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Sound unserer Kindheit: Eiswagen in Europa

Artikel veröffentlicht am 30. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 30. Mai 2017

Genau wie Marcel Proust seine Madeleine liebte, kann der Sound eines alten Eiswagens bei einer ganzen Generation einen Anfall an Nostalgie auslösen. Unsere interaktive Karte zeigt euch den Klang der Nostalgie auf dem ganzen Kontinent.

Stellt euch einen warmen Augustabend in den späten Neunzigern vor, irgendwo im Ochota-Viertel von Warschau. Die Luft in der sozialistischen Platte ist brennend heiß, trotz der Asbest-isolierten Wände. Und dann plötzlich kommt ein Geräusch, das zunächst nur ganz aus der Ferne zu vernehmen ist. 

Es ist die vertraute Melodie von Family Frost - dem größten Anbieter in Osteuropa, der Tiefkühlprodukte direkt auf der Straße verkaufte. Der Sound ist im kollektiven Gedächtnis einer ganzen Generation, die in den 1990ern und frühen 2000ern in Polen groß geworden ist, geblieben. Aber es handelt sich um kein ausschließlich polnisches Phänomen - Eiswagen gab es überall in Europa. [Auch Kindern aus Nachwende-Ostdeutschland ist Family Frost ein Begriff; AdR]. Oder vielleicht nicht wirklich überall. An manchen Orten war die Nachfrage einfach nicht groß genug. Nehmen wir Italien: warum sich mit einem Eiswagen abmühen, wo es doch an jeder Ecke leckeres Gelato gibt?

Eiswagen haben eine lange Geschichte in Großbritannien, wo Softeis mit verschiednenen Geschmäckern bereits im 19. Jahrhundert per Pferdewagen ausgeliefert wurde. In den 1950ern gab es das Business dann auch mit motorisiertem Untersatz. Es muss so ungefähr zur gleichen Zeit gewesen sein, dass das Geläute anfing Eltern gehörig zu nerven und Kinderherzen höher schlagen zu lassen. In den 1980ern wurden Eisawgen auch mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Die spritzigen Wagen verkauften während der sogenannten Glasgow Ice Cream Wars Waffen und Drogen anstatt der geforenen Spezialitäten und brachte der lokalen Polizeieinheit den Spitznamen 'Serious Chimes Squad' ein.

Auf Basis dieser ausgiebigen Traditionen ist es also kein Wunder, dass der bekannteste Chime (Läuten) in Großbritannien Greensleeves ist, eine Komposition, die Henry VIII. zugeschrieben wird und bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Jedes britische Kind bekommt mit einer Portion Eis also auch eine gehörige Portion Nachhilfe in Geschichte.

Im Süden Europas gibt es Eiswagen, wenn überhaupt, nur lokal. Auf der französischen Atlantikinsel Noirmoutier beispielsweise ist Marco Abregel 40 Jahre lang Eiswagen gefahren. Aber die meisten Franzosen können sich kaum noch an Eiswagen in ihrer Kindheit erinnern.

In Skandinavien hat der Eiswagen Tradition. Die meisten Skandinavier können sich an den blauen Eiswagen aus ihrer Kindheit erinnern. Er gehörte einer schwedischen Firma namens Hemglass, die seit den 1960ern Eis verkaufte und bald die Märkte der Nachbarn eroberte. Während man bis heute an einem sonnigen Tag Glassbil in Schweden finden kann, stoppte die Firma ihren finnischen Ableger, der nicht mehr profitabel war. Das letzte Jäätelöauto wurde 2013 gehört.

Das bringt uns zu einer durchaus finsteren Schlussfolgerung. Eiswagen werden immer seltener in Europa. Ob daran nun die Supermarktketten Schuld sind oder Gesetze zu umweltfreundlichen Autos, wir werden akzeptieren müssen, dass vom Läuten des Eiswagens aus unserer Kindheit nichts weiter als eine süße Erinnerung bleibt. 

Hört euch den Sound der Eiswagen an, solange ihr noch könnt (auf eine Eiswaffel klicken, um die Melodie zu hören)