Lifestyle

Stay oder 'to go'? Sarajevos erster McDonalds macht Ćevapčići Konkurrenz

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2011
Mit der Eröffnung ihrer ersten McDonalds-Filiale am 20. Juli lässt es die bosnische Hauptstadt Sarajevo nun an Tirana (Hauptstadt von Albanien) und Priština (Hauptstadt des Kosovo), sich ebenfalls in die Ränge europäischer Großstädte einzureihen.
Früher behaupteten Einheimische immer, das hiesige Essen sei so gut, dass es das amerikanische Fast Food-Restaurant gar nicht erst wagen würde, in Konkurrenz damit zu treten. Wie unterscheidet sich in einer sich ständig weiterentwickelnden Küchen- und Lifestyle-Welt die Ankunft von McDonalds in Sarajevo, von der eines beliebigen Restaurants?

Läuft man durch die engen Straßen des Viertels Baščaršija im Stadtzentrum, vorbei an Hunden, die im Schatten herumlungern, und Roma-Kindern, die bettelnd von Restaurant zu Restaurant ziehen, dann sieht man Rauchwolken aus den offenen Türen quillen, die Straßen überfluten und sich zwischen Touristen-Gruppen und Cafés im Freien ausbreiten. Du magst mit dem Kopf gegen eine wahrhaftige Wand aus Grillrauch stoßen, dennoch wird es dich irgendwie immer tiefer in die alte Stadt hineinziehen. Es stellt ein beliebtes Kulturviertel Sarajevos dar und steht in tiefem Widerspruch zu der Erinnerung meines letzten McDonalds-Besuchs.

Mac-Good für Sarajevo?

Der Inhaber von Mac Doner, einem Döner-Laden am Ende der Hauptstraße Marsala Tita, in der auch die neue McDonalds-Filiale liegt, hält mich für einen Undercover-Spion der amerikanischen Fast Food-Kette, als ich ihn zu der wichtigen Veränderung befrage. Was sein ausschließliches Lob für McDonalds erklären mag. „McDonalds steht für Fortschritt und Entwicklung”, sagt er und fährt fort: „Der Laden wird Sarajevo gut tun.“ Ein anderer Besitzer einer burekdžinica (Gaststätte, die Burek verkauft) in der Nähe des neuen McDonalds möchte, dass der Name seines Unternehmens anonym bleibt, verrät aber, dass es zwei verschiedene Märkte gibt: einen für Burek, der lokalen, mit Fleisch oder Käse gefüllten Teigspezialität, und einen für Burger. „Wenn die Leute Burek wollen, dann wollen sie Burek. Für Burek wird es bei McDonalds keinen Ersatz geben.“

Gladne Oči („Hungrige Augen“) ist ein Fast Food Burger-Laden einen Häuserblock vom neuen McDonalds entfernt. Samir, der Inhaber und Manager, begrüßt uns mit einem netten Lächeln, einem warmen Händedruck. Er schenkt uns eine Dose eisgekühlte Cola. Samir gibt zu, dass er der neuen Konkurrenz nervös entgegensieht. Sollte sein Gewinn tatsächlich eine plötzliche Talfahrt erleben, wird er nicht zögern, seine Geschäftszelte anderswo aufzuschlagen. „Ich habe dieses Restaurant eröffnet, weil ich gute Burger essen wollte; ich habe das für meinen eigenen Geschmack getan“, sagt er, während er mir einen Cheeseburger mit hauseigener Sauce reicht. „Nur zu. Das ist der beste Burger der Stadt.“

Ćevapčići forever

Die Meinungen über die möglichen Folgen der ersten McDonalds-Filiale in  Sarajevo gehen weit auseinander, doch eine Diskussion ist besonders interessant: Viele Leute denken, dass McDonalds weder überleben kann noch wird. „Schau dir das hiesige Essen an! Es ist köstlich. Es ist billig. Für sechs KM („Konvertible Mark“, die offizielle Währung von Bosnien und Herzegowina) hast du die Wahl zwischen einem BigMac-Menü und echten Ćevapčići. Damit kann McDonalds nicht konkurrieren“, sagt ein Ćevapčići-Fan aus Sarajevo. Und es gibt noch viele weitere, die ebenfalls glauben, dass sich McDonalds schwer tun wird, mit dem lokalen Fast Food zu konkurrieren.

Als ich heute Morgen die Maršala Tita-Straße entlang lief, während das restliche Sarajevo noch schlief und das neue McDonalds-Transparent leicht im Wind flatterte, merkte ich, dass die McCafé-Grafik zur Seite gerutscht war. Man braucht einiges an Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Einwohner Sarajevos die Bürgersteige entlang schlendern und in ihren schwitzenden Händen Kaffee-Papierbecher mit gelben Bögen wie Aushilfs-New Yorker herumschleppen. Ich bin jetzt schon seit zwei Monaten hier und habe erst zwei Cafés gesehen, die Coffee to go anbieten.

(Foto: ©Boris Svartzman)

Kaffee, Zigaretten und Unterhaltung in einem Café sind feste Bestandteile des Lifestyle in Sarajevo, der mindestens so heilig zu sein scheint wie Ćevapčići. Sich hinzusetzen, vielleicht eine Stunde lang, einfach um den Moment zu genießen – das ist nur eine der Weisen, auf die sich die Lebens- und Zeiteinstellung der Einwohner Sarajevos zeigt. Zeit scheint hier im Augenblick abzulaufen, sie besteht aus Lücken ohne konkrete Maßeinheit. Sie schlüpft durch das Ende einer brennenden Zigarette oder über die Ecke einer Keramik-Kaffeetasse und setzt sich irgendwo tief in der Magengegend nieder. Die  Zeit wird die Folgen der groß angepriesenen Eröffnung von McDonalds offenbaren. Vielleicht fordert ja McDonalds, ob bewusst oder unbewusst, eben genau die Vergänglichkeit dieser wertvollen Momente in Sarajevos Alltagsleben heraus.

Dieser Artikel von North 'Amer' Campbell stammt von unserem offiziellen cafebabel.com Sarajevo-Blog.

Foto: Hoempage (cc)sota-k/flickr/ dogs.shiftweb.net/diary/; im Text Mc Doner und neue McDonalds-Filiale ©Barbara Becares; Kaffee in Sarajevo ©Boris Svartzman/svartzman.com