Lifestyle

To-Do-Liste: Erwachsenwerden

Artikel veröffentlicht am 13. März 2015
Artikel veröffentlicht am 13. März 2015

Die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen lässt sich Zeit mit dem Erwachsenenwerden. Warum aber haben wir diese Aufschieberitis? 

Statt sich im Hafen des ernsthaften Berufslebens oder des Elterndaseins zu etablieren, verbringt unsere Generation ihre Zeit viel lieber damit, sich an spätpubertären Verhaltensmustern festzuklammern wie Ertrinkende an einem Rettungsring. Als eine Art 'Generation Wochenende' vegetieren wir unter der Woche in Praktika oder halbherzigen Verträgen vor uns hin, bis wieder Donnerstag und damit das verfrühte Wochenende da ist. Endlich wieder Zeit zum Feiern und Faulenzen (am Morgen danach).  

Sind junge Menschen heute so verzweifelt über die aktuelle Arbeitsmarktlage, dass sie sich schon aufgegeben haben? Oder ist die ewige Jugend zum gesellschaftlich dominanten Ideal geworden und findet im aktuellen Lebensstil der jungen Generation ihren Höhepunkt? 

Was die deutsche Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner über das schwierige Erwachen beim Erwachsenwerden 2011 in ihrem Roman Wachstumsschmerz beschrieben hatte, ist auch in Frankreich gerade wieder ein angesagtes Thema. Hier erzählt TV-Comedian Eric Metzger aktuell mit La nuit des Trente [Die Nacht der Dreißiger] die verzweifelte Jagd nach der in die Gegenwart verlängerten Vergangenheit: An seinem 30. Geburtstag begibt sich Félix auf eine nächtliche Odyssee, um über sein Dreißiger-Dasein und all die mehr oder weniger wahr gewordenen Träume zu reflektieren. Da helfen nur? Wodka-Shots. Sich absolut wegballern.

"Eric et Quentin": Eric Metzger in der Sendung Le Petit Journal 

In der Warteschleife

Unbegrenzte Möglichkeiten können ein Challenge sein, viele verzweifeln aber auch an der Orientierungslosigkeit in diesem Chaos. Heute ist alles möglich, wir können uns ständig neu erfinden, wenigstens virtuell. Ehen werden schon lange nicht mehr für die Ewigkeit geschlossen, sondern für Lebensabschnitte. Falten sind operativ entfernbar. Und dank Kosmetikartikeln sieht man uns die Spuren des Alters auch nach mehreren Jahrzehnten nicht an. Überhaupt, Eizellen und Sperma lassen sich einfrieren; wir können uns bis ins hohe Alter biologisch reproduzieren- wer sollte sich also beeilen, sein Leben in sichere Bahnen zu leiten? 

Was bedeutet heute der Begriff Sicherheit für junge Erwachsene? Karriere, Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen? Schon mit der Karriere fängt es an, das große Fragezeichen, die Unsicherheit. Denn wer kann heute schon sicher sein, einen Job zu finden? Und dann vielleicht auch noch einen, für den sich das Arbeiten lohnt? Warum also nicht gleich das Studium in die Länge ziehen, mehrere abbrechen, einige zu Ende bringen, dann wieder neue anfangen? Einen Sprachkurs dranhängen. Oder noch ein Praktikum im Ausland? Wo wir doch sowieso sicher sein können, erst einmal eine längere Zeit in der Jobwarteschleife zu hängen?

Neun von zehn Studienabgängern in Deutschland finden erst einmal keinen Job, mehr als die Hälfte sucht länger als ein Vierteljahr. Und das in einem Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit im Europavergleich relativ gering ist. Wenn es sich dabei dann überhaupt um einen befristeten Arbeitsvertrag handelt, hat man schon sehr viel Glück gehabt.

Das Leben war so einfach schöner

So in etwa erging es auch Michael, einem promovierten Biochemiker, der seine Familie bis zum zweiten Kind mit Zeitverträgen an einer deutschen Universität über Wasser hielt. Für sein Studium hatte er sich Zeit gelassen, nebenher Profisport betrieben, wie er erklärt. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni wurde er Anfang dreißig. Irgendwann, mit Mitte dreißig, gab er den Traum von der Professorenstelle endlich auf und holte das Staatsexamen nach. Heute unterrichtet er als Biologielehrer am Gymnasium: "Zu lange habe ich mich an den Professorentraum geklammert, aber Lehrstühle sind nunmal rar." 

Stellen gibt es immer weniger, Bewerber nicht. Kein Grund also sich zu stressen, um frühzeitig ins Berufsleben einzusteigen. Warten auf den Traumjob muss man sowieso, also ist Zeit genug. So sieht es auch Robin. Er hat sein erstes Studium in Medizin bis zum ersten Staatsexamen in Frankreich durchgezogen, nur um festzustellen, dass es doch nicht das richtige Studienfach war. Deshalb hat er anschließend noch Jura drangehangen. "Das Leben so war einfach schöner", erklärt er fast schwermütig. Nun ist er fast dreißig und in erster fester Anstellung bei einer Consultingfirma in Paris, nach erfolgreichem BWL-Studium.

Finanzielle Schwierigkeiten erlebte Robin nicht, seine Eltern unterstützten die langen Studienjahre. Auch Quentin, der sogar noch ein Gap-Jahr einlegen konnte, das er mit Reisen und Rumhängen verbrachte, hatte dieses Glück. Für die spät aufgenommenen und fertig gebrachten Studien kommen in den meisten Fällen die Eltern auf.

Austoben,  Absprung, Abstellgleis

Allerdings ist der ökonomische Aspekt dabei entscheidend. Denn wer lange Studienzeiten oder gar mehrere Studiengänge hintereinander durchziehen möchte, der muss es sich auch leisten können. Junge Leute, die sich erst einmal ‘selbst suchen‘ und austoben müssen, sich das finanziell aber nicht leisten können, landen schnell auf dem sozialen Abstellgleis.  

So wie Paul, der sich, trotz seines Abiturs mit Auszeichnung, heute als Bademeister in einem Pariser Vorort über Wasser hält. Dieser verlorene Teil der ‘Generation Wochenende‘, eine Armee aus Arbeitslosen und Geringverdienern, seien laut dem polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman "menschlicher Abfall".  Sie sind der menschliche Überschuss unserer kapitalistischen Gesellschaft, den wir eigentlich nicht brauchen und der eben nicht den Absprung geschafft hat.

Die Jugend ist mehr denn je in zwei Hälften gespalten: auf der einen Seite diejenigen, die dem Ideal der verlängerten Jugendphase nachkommen können, weil sie die finanziellen Mittel dazu haben, und auf der anderen die, die daran scheitern. Die sich mit Zeitarbeit und Nebenjobs über Wasser halten müssen oder vielleicht sogar in der Arbeitslosigkeit landen.  

Lange haben unser soziales System und unsere Elterngeneration als Auffangbecken funktioniert, vielleicht zu lange. So lange, bis wir das dekadente Ideal ewiger Jugendlichkeit überstrapaziert haben. Heute spätestens sollten wir die Notbremse ziehen und als zukünftige Elterngeneration den Nachgeborenen eine bessere Perspektive vorleben.