali Mutko gleichzeitig Vorsitzender des Fußballverbandes ist. Zum Vergleich: Der italienische Stürmerstar Luca Toni hat in diesem Jahr mehr als doppelt so viele Spiele absolviert wie Andrej Arshavin. Zur Europameisterschaft war er überspielt.

Wenn es dagegen um den Erfolg des russischen Fußballs geht, werden daheim sämtliche Marktgesetze und Wettbewerbsregeln außer Kraft gesetzt, weil er das Lieblingskind der russischen Oligarchie ist. Grundsätzlich gehen russische Spieler vor - ein Grundsatz der "Nationalen Fußballakademie". In der Liga selbst gilt seit drei Jahren eine restriktive Ausländerregel: Nur sieben Nicht-Russen dürfen bei dem Club eingesetzt werden, ab 2010 nur noch sechs. Im Vergleich: Bei Arsenal London kann es passieren, dass eine Elf gänzlich ohne Engländer aufläuft. Die englische Nationalmannschaft scheiterte bei der Qualifikation zu dieser Europameisterschaft hinter den Russen.

Und noch ein Grund für den russischen Erfolg: Der nationale Verband hört auf den Rat von Guus Hiddink. Anders beispielsweise in Polen, wo mit Leo Beenhakker auch ein holländischer Trainer wirkt. Noch dazu einer, der zu den Vätern der Ausbildung bei Ajax Amsterdam zählt, die inzwischen der Maßstab für sämtliche große Clubs ist. Während die Zukunft der russischen "Sbornaja", der jüngsten Mannschaft bei der Europameisterschaft, schon begonnen hat, treten Engländer oder Polen - aus eben diesem Grund - auf der Stelle. Deutschland wird es mit diesen Russen in der WM-Qualifikationsgruppe zu tun haben. Vielleicht sogar schon früher. Beim Finale am Sonntag in Wien. "Germania-Rossija" (Deutschland-Russland), darauf trinken Igor, Andrej und Aliaksandr vor dem Weiterflug: "Na zdrowie!"

Der Autor dieses Artikels, Olaf Sundermeyer, ist Mitglied des Korrespondentennetzwerks n-ost.