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Sevilla: Desperate Housemen

Artikel veröffentlicht am 24. März 2014
Artikel veröffentlicht am 24. März 2014

Was wäre, wenn die Krise in An­da­lu­si­en ein altes Fa­mi­li­en­mo­dell über den Hau­fen wer­fen würde? In Se­vil­la führen die Frau­en Haus­halt und Fa­mi­lie, egal ob sie ar­bei­ten oder nicht. Die stei­gen­de Ar­beits­lo­sig­keit, zwingt nun mehr und mehr Män­ner dazu, zu Hause zu blei­ben. Kommt so etwa Be­we­gung in ver­al­te­te Struk­tu­ren?

Ahmed, 40, Ma­rok­ka­ner, hat seit sei­ner An­kunft in Spa­ni­en im Jahr 2003 alle mög­li­chen Jobs ge­macht: Elek­tri­ker, Gärt­ner, Ge­mü­se­ver­käu­fer, Mau­rer und La­ger­ar­bei­ter: er hat jeden Job gerne ge­macht, bis die Krise kam. Wie viele an­de­re Män­ner, sitzt er ohne Aus­sich­ten auf neue Ar­beit zu Hause. Er küm­mert sich um seine bei­den Töch­ter, die vier und sechs Jahre alt sind, aber er fühlt sich „wie ein Löwe im Käfig". Die Si­tua­ti­on be­las­tet ihn: „Ich weiß, dass die Leute über mich reden. Ich mag die­ses Bild nicht, das sie von mir haben." Es kommt für ihn nicht in Frage, den Haus­halt zu über­neh­men, den seine Frau führt, ob­wohl sie bis vor kur­zem im Gast­ge­wer­be ge­ar­bei­tet hat.

Für die So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen Rocio und Te­resa ist diese Si­tua­ti­on All­tag. Män­ner wie Ahmed tref­fen sie jeden Tag in den Räu­men des CE­PAIM, einem Ver­ein am Stadt­rand. „Als die Krise den Bau­sek­tor ge­trof­fen hat, wur­den viele Män­ner, die bis­her sehr gut ver­dien­ten, plötz­lich ar­beits­los. Psy­cho­lo­gisch ist das für sie sehr schwie­rig, denn sie haben den Ein­druck, ihren Platz in der Ge­sell­schaft ver­lo­ren zu haben." Ahmed fühlt die­sen Ver­lust an Selbst­ach­tung: „Wenn ich jetzt in mein Hei­mat­land reise, be­su­che ich die Fa­mi­lie mei­ner Frau nicht mehr, weil ich weiß, was sie von mir den­ken wer­den."

Frau­en "Brauch­ba­rer"

Warum ak­zep­tiert „Mann" nicht ein­fach den neuen Sta­tus Haus­mann? Te­re­sa meint dazu: „Durch die Krise fin­den Frau­en leich­ter Jobs als Män­ner, denn die Bran­chen, die eher Frau­en be­schäf­ti­gen, sind we­ni­ger ge­trof­fen wor­den." Aber trotz der Hef­tig­keit der Krise ist es für viele Män­ner immer noch sehr schwie­rig, sich mit einem Tausch der Rol­len an­zu­freun­den. "Für mich ist es schon schwer, ein­fach nur dar­über zu reden", be­tont Ahmed.

Es­sa­dia, eine junge Frau mit sanf­ter Stim­me und Stamm­gast im CE­PAIM, kann ein Lied davon sin­gen: „Mein Bru­der ist 47 Jahre alt. Es hat sechs Jahre ge­dau­ert, bis er ak­zep­tiert hat, dass seine Frau ar­bei­tet wäh­rend er ar­beits­los ist. Für ihn war das un­na­tür­lich. Hier än­dert sich die Men­ta­li­tät erst, wenn die Si­tua­ti­on un­er­träg­lich wird, wenn es ums Über­le­ben geht."

Man­che Paare hal­ten nicht so lange durch. Die Zahl der Tren­nun­gen steigt ra­sant, „aber nicht die Zahl der Schei­dun­gen, das kön­nen sich die Leute nicht mehr leis­ten!" be­dau­ert Te­re­sa. Das Er­geb­nis sind gro­tes­ke Si­tua­tio­nen: man­che Paare leben ge­trennt unter einem Dach, an­de­re keh­ren ge­zwun­ge­ner Maßen zu ihren El­tern zu­rück und lie­gen ihnen auf der Ta­sche. Wenn man Rocio, Te­resa, Es­sa­dia und Ahmed so zu­hört, scheint das tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en­mo­dell noch nicht zu schwan­ken, auch wenn die an­da­lu­si­sche Ge­sell­schaft dafür einen sehr hohen Preis zahlt.

Diese Reportage wurde im Rahmen des Projeks «EUtopia – Time to Vote» geschrieben. Unsere Partner für dieses Projekt sind die Stiftung Hippocrène, die Europäischen Kommission, das französische Außenministerium und die Stiftung EVENS. Bald findet ihr alle Artikel aus Sevilla auf der ersten Seite unseres Magazins. 

Die Ge­sprä­che führ­te Chloé Ste­ven­son in Se­vil­la.