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Spaniens Studentenschelte: La Razón-Redaktionsleiter ohne Räson

Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2012
Gut und Böse; links und rechts. Freunde und Feinde. Auf diese Antinomien kann man die Weltanschauung von Francisco Marhuenda, Direktor der spanischen, katholisch-konservativen Tageszeitung La Razón, reduzieren. Die Zeitung mit der drittstärksten Auflage im Umkreis von Madrid? Normal!
Erklärung nach dem gestrigen Titel, der 5 Lebensläufe von angeblich „aufsässigen Studenten“ zeigte und für ordentlich Aufruhr unter Studenten und im Netz sorgte.

Das Böse sind Studenten, die sich Gewerkschaften anschließen. Genau diejenigen, deren Lebensläufe am 9. Mai die Titelseite der Tageszeitung La Razón schmückten – wie Steckbriefe. Gehörig gescholten wurde der Werdegang der Studenten. Einige von ihnen seien Langzeitstudenten. Bereits seit 10 Jahren an der Uni. Andere seien nichts weiter als Profis der Protestbewegungen. Das Gute wird in einem Artikel mit der Überschrift La Educación nos hace más libres ['Bildung macht uns freier] dargestellt, der – vielleicht unbeabsichtigt – eine unschöne Referenz an 'Arbeit macht frei' ist. Im Großen und Ganzen fällt der Artikel des Redaktionsleiters folgendes Urteil: Die Studenten hätten nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten.

Linksbündig, so Redaktionsleiter Marhuenda, gäbe es die sozialistische Partei, die bei den letzten Wahlen gescheitert war; eine Lügenregierung, so erklärte der Autor des Editorials vorher auch live auf Radio COPE, welches zu einer Mediengruppe gehört, deren Hauptaktionär die Bischofskonferenz ist. Gegenüber im konservativen Lager: Mariano Rajoy, der aktuelle Ministerpräsident, dessen Kabinettsleiter Francisco Marhuenda früher war. Damals, als Rajoy 1996 noch Minister für Öffentliche Verwaltung und später 1999 Bildungs- und Kulturminister war.

Zur Konservativen gehört vor allem auch die Jugend der Unión de Centro Democrático [ehemaliges Parteienbündnis Union des Demokratischen Zentrums], wo Francisco seine ersten Schritte tat. Die (konservative) Tageszeitung El Mundo bezeichnete ebendiese Organisation als Ziehstätte des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar. Genau dort konnte der aktuelle Redaktionsleiter von La Razón auch mit Kumpels wie Javier Arenas abhängen, der anschließend Arbeitsminister unter Aznar wurde; oder mit Eduard Zaplana, der ebenfalls Arbeitsminister und später Sprecher der Partido Popular (PP) von Mariano Rojoy, Aznar… und Francisco Marhuenda wurde.

Marhuendas Freunde sind die konservativen Politiker in der Regierung, mit denen er auf den Putz gehauen hat, die parlamentarische Gruppe der PP, in der er gelernt hat auf Attacken von Seiten der Sozialisten zu reagieren. Zum Freundeskreis gehören ebenso die konservativen Kommentatoren Federico Jimenez Losantos und César Vidal, Autor des Buches La guerra que ganó Franco [Der Krieg, den Franco gewann]. Die Feinde sind wiederum die Studenten, die auf die Straße gehen. Als solche wurden sie auch kürzlich vom Polizeichef von Valencia, Antonio Moreno, benannt, als sie sich im Februar zu Studentendemos versammelten. 14 Studenten wurden festgenommen.

In Franciscos Welt heißen Freunde Mariano Rajoy. Es ist der Mann, der in 100 Tagen 36 Milliarden Budgetkürzungen angekündigt hatte und dann gleich noch 10 Milliarden Einsparungen in Bildungs- und Gesundheitswesen draufsetzte. Rajoy ist der Mann, der sich aber gleichzeitig wundert, wenn die Leute auf die Straße gehen, in Gewerkschaften anheuern oder ihre Rechte einfordern, wenn 50% der jungen Leute keinen Job haben. Ja, in Franciscos Welt gibt es nichts Normaleres, als auf dem Titel einer nationalen Zeitung persönliche Infos einiger „schlechter Studenten“ breitzutreten. Unterdessen kündigt die Regierung an, dass Bankia, der viertgrößten Bank des Landes, zwischen 6 bis 10 Milliarden öffentliche Gelder zugeschossen werden. Total normal.

Fotos: Screenshots La Razón vom 9. und 10. Mai 2012