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Russland: Der Anwalt in der Hobbithöhle

Artikel veröffentlicht am 2. März 2017
Artikel veröffentlicht am 2. März 2017

Auf den ersten Blick sieht Juris Leben ganz normal aus. Seit fünf Jahren lebt der ehemalige Anwalt rund 100 Kilometer von Moskau entfernt. Er hat ein Profil bei Couchsurfing und lässt ab und an Touristen aus aller Welt bei sich übernachten. Allerdings ist sein Haus etwas anders - es liegt einige Meter unter der Erde. 

Wecker. U-Bahn. Arbeit. Computer. Telefonate. U-Bahn. Abendessen. Bett. In dieser Routine sind weltweit Millionen von Menschen gefangen. Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? Für Juri Aleksejew steht fest: Keines von beiden. Er lebt um zu leben.

Früher wohnte er in Moskau, arbeitete in einer Anwaltskanzlei und zahlte seine Rechnungen wie jeder andere. Doch eines Tages hatte er genug und beschloss dieses eintönige Leben hinter sich zu lassen. „Als ich in der Stadt lebte, musste ich arbeiten, um die Miete zu zahlen. Jetzt habe ich mein eigenes Haus und keine Hypothek sitzt mir im Nacken. Ich bin frei. Ich muss nicht arbeiten. Mir gefiel weder mein Leben noch meine Arbeit. Ich war nicht glücklich.” Also beschloss er, in einen Wald rund 100 Kilometer von Moskau umzuziehen, der direkt neben einer Autobahn liegt.

Anfangs stand für Juri lediglich fest, dass er sein eigenes Heim bauen wollte. Allerdings war ihm noch nicht klar, welche Behausung die passende wäre. Warum nicht eine Hobbithöhle? „Ein halbes Jahr lang lebte ich in einem Tipi, wie die Indianer. Als es kalt wurde, beschloss ich, eine Strohhütte zu bauen, was in Russland nicht sehr verbreitet ist. Leider ist die Hütte eines Tages abgebrannt. In dem Moment wusste ich nicht mehr weiter und dachte sogar daran, das Land zu verlassen. Einige Zeit später kam ich an die Stelle zurück und spielte verschiedene Möglichkeiten durch: ein Haus in einem Baum, eine Hütte im Fluss. Schließlich entschied ich mich für eine Höhle unter Tage. Dafür braucht man wenig Baumaterial und die Dämmung ist gut, selbst wenn draußen minus 20 Grad herrschen.“

Im Haus gibt es nur einen Raum. In einer Ecke direkt neben dem Fenster steht Juris Bett, auf dem immer haufenweise Bücher liegen. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine kleine, sehr einfache Küchenzeile. Die Mitte des Raumes zieren ein Teppich und ein Tisch, an dem Juri Tee mit seinen Gästen trinkt. Neben der Türe erhebt sich ein riesiges, vollgestopftes Bücherregal. Draußen, nur wenige Meter von der Höhle entfernt, gibt es eine Sauna und eine Toilette. „Leider ist die Sauna an der Oberfläche, und da ich direkt neben einer Autobahn wohne, haben mich die Vorbeifahrenden gut im Blick. Außerdem ist es im Winter saukalt.“ Er lacht.

Juri Aleksejew ist als der ‚russische Hobbit‘ bekannt. Logisch ihn zu fragen, ob ihn die Bücher von J. R. R. Tolkien inspiriert haben. Obwohl sein Haus an die Hobbithöhle von Frodo Beutlin erinnert, besteht Juri darauf, dass jede Ähnlichkeit mit Mittelerde eine Kombination aus guter Marketingstrategie und purem Zufall sei. „Stimmt schon, dass die Tür wie in den Filmen aussieht, aber ich wollte nie eine Hobbithöhle nachbauen.

Tatsächlich ist es einfach leichter eine runde Tür zu bauen. Die Leute haben angefangen, mich den ‚russischen Hobbit‘ zu nennen, weil sich das einfach besser verkauft. Die Herr der Ringe-Triologie ist ein weltweites Phänomen. Darum glaube ich, dass es clever ist, diesen Namen im Zusammenhang mit mir zu verwenden - da fahren die Leute drauf ab. Eingefallen ist das einem Fernsehsender, der vorbei kam, um mich zu interviewen.“

Juri ist bereits ein Social Media Star. Fernsehsender aus der ganzen Welt interessierten sich für das Leben des russischen Freigeistes. Seine Geschichte macht nicht nur Presse und Internetnutzer neugierig, sondern auch viele Touristen. Außerdem beherbergt er jedes Jahr Couchsurfer aus aller Welt, erzählt Juri. Tatsächlich berichtet er ganz stolz von seiner Flaggensammlung, die durch seine Gäste immer größer wurde.

