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Tauziehen in Transnistrien

Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2014

Die BulliTour geht weiter! Unsere zwei jungen Straßburger entdecken in ihrem VW-Kombi ein (ir-) reales Land - Transnistrien.

Wie spricht man über ein Land, das  über ein Parlament, eine eigene Währung und eine Armee verfügt und Heimat für 550 000 Bürger ist, welches aber eigentlich gar nicht existiert? In Transnistrien haben die Einwohner einen Pass, der jedoch nur innerhalb der Landesgrenzen gültig ist. Also auf 4 200 Quadratkilometern. Für die Ausreise benötigen sie einen russischen oder moldawischen Pass. So wie Alexander Tikkun, ein junger Mathematiker aus Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens, der davon träumt, endlich einmal nach Moskau zu reisen.

Ursprünglich war Transnistrien ein Teil von Moldawien. Der östliche, pro-russische Teil Moldawiens wollte nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 nicht an Rumänien angeschlossen werden. Anders verhält es sich mit dem Westen. Der Ost-West-Konflikt führte 1992 zu einem  Bürgerkrieg und kostete 2000 Menschen das Leben. Viele gelten bis heute als vermisst.

Big Bruder Moskau

Und wie ist die Lage heute? Die PMR (Pridnestrowische Moldauische Republik) ist rechtlich kein anerkannter Staat. Die Grenzen werden einerseits von transnistrischen Soldaten, andererseits von russischen Truppen bewacht. Aber unter der Hand kontolliert Wladimir Putin dieses Gebiet, ohne es jemals an Russland annektiert zu haben. Vielleicht nimmt sich der russische Präsident deshalb soviele Freiheiten in der Einflussnahme auf Verhandlungen der EU mit Moldawien heraus. Die Bevölkerung Transnistriens setzt sich zu je einem Drittel aus Russen, Ukrainern und Moldawiern zusammen. Der größte Teil ist jedoch russisch geprägt - daher auch die häufige Kreml-Hörigkeit. Sollte Moldawien eines Tages der EU beitreten, dann würde sie ziemlich sicher Transnistrien verlieren. Moldawien befindet sich damit in einer Zwickmuhle: Um zu überleben, muss sie entweder mit der einen oder mit der anderen Seite verhandeln.

Existenz ohne Anerkennung

Nur wenige andere separatistische Staaten erkennen die Rechtmäßigkeit Transnistriens an. Es sind Staaten wie Südossetien, Abchasien oder die Volksrepublik Donezk, deren Status international ebenfalls umstritten ist. Allen Staaten ist gemein, dass sie im Streben nach Unabhängigkeit nach dem Zerfall des Sowjetblocks gegründet wurden.

Für Moskau existiert Transnistrien offiziel nicht. Man pflegt dennoch "höflichen" Kontakt miteinander. Das Referendum von 2006 über den Anschluss der autonomen Region Transnistrien fiel mit 97% zu Gunsten Russlands aus. Transnistrien hätte, wie Kaliningrad, eine russische Enklave werden können.

Konfliktthema

Der Konflikt der zwei moldawischen Lager ist bis heute lebendig. Nach der Waffenruhe von 1992 kontrollierten Truppen aus Chisinau die östlichen Enklaven am Dnister, Cocieri und Vasilievca. Seit April 2014 ist es den Bauern in Cocieri verboten, den Weizen auf ihren Felder zu ernten. Denn 95 Prozent der Felder befinden sich außerhalb der Enklave und die Armee verweigert ihnen den Zutritt. Ein Skandal.

Obwohl immer wieder Verbote ausgesprochen wurden, waren sie jedoch immer temporär. Jetzt droht den Bauern der Konkurs. „Es ist ein technisches K.O. für unsere 60 Mitarbeiter. Wir verzeichnen Verluste in Millionenhöhe, und zusätzlich verderben unsere Felder, da sie nicht bestellt werden“, erklärt Piotr Ciracenko, der Buchhalter der Landwirtschaftsgesellschaft Victoria Cocieri.

Die heikle Lage in der Ukraine und die Konsequenzen des Konflikts könnten auch Konsequenzen für beide Teile Moldaus haben. Beobachter befürchten eine "zweite Krim". Tatsache ist, dass die geographische Isolierung dieser Region sie sehr abhängig von den Entscheidungen und der Kulanz ihrer Nachbarn macht.

Dieser Artikel ist Teil einer Reportagereihe im Rahmen des Projekts "Bulli Tour Europa" deren Partner Cafebabel Straßburg ist. Mehr Reportagen gibt es unter www.​bul­li­tour.​eu. Copyright : "Bulli Tour Eu­ropa"