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Route 28: Alle Wege führen nach Wien 

Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2017

„Unser Ziel ist ein Gefühl” - sagt das Team von Route 28. Die Initiative ließ an einem Tag im Mai über 800 Besucher durch ganz Europa reisen - allerdings mitten in Wien. Initiatorin Katharina Moser erzählt, wie die europäische Entdeckungsreise in der eigenen Stadt funktioniert. 

cafébabel: Katharina, wer oder was ist Route 28?

Katharina MoserRoute 28 kam aus der Überlegung von Route 66. In Amerika kennt die jeder - wir wollten auch in Europa so etwas machen, wo man entlang reisen kann, um Europa zu erleben. Viele Leute merken aber gar nicht, was mit dem Namen eigentlich gemeint ist. Und das ist auch gut so. Wir haben uns gedacht, wir wollen eine Veranstaltung machen, die einen catchy Namen hat, etwas das man auch als Marke nutzen kann. Und was keine direkte Assoziation zu Europa hat. Wir versuchen, den Menschen Europa näher zu bringen, ohne ihnen das gleich ins Gesicht zu klatschen. 28 ist natürlich die Referenz zu den 28 Mitgliedstaaten und dann kam zwei Monate später der Brexit…

cafébabel: Müsst ihr euren Namen jetzt in Route 27 ändern?

Katharina Moser: Wir dachten uns nur „Nein, was machen wir nur jetzt mit dem Namen?!” Wir bleiben aber dabei. Wir haben unsere Veranstaltung jetzt zum zweiten Mal gemacht und die Leute kennen unseren Namen. Auch weil wir uns nicht als EU-Projekt verstehen, sondern als europäisches Projekt. Es war auch dieses Jahr nicht nur EU-Staaten dabei. 28 war nicht der Anspruch, uns wäre es sogar lieber, 30 oder 40 Stationen zu haben und wirklich ganz Europa darzustellen. Aber wir schauen uns mal an, ob wir bei dem Namen bleiben. Bis 2019 haben wir ja noch Zeit.

cafébabel: Woher kam die Motivation Europa nach Wien zu holen?

Katharina Moser: Viel von meinem positiven Europagefühl ist aus Reisen entstanden. Meinem Mitgründer Stefan Apfl und mir fiel auf, dass es wichtig wäre, diese Reisen eben zu den Menschen zu bringen. Besonders zu denen, die es sich nicht leisten können, ständig in den Urlaub zu fahren. Aber Europäischsein ist etwas, dass uns alle angeht.

cafébabel: Ein europäisches Lebensgefühl ist zentral in eurem Projekt. Wie kann man das fassen?

Katharina Moser: Gefühl hat viel mit Individuen zu tun. In der Konzeption mit Stefan stellten wir uns die Frage: Warum fühlen wir uns europäisch? Warum ist das etwas Positives? Ich war ein Jahr in Spanien und habe dort mit Leuten aus sieben Ländern in einer Wohnung gelebt. Und all die Unterschiede zwischen uns habe ich als sehr positiv wahrgenommen. Wir haben auch beide Interrail gemacht  und gemerkt, dass wir als Individuen durch diese Erfahrung bereichert wurden. Wir sind alle Menschen mit individuellen Gefühlen, und genau da muss man ansetzen. Man muss Menschen dieses Gefühl übermitteln, das kann man keiner Nation vermitteln.

cafébabelFree Interrail wäre demnach ein guter Weg, dieses Gefühl zu vermitteln.

Katharina Moser: Ja, ich bin auch Free Interrail Ambassador und mit den Initiatoren Herr und Speer gut befreundet. Die Idee wurde vor zwei Jahren geboren. Das schöne an der Geschichte ist, diese zwei Jungs aus Berlin hatten eine simple Idee: Junge Europäer müssen Europa erleben, um sich europäisch zu fühlen. Und genau diese Idee verfolge auch ich mit Route 28. Ein schönes Beispiel, dass Einzelne etwas bewegen können. Das muss man stärken, verbreiten. Wir müssen uns gegenseitig stützen.