Mit den Worten „please, feel welcome“ empfängt Juri jeden, der für kurze Zeit sein Leben mit ihm teilen möchte und mit ihm Kaffee trinkt, ein Buch liest oder einfach nur plaudert. Er hält sich für einen sehr offenen Menschen und will nicht, dass man ihn mit einem Eremiten verwechselt. „Die meisten glauben, ich sei ein Eremit, der aus religiösen Gründen so abgeschieden wohnt. Aber die Wahrheit sieht ganz anders aus. Ich ziehe mich nicht aus dem sozialen Leben zurück. Dass ich beschlossen habe, unter der Erde zu leben, hat nichts mit Religion zu tun. Außerdem habe ich viele Freunde. Und obwohl ich das den Leuten erkläre, glauben sie mir manchmal nicht. Dann gebe ich ihnen lieber den Grund und alle sind glücklich.“

Ein Tag mit dem russischen Hobbit

„Ich stehe auf, mache Wasser heiß für den Tee, lese die Nachrichten (ich bin Weltenbürger und interessiere mich sehr für aktuelle Ereignisse), ich sammle Feuerholz, koche Mittag- und Abendessen, und den Rest der Zeit verbringe ich mich mit meinen drei aktuellen Projekten. Ich vertiefe mein Wissen über die politische Figur Alexei Nawalny, befreie Bücher bei Bookcrossing und beschäftige mich mit dem Werk des Arztes und Schriftstellers Anton Tschechow.“ So beschreibt Juri seinen Tagesablauf, wenn man ihn fragt, was er den lieben langen Tag macht. Seit Jahren verlässt er den Wald schon nicht mehr. Da könnte man denken, dass ihm manchmal langweilig ist. „Langeweile? Was ist das? Ich würde mich gern mal wieder langweilen, aber ich bin ja ständig beschäftigt.“ Einsamkeit? Auch Fehlanzeige. Er lebt mit Petrushka zusammen - einer treuen Kaninchendame. Außerdem kommen jede Woche Freunde vorbei, die ihm Bücher und Essen bringen. Juri kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal in einem Supermarkt war.

Der ehemalige Anwalt hat zwei Leidenschaften: Bücher und Politik. Er ist ein großer Befürworter von Alexei Nawalny, dem russischen Oppositionsführer. (Anm. d. Red.: Dieser wurde am 7. Februar wegen Veruntreuung zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe von 500 000 Rubel verurteilt. Dadurch kann er nicht für die Wahlen 2018 kandidieren. Nawalny war bereits 2013 wegen Veruntreuung für schuldig befunden worden, doch der Fall wurde nach einer Serie von Protesten neu aufgerollt. Zudem hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Prozess für unfair und willkürlich befunden.) Juri verbringt sehr viel Zeit damit, andere davon zu überzeugen, dass Putin keine Chance hätte, wenn Nawalny an den Wahlen teilnehmen dürfte.

Juri hat mehr als 4500 Bücher auf der Bookcrossing-Plattform registriert. „Die Geschichte des Buches beginnt mit Gutenberg und endet mit diesem Tauschprojekt für Bücher. Das ist fantastisch. Jedes Mal wenn jemand mich besuchen kommt, schenke ich ihr oder ihm eines meiner Bücher. Natürlich bekomme ich auch gern welche. Das System hinter Bookcrossing ist gut durchdacht. Es ist wie eine riesige, internationale Bibliothek und jeder kann sagen, was er über das Buch denkt.“ Gerade schmökert Juri in den Theaterstücken von Tschechow.

Wenn man etwas Zeit mit Juri verbringt, fragt man sich, ob seine Entscheidung, alles hinter sich zu lassen und mit einem Kaninchen unter der Erde zu wohnen endgültig ist oder ob er in Zukunft wieder ein ‚konventionelleres‘ Leben führen will. Für den russischen Hobbit ist die Sache klar: „Mir gefällt mein Leben. Ich bin frei. Außerdem glaube ich, dass Russland nicht für mich gemacht ist. Sollte ich eines Tages umziehen, werde ich vermutlich das Land verlassen. Ich werde aber niemals wieder leben, um zu arbeiten.“

Unser Skype-Gespräch ist fast zu Ende, als Juri auf der anderen Seite des Bildschirms noch einen letzten Tipp mit auf den Weg gibt: „Egal, was du tust, bitte sieh zu, dass du immer glücklich bist.“