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Subkultur Erasmus: Saufen kennt keine Sprachbarrieren

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2014

Eine stolze Million Babys sind laut jüngster Erasmus Impact Study aus Erasmus-Liaisons entstanden. Der Austausch scheint in Sachen Liebe (oder Sex) hervorragend zu funktionieren. In anderen Bereichen bin ich persönlich jedoch eher skeptisch. 

Internationalisierung, kultureller Austausch, das Kennenlernen von fremden Sprachen - das sind einige der schönen Schlagworte, mit denen das europäische Mobilitätsprogramm Erasmus seit über 25 Jahren zelebriert wird. Studentische Berichte lesen sich oft anders, drehen sich eher um Party, Party, Party und alles was unter dem Phänomen „Erasmus=Orgasmus“ zu verstehen ist. Und auch meine Wahrheit über Erasmus liegt eher irgendwo dazwischen.

Neun Monate Tourist

Für mich war es nicht der erste längere Auslandsaufenthalt aber der bisher längste. Dementsprechend hatte ich, zugegeben, große Erwartungen an Irland. Ich wollte die „Locals“ in Galway kennen lernen, mich richtig in das Flair der Stadt einleben und natürlich meine Sprachkenntnisse aufpolieren.  Der Plan wurde schon in den ersten Wochen auf die Probe gestellt. So viele deutschsprachige Austauschstudenten an jeder Ecke, die Kommunikation so schön vertraut und einfach... Schnell entstand eine große, fast exklusiv deutschsprachige Clique, die drauf und dran war, mich einzusaugen. 

Und ich? War ehrlich überrascht darüber, dass viele der deutschsprachigen Kollegen wenig Interesse daran zu haben schienen, sich unter das internationale oder lokale Volk zu mischen. Man blieb gerne unter sich, beim Partymachen und an der Uni. Bald zeigte sich, dass sich dieses Muster durch die gesamte Erasmus-Community zog. Man traf Franzosen mit Franzosen, Spanier mit Spaniern. Es fühlte sich an wie eine riesige Subkultur

Ich beschloss mich diesem Phänomen so gut wie möglich zu entziehen. Denn es gibt dann doch auch Gleichgesinnte, die sich gerne mit Studenten anderer Nationalitäten vermengen. Außerdem entspricht das Konzept „Erasmus-Party“ der Idee des Kulturenmix, da hier die einzelnen nationalen Cliquen doch manchmal zusammenkommen. Saufen und Feiern kennt schließlich keine Sprachbarrieren. Locals waren auf diesen Partys allerdings eine wahre Rarität. Und auch an der Uni stellte sich die Vermischung zwischen lokalen und internationalen Studenten als eher zähe Angelegenheit heraus. 

Bemerkenswert und bezeichnend finde ich ein Detail meines Aufenthaltes, das mir erst hinterher bewusst wurde. Alle „Locals“ in meinem Bekanntenkreis waren Studenten von solchen Fremdsprachen, die in unserem internationalen Freundeskreis durch Muttersprachler vertreten waren. Als Deutsch-Student hast du natürlich Interesse, dich mit deutschsprachigen Muttersprachlern auszutauschen. Darüber hinaus war meine Erfahrung mit lokalen Studenten aber eher ernüchternd. Als Uni Wien-Studentin bin ich anonymes „Vor Sich Hin-Studieren“ und „cliquisches“ Verhalten gewohnt, freute mich deshalb auf eine bedeutend kleinere Uni.  Hier ein anderes Bild? Negativ! Der Anschluss an die Locals war schwierig, dafür fängt dich die internationale Erasmus-Community auf. Freundschaften entstehen und man richtet sich ein. Nach einigen Monaten fühlt man sich zu Hause, aber irgendwie doch als Langzeit-Tourist. 

Erasmus als Denkanstoß

Die unsichtbare Trennlinie zwischen internationalen und lokalen Studenten ist schon lang kein Geheimnis mehr. Davon hatte auch ich schon vor dem Aufenthalt gehört, mich darauf eingestellt. Etwas anderes kam als weit größere Überraschung. Ich fing an, über meine Generation nachzudenken.  Rückblickend erscheint mir das ganz logisch, Erasmus als Denkanstoß. Alles neu, da kommt man schon einmal dazu, Dinge zu hinterfragen, die einem im alten Alltag nie auffielen. Aus dem Gewohnten herausgerissen, beschäftigt man sich mit neuen Menschen und Situationen und der eigenen Beziehung zu diesen. Für mich resultierten daraus ein Gefühl der Verlorenheit und der Verdacht, mich mit dem was für meine Altersgenossen zählt, nicht identifizieren zu können. 

 

End- und sinnlose Partys gehörten zum Erasmus-Alltag, wirklich gut unterhalten fühlte ich mich hier aber selten. (Halb-)lustig wurde es meist nur, wenn genug Sprit die dürftige Kommunikation ölte. Ich zähle mich weder zu den Gegnern von Rauschmitteln noch bin ich gegen das Feiern an sich. Ich habe in meinem Erasmus-Jahr tolle Leute getroffen, interessante Gespräche geführt und Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte. Und doch brachte mir dieses Jahr auch etwas, das ich notdürftig nur als allgemeine Irritation beschreiben kann. 

Entgegen der weit verbreiteten Lobeshymnen auf legendäre Erasmus-Partys, bin ich nicht nur auf grenzenloses Vergnügen sondern auch auf ein Gefühl der Leere gestoßen. Léos Van Melckebekes Sicht auf unsere Generation trifft meine Erfahrung absolut treffend, wenn der Franzose in seinem Pamphlet Homo Erasmus die Langeweile beschreibt, die droht die Leute aufzusaugen. Sie wird abgetötet, wenn man einfach blind der Masse folgt, so Melckebekes These: Und: „Ständig wird gefeiert und die Leute gehen ohne jeden Anlass voll ab.“  Der zwanghafte Anspruch zum übermäßigen „Gut drauf sein“ hat sich auch mir nie grotesker gezeigt als in den neun Monaten meines Erasmus-Aufenthaltes. Die Erscheinung kam im Doppelpack mit einem Flair von allgemeinem Desinteresse gegenüber der Welt an sich. Vielleicht zählt diese zu den Erfahrungen, die zwar schwer verdaulich, aber prägend sein können.  

Solche Kritik an unserer Partykultur schmeckt natürlich schnell nach dem allgemeinen Vorwurf, unserer Generation sei genau das abhanden gekommen, was die glorifizierte Generation vor uns ausmachte. Ideale und Sinn etwa - und die Motivation, sich für etwas anderes zu interessieren als das eigene Fortkommen. Ich glaube, dass es viele Beispiele junger Menschen gibt, die diesem Generalvorwurf den Wind aus den Segeln nehmen. Meine Erasmus-Kritik möchte ich deshalb nicht als Teil eines pessimistischen Allgemeinbildes unserer Generation verstanden wissen. Ich kann auch nicht wissen, wie es früher war. Ob besser oder schlechter, mir geht es um das Jetzt. Und ich glaube nicht ganz allein zu sein, wenn ich frage: Haben wir wirklich nur die eine, (fast) alles dominierende Partykultur?