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Schwule Fussballer: Schiri, die Seife ist runtergefallen

Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2014

Neulich hat der ehemalige Fußballprofi Thomas Hitzlsperger als schwul geoutet. Gefolgt ist ihm bisher kein anderer Fußballer. Warum sind schwule Fußballer eigentlich so schwer zu finden? Ich begebe mich auf die Suche nach ihnen. 

Tho­mas Hitzlsper­ger hatte immer hart ge­passt und Ham­mer­to­re ge­schos­sen, wun­der­te sich der frü­he­re deut­sche Na­tio­nal­tor­wart Jens Leh­mann neu­lich im Fern­se­hen. Dass pass­te für ihn nicht so recht mit Hitzlsper­gers Ho­mo­se­xua­li­tät zu­sam­men. Hätte Leh­mann ge­wusst, dass Hitzlsper­ger schwul ist, wäre er nicht gerne mit ihm du­schen ge­gan­gen. Die Vorurteile über Schwule im Fußball, dass hat Lehmann damit bestätigt, gibt es nach wie vor.

Der "Spie­ler­mann" muss noch er­fun­den wer­den

Fuß­bal­ler zei­gen sich allerorts stolz mit blon­den Schön­hei­ten. Immer recht­zei­tig zu gro­ßen Tur­nie­ren gibt es die ob­li­ga­to­ri­schen Bil­der­stre­cken aller Spie­ler­frau­en. Liebs­tes Ra­te­spiel der Zei­tungs­re­dak­tio­nen ist dann, wel­che Frau wohl zu wel­chem Ki­cker ge­hört. Das ge­hört dazu. Der „Spie­ler­mann“, die­ser Be­griff müss­te er noch er­fun­den wer­den.

Schwu­le Fuß­bal­ler gibt es in den Top-Li­gen Eu­ro­pa of­fi­zi­ell nicht. Ou­tings sind so sel­ten, dass man sie an einer Hand ab­zäh­len kann. Rob­bie Ro­gers (25) war Mit­tel­feld-Spie­ler von Leeds United in Eng­land, bis er sich im letz­ten Jahr ge­ou­tet hat. Sei­nen Ver­trag hatte er einen Tag vor sei­nem Co­m­ing-Out vor­sichts­hal­ber schon auf­ge­löst und hat nicht mehr für den Ver­ein ge­spielt. Ro­gers macht die „ho­mo­pho­be Kul­tur“ in der Fuß­ball-In­dus­trie dafür ver­ant­wort­lich. Er hätte ein­fach „Angst“ wie­der mit sei­nen Mit­spie­lern zu trai­nie­ren und in Fuß­ball­sta­di­en in Groß­bri­tan­ni­en auf­zu­lau­fen. Ro­gers sagt, er kenne „kei­nen“ schwu­len Fuß­bal­ler, ob­wohl er davon aus­geht, dass es in Wahr­heit eine Menge gibt. Ro­gers macht auf das er­schre­cken­de Phä­no­men auf­merk­sam, dass schwu­le Fuß­bal­ler sich of­fen­bar vor einem Co­m­ing-Out fürch­ten müs­sen. Müs­sen sich Ama­teur-Fuß­bal­ler eben­so fürch­ten? Ich er­kun­di­ge mich dafür bei einem ita­lie­ni­schen, einem deut­schen und einem spa­ni­schen Ama­teur-Fuß­bal­ler.

Schwul im Ama­teur­be­reich

A.S.D. Cal­cio Spi­nea ist ein Fuß­ball-Ver­ein in Ita­li­en, wie viele an­de­re. Die Mann­schaft spielt ihre Heim­spie­le in Ve­ne­dig, die Spie­ler be­kom­men hier sogar ein biss­chen Geld für ihre Be­mü­hun­gen. Giu­sep­pe Bel­gioio­so (23) spielt schon 17 Jahre Fuß­ball. Einen schwu­len Fuß­bal­ler hat er noch nicht ken­nen­ge­lernt. Wenn über Ho­mo­se­xu­el­le ge­spro­chen wird, dann wird es bös­ar­tig. Er schämt sich ein biss­chen dafür und möch­te nicht sagen, was genau über Ho­mo­se­xua­li­tät ge­sagt wird. Ich frage wei­ter.

