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Social Media-Mugging: Von Kunst bis Club Mate

Artikel veröffentlicht am 22. November 2013
Artikel veröffentlicht am 22. November 2013

Das digitale 21. Jh. hat einen neuen Straftatbestand: Seit wir alle nur noch mit Smartphones, Tablets und Laptops herumlaufen, vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht an der Uni, im Café oder beim Feierabendbier von wildfremden Menschen mit Kontaktdaten und Freundschaftsanfragen überfallen werden. Wie lehnt man da am besten ab? Fünf Strategien, um dem nächsten social-media mugger zu entgehen.   

In Berlin herrschen in diesem Spätherbst gefühlte 20 Grad minus, eisige Winde fegen durch die Straßen. Was drinnen in der Eckkneipe zwischen Holztischen und plüschigen Sofas auf Anhieb lauschig wirkt, ist für Freunde der digitalen Privatsphäre schon länger zum gefährlichen Terrain geworden: Berliner KindlClub Mate und gratis Internetzugang steht auf der Karte. Viele packen, nachdem sie sich ächzend auf Stuhl oder Sofa haben fallen lassen, sofort ihr Tablet oder MacBook aus. Oder aber man liest. 

Das ist der Moment des  social-media muggers, der nur darauf wartet, dass man alleine im Café sitzt: „Hey, ich hab gesehen, dass du Murakami liest... Ich mag den ja auch.“ Als Aufhänger kann alles dienen, von Kunst bis Club Mate. „Das trinken ja mittlerweile alle, so peinlich.“ So weit, so gut. Irgendwie muss man ja ins Gespräch kommen und spontane Diskussionen oder Zufallsbegegnungen sind ohnehin oft die allerbesten. „Du schreibst manchmal? Ich mach ja auch so Kunst im Internet.“ Dann folgt ein langes Gespräch? Nix da! Drei Minuten müssen reichen; schnell wird noch etwas über Berliner Hipster nachgeschoben und dann rauscht der mugger auch schon wieder weg.

digitale Überfälle in der realen eckkneipe

Mit dabei hat er: den Facebooknamen seines Opfers. Und dann beginnt die Prozedur der Facebookwelt. Früher, als man noch eine falsche E-Mail-Adresse aufschreiben, einen Namen erfinden, seine Handynummer verkrakeln oder behaupten konnte, aus Prinzip nicht bei Facebook zu sein, hätten die meisten über social-media mugging gelacht. Wer den englischen Ausdruck bei Google eingibt, liest von Überfällen und Einbrüchen in der realen Welt, die von kriminellen Zeitgenossen über soziale Netzwerke geplant und zeitlich abgestimmt werden. Hier geht es aber um eine andere Art von social-media mugging - Überfälle im Café, die häufiger vorkommen, als man vielleicht denkt.

Wie soll man trotz allgegenwärtigem Internetzugang seine Privatsphäre schützen, ohne auf den bösen Satz zurück zu fallen: „Nee lass mal, ich will nicht dein Freund sein“? Frei erfundene Facebook-Namen oder Ähnliches können mittlerweile innerhalb von Sekunden als fiktiver Selbstschutz entlarvt werden. Wer die Höflichkeitsregeln des 20. Jahrhunderts noch verinnerlicht hat und sich nicht traut, eine derart klare Absage zu machen, muss trickreicher vorgehen, wenn er seine Accounts in sozialen Netzwerken nicht plötzlich von social-media muggern überschwemmt sehen oder permanent mit einem schlechten Gewissen kämpfen will.

Die folgenden fünf Strategien garantieren keine umfassende Abwehr aller Freundschaftsattacken, werden das Gros der social-media mugger aber sicherlich abschrecken.

Der ultimative social media mugger-Schutz

1. Wer ein hochkomplexes Derrida-Buch mit nichtssagendem, dunkelblauen Cover aus der Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft-Reihe mit in die Kneipe nimmt, verprellt mindestens 50 Prozent der social-media mugger vom Murakami-Typ. Wer dann noch einen Stift dabei hat und fleißig unterstreicht, gibt zu verstehen: „Ich bin intellektuell, beschäftigt und habe keine Zeit für seichte Gespräche.“ Da muss ein mugger schon sehr hartnäckig und selbstüberzeugt sein, um den poststrukturalistischen Schutzwall zu durchbrechen.

2. Man lasse sich einen möglichst nichtssagenden Namen einfallen (zum Beispiel „Sonia Müller“ oder „Johannes Meier“). Wenn der social-media mugger den bei Facebook eingibt, tippe man auf gut Glück auf den ersten Benutzer dieses Namens mit verschwommenem oder unkenntlich gemachtem Profilbild.

3. Stur weiter an seinem Bier nippen und erklären, dass man nur zu Besuch in Berlin sei, eigentlich in Wanne Eickel wohne und dort eine Lehre zum Bankkaufmann bzw. zur Bankkauffrau mache. Nur glaubwürdig, wenn man nicht in voller Hipster-Montur unterwegs ist.

4. Man lege ein vollkommen neues Facebook-Profil nur für social-media mugger an. Um das glaubwürdig aussehen zu lassen (Freunde, Bilder, Posts etc.), braucht man zwar etwas Zeit.  Dann wird es sich aber garantiert als exzellentes Mittel zur Feststellung der gestiegenen social-media mugging-Raten anbieten.

5. Die ultimative mugger-Abwehr-Strategie, nur zu zweit umsetzbar: Sobald man bemerkt, dass man die Aufmerksamkeit eines potentiellen social-media muggers erweckt hat, ernste Mienen aufsetzen und nervös mit dem Mund zucken. Wenn der mugger zuschlägt, betont freundlich reagieren, dann aber mit Nachdruck hinzufügen: „Es tut uns echt leid, aber wir haben hier gerade ein ganz persönliches Gespräch. Ehrlich gesagt, wir trennen uns gerade. Deswegen brauchen wir etwas Privatsphäre, wenn das okay ist.“ Das wird auch dem knallhärtesten mugger ein mitleidiges Lächeln entlocken, bevor er sich wieder in seine Sitzecke trollt. Und dann nie wieder in die Kneipe gehen, sonst wird beim nächsten Mal aus dem misslungenen Gesprächsversuch im schlimmsten Fall ein Flirtversuch.

Danke an Chris Stevens, der dem Phänomen der digitalen Freundschaftsattacken in der realen Welt seinen englischen Namen gegeben hat.