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Semana Santa: Die spinnen, die Spanier zu Ostern?

Artikel veröffentlicht am 3. April 2015
Artikel veröffentlicht am 3. April 2015

In Spanien sind die Prozessionen der Semana Santa [Heiligen Woche] bis heute das sichtbare Zeichen einer Jahrhunderte alten Tradition. Die Menschen gehen auf die Straße; Costaleros, so heißen die Teilnehmer der Prozession, tragen schwere Heiligenbilder auf den Schultern und Glaube mischt sich mit Brauchtum. Doch was denken andere Europäer, wenn sie dieses kuriose Bad in der Menge betrachten?

Jessica ist Französin und hat die Prozession der Semana Santa zum ersten Mal gesehen, als sie 26 Jahre alt war. Ein bisschen angespannt hatte sie sich zunächst gefühlt, war skeptisch und spürte eine gewisse Angst, Teil an einer Tradition zu haben, die sie schon irgendwie als „extrem“ bezeichnet. Der Fakt, dass ihre eigene Religion nicht über ein paar Taufen und Hochzeiten hinausgeht, ließ sie auch nicht ruhiger werden. Als sie die erste Feuerlinie des Fanfarenzugs hinter sich lässt, wird Jessica aber endlich entspannter und kann sich auf die Sache einlassen. „Ich muss sagen, dass ich die Erfahrung im Endeffekt genossen habe, das war einzigartig und hat mich sehr berührt“, sagt sie im Nachhinein.

Die Worte von Jessica lassen vernehmen, dass Europäer eine Art Kulturschock verspüren, wenn sie zum ersten mal an solch einem fremden Brauch teilnehmen, der im eigenen Land nicht existiert. In Frankreich zum Beispiel ist nur der Ostermontag ein offizieller Feiertag, ein Tag, an dem man sich ausruht oder „mit der Familie zusammen isst“. So zumindest erklärt es Adeline, die 2010 zur Semana Santa in Granada war. „Es stimmt, dass mir das alles ziemlich schräg vorkam, das war schon fast angsteinflößend“, erinnert sie sich.

Für Adrien, ebenfalls aus Frankreich, handelt es sich um eine Tradition, die in seinem eigenen Land weniger ausgeprägt sei, die er aber bewundert und der er sich verbunden fühle. Adrien selbst ist "gläubiger Katholik“. 

So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen

Sten, der aus Deutschland kommt, kann sich vor allem mit dem „Glücks- und Bewunderungsgefühl“ identifizieren, als er – los pasos - die Prozession mit den Heiligenbildern auf den Schultern und die dazugehörige Musik verfolgte. „Man kann nicht so richtig nachfühlen, was da passiert, denn für die Katholiken ist das wirklich eine sehr bewegende und emotionsgeladene Sache“, erzählt er.

Vivien, ebenfalls Deutsche, stimmt einen ähnlichen Tonfall an und erinnert sich, dass sie vor allem von der Reaktion der Leute überrascht war. „Noch nie hatte ich in meinem Leben so etwas gesehen. Einerseits war die Stimmung recht traurig, viele Menschen weinten. Doch auf der anderen Seite gab es diese überschwängliche Freude, diesen Stolz und auch eine Art Achtung.“

In Deutschland gibt es die so genannten Ostermärsche, die in den 1960er Jahren als politisch orientierte Friedensmärsche begannen. Es handelt sich jedoch dabei aber weder um Märsche, bei denen Spitzkappen mit Löchern getragen werden noch der Rocksaum der Jungfrauen anzufassen ist. 

Kirche und Grill 

In Italien ist die Semana Santa nicht auf der Straße zu finden, sondern traditionell in der Kirche. Hier wird eine spezielle Ostermesse an den Festtagen gehalten. Am Ostermontag, erzählt uns Alberto, wird sich daraufhin erst einmal ordentlich erholt und nicht selten das erste Barbecue des Jahres angezündet. Alberto empfindet die Semana Santa aber als eine sehr spanische Tradition, die voller Pathos sei. „Die Leute heulen nicht für etwas Bestimmtes, es ist ein ehrliches, pures Weinen. Während der Prozession projizieren die Leute ihre alltäglichen Sorgen in eine einzige Emotion: Gesundheit, Glück, Liebe, Ruhe - alles zusammen, aber in Extremform.“

In Holland ist der Ostermontag der repräsentativste Feiertag zu Ostern, ein bisschen wie in Deutschland. An diesem Tag werden längere Ostermessen in den Kirchen des Landes gehalten. Und danach, so ist es zur Tradition geworden, geht es zu einer Art Brunch. Nicht zu vergleichen mit dem, was in Spanien zur Semana Santa passiert, erzählt Anne. „Ich habe die Prozessionen zum ersten Mal in Sevilla gesehen. Man hatte mich vorgewarnt, dass ich beeindruckt sein würde. Und ja, das war dann auch der Fall: die Musik macht dir Gänsehaut und wenn der Umzug nachts durch eine minikleine Gasse geht, dann wirst du das Gefühl nicht los, dass etwas Magisches in der Luft liegt.“ Auch der religiöse Aspekt hatte eine gewisse Anziehungskraft auf Anne, auch wenn sie eine „nicht besonders aktive Katholikin“ ist. 

Das ‘täglich Brot’ der Spanier

Der offenkundlichste Unterschied zu den Spaniern ist wohl, dass andere Europäer zunächst neugierig und überrascht sind wie Kleinkinder, die gerade etwas Neues entdeckt haben. „Das Osterfest ist Teil der spanischen Tradition und ich bin jedesmal wieder überrascht, wie andere diesen kleinen ‚Schock‘ miterleben‘, erzählt Marina aus Madrid. Für sie handelt es sich um einen Brauch, „der in Bezug auf das Jetzt und Hier und sogar auf die Kirche ziemlich altbacken daherkommt, da er ein Schuldgefühl heraufbeschwört, das keine wirkliche Daseinsberechtigung mehr hat“, kommentiert Marina.

José denkt da ganz anders. Er ist Mitglied in der ältesten urkatholischen Bruderschaft von MurciaReal y Muy Ilustre Cofradía de Nuestro Padre Jesús Nazareno‘, die 1600 gegründet wurde. Für ihn existieren genauso viele verschiedene „Gefühle wie Nazarenos [Spitzkappenträger der Prozessionen; A.d.R.]“. Es ist unsere Hingabe, eine „sehr humane und familiäre“ Tradition weiterzuführen, die fest in unserem Stadtkalender festgeschrieben ist. Er erklärt, dass die Semana Santa etwas ist, dass sich von Generation von Generation weiter vererbt und immer auf der Straße weitergelebt hat.

Für Elena aus Sevilla zählt eher der “traditionelle, kulturelle und künstlerische Aspekt des Brauchs“, nicht so sehr die religiöse Seite. Elena ist eher unwohl in Bezug auf die religiöse Hingabe und Ergebenheit derer, die in dieser heiligen Woche durch die Straßen ziehen. „Anders verhält es sich jedoch mit denjenigen, die auch an den restlichen Tagen des Jahres Gläubige sind. Auch wenn ich ihren Glauben nicht teile, kann ich ihre Euphorie verstehen.“