Das Gefühl entsteht aus verschiedenen Lebensrealitäten, Insider-Schmähs, bekannte Persönlichkeiten, Gerüche - diese Kleinigkeiten, die Lebensgefühl ausmachen. Die kennen wir von Reisen, das sind die Dinge, die uns auffallen. Die, die anders sind als bei uns. Ich habe auch ein Buch mit jungen Europäern geschrieben, während diese in Österreich waren. Und dann sind Sachen gekommen, wie: sie finden es absurd, wie wir in Österreich am Sonntag einfach diese Zeitungssäcke herumhängen haben, weil in Italien würde das sofort gestohlen. Oder, dass wir uns zu Mittag Mahlzeit wünschen, als ob wir uns daran erinnern müssten, dass jetzt Zeit zu essen ist. Sie haben Sachen wahrgenommen, die uns nicht mehr auffallen. Und diese stehen nicht gegeneinander.

cafébabelSeit wann ist Route 28 genau unterwegs?

Katharina Moser: 2016 haben wir das Konzept zum ersten Mal getestet. Mit 5 Ländern und 200 Leuten, und was bei den Stationen entstanden ist, ging dann auch fast zufällig. Der erste Impuls ist natürlich: Man muss mit Menschen arbeiten, die aus dem Land sind. Und bei Polen sind wir über eine polnische Pierogi-Köchin gestolpert, also war klar - in Polen wird gekocht. Aus Spanien kannte ich Clara Blume, eine Sängerin, und die hat in ihrer Station Lieder aus ihrem neuen Album gespielt. Es war ein großer Spaß.

2017 dachten wir uns nun: Ok, und jetzt machen wir es groß. Es waren rund 800 Menschen da, wir hatten 15 Stationen. Wir haben natürlich auch mit uns gehadert, wie weit wir Stereotype in unser Program hineinlassen. Aber Traditionen, die gelebt werden, haben immer Platz und nehmen Menschen immer mit. Wir spielen mit Klischees, aber wir verwenden sie auch als Brücke, um neugierig zu machen und  es uns dann genauer anzuschauen.

cafébabelWohin führt uns die Route 28 in Zukunft?

Katharina Moser: Ich bin schon drinnen im Weiterdenken. Und es geht gar nicht darum, ob Motivation da ist, denn das ist sie, sondern um die Machbarkeit. Neben der Bereitschaft geht es um die Frage, ob wir Partner finden, mit denen wir das stemmen können. Ich habe auch die Idee, Route 28 nicht nur in Wien zu veranstalten, sondern in Europa zu touren. Europa nach Europa bringen!

cafébabel2019 in Großbritannien zum Beispiel?

Genau, warum nicht? Es gibt genug Menschen, die sich dort mit Europa identifizieren und die anderen sollen ja auch Europa kennen lernen - es wird ja nicht weniger wichtig, selbst wenn sie nicht mehr in der EU sind.

cafébabelEuropa hat ja aktuell einen ganz schönen Knacks. Wie können Initiativen wie eure da helfen?

Projekte müssen immer langfristig Wirkung zeigen. Unser Ziel ist das Gefühl - und das entsteht nur über einen längeren Zeitraum hinweg. Wir streben eine Selbstverständlichkeit an, Europäisch-Sein zu feiern. Europa ist gerade in einem Zustand, in dem es wachgerüttelt wird. Und das wollen wir unterstützen. So wie es Life Ball gibt, der Wien als weltoffene Stadt präsentiert, soll Route 28 Wien als europäisches Stadt definieren. Das wäre sehr schön. Es gibt ja im Moment sehr viele dieser leidenschaftlich europäischen Projekte, während die Politik eher vorsichtig mit dem Thema EU umgeht und oft meint, das „europäische Narrativ” ist verloren gegangen. Ich finde es sehr wichtig, dass man sich traut, kreativer und unkonventioneller zu sein. Ich glaube gar nicht, das die Vision verloren gegangen ist. Es gibt ganz viele Narrative, viele begeistere Menschen in Europa. Man muss sich nur trauen!

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Offizielle Webseite von Route 28