Mein Bru­der Tim (20) spielt für die Spiel­ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen Döh­ren im Süden Han­no­vers. Der­zeit be­legt die Mann­schaft einen Platz im Mit­tel­feld. Mit dem Auf­stieg wird es diese Sai­son nichts mehr. Bei Heim­spie­len ste­hen hier ei­ni­ge Bock­wurst kau­en­de Män­ner mit Bart und kom­men­tie­ren das Spiel recht ge­las­sen. In die­ser Mann­schaft sind viele Spie­ler un­ter­ein­an­der be­freun­det. Tim spielt im­mer­hin schon drei Jahre im Her­ren­be­reich, er hat noch kei­nen schwu­len Fuß­bal­ler ken­nen­ge­lernt. Er hat auch noch von kei­nem schwu­len Fuß­bal­ler ge­hört. Dabei ist Se­xua­li­tät ein Dau­er­the­ma: Frau­en­geschich­ten von Spie­lern sind All­tag. Über einen schwu­len in der Mann­schaft, wür­den „100 Sprü­che fal­len“, glaubt er.

13 Jahre kein Schwu­ler

Er will sich bei sei­nen Mit­spie­lern um­hö­ren, weil ihn die Sache in­ter­es­siert. Nach dem nächs­ten Trai­ning er­zählt er mir, dass auch der Dienst­äl­tes­te Spie­ler der Mann­schaft, Sven Rös­ler, in 13 Jah­ren Her­ren­fuß­ball noch nichts von einem schwu­len Fuß­bal­ler ge­hört hat. Geoutete Fußballer, wo seid ihr?

Fran Juan Sa­hu­quil­lo (25) ist Mit­tel­feld­spie­ler beim Pa­ter­na F.C. aus dem Wes­ten von Va­len­cia. Das Wap­pen des Ver­eins aus der Ter­ce­ra Di­vi­si­on er­in­nert an den gro­ßen Bru­der Va­len­cia F.C. Aus die­ser Spiel­klas­se schaf­fen es re­gel­mä­ßig Spie­ler in hö­he­ren Ligen einen Ver­trag zu be­kom­men. Auf Frans Twit­ter-Ka­nal ist Fran im Straf­raum zu sehen, wie er ge­ra­de einen Tor­wart hin­ter sich lässt. Er sagt, dass Schwul­sein im Fuß­ball kein Taboo sein soll­te, aber er wun­dert sich, dass er kei­nen schwu­len Fuß­bal­ler kennt.

Über­all höre ich das­sel­be. Rob­bie Ro­gers hat wahr­schein­lich vor sei­nem Co­m­ing-Out die Ängs­te ge­habt, wie die Ama­teu­re, die noch nicht raus­ge­kom­men sind. Da un­ter­schei­det sich Pro­fi­sport nicht von den Frei­zeit-Ki­ckern.

Am Ende stoße ich auf den Beweis, dass es auch geoutete Schwule im Amateurbereich gibt. Es ist die Geschichte des jun­gen Fuß­bal­lers Tony Quindt von der S.I.G. El­men­horst, der sich vor sei­ner Mann­schaft nach fünf Jah­ren ge­ou­tet hat. Er hatte auf einer Mann­schafts­fei­er spontan ent­schie­den, sei­nen Freund vor­zu­stel­len. Tony hat nach ei­ge­ner Aus­sa­ge gute Er­fah­run­gen ge­macht. Seine Mann­schaft hätte ihn wei­ter­hin fair be­han­delt und zeige sich so­li­da­risch, sagt Tony. Das versichern auch zwei Mannschaftskollegen ein biss­chen ver­schämt in die Ka­me­ra.

Rings um den Platz scheint auch ei­ni­ges durch Herrn Hitzlsper­ger in Be­we­gung ge­ra­ten zu sein. Viel­leicht braucht es ein­fach Vor­bil­der. Neu­lich ist ein Jour­na­list mit einem Hitzls­ber­ger-Tri­kot bei einem Schal­ke-Heim­spiel ins Sta­di­on ge­gan­gen. Viele haben ihm im Sta­di­on auf die Schul­ter ge­klopft. „Find‘ ich super“ und „Re­spekt“, hät­ten sie ge­sagt. Der Jour­na­list konn­te von der Tri­bü­ne aus kaum Schwu­len­feind­lich­keit ver­spü­ren.

Dort wo ich nachgefragt habe, konnte mir kei­ner von einem schwu­len Fuß­bal­ler er­zäh­len. Es gibt aber Hoff­nung, dass im Ama­teur­be­reich of­fe­n mit Ho­mo­se­xua­li­tät um­ge­gan­gen wer­den kann. Gui­sep­pe aus Ve­ne­dig er­zählt mir vom ers­ten Gebot sei­ner Mann­schaft: „Wir ver­tei­di­gen uns alle ge­gen­sei­tig“.