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Rhys Hughes: 'Die Waliser sind zu stolz'

Artikel veröffentlicht am 9. April 2008
Artikel veröffentlicht am 9. April 2008
Schon seit geraumer Zeit hat der walisische Schriftsteller das Reale hinter sich gelassen, um sich dem Absurden und Verspielten zuzuwenden. Calvino ist sein Mythos, Queneau sein Meister.

Es ist zwei Uhr nachmittags. An diesem wolkigen Wintertag bin ich am Madroño auf der Puerta del Sol in Madrid mit dem 41-jährigen Schriftsteller Rhys Hughes verabredet, der aus der kleinen walisischen Stadt Porthcawl stammt. Auf den ersten Blick wirkt er schüchtern und etwas distanziert. Nach einem heißen Tee in einem der irischen Pubs im Zentrum reden wir über Literatur, Vergangenheit und Zukunft. Dabei schlendern wir durch die Straßen der spanischen Hauptstadt, gesehen aus dem Blickwinkel des reisenden Literaten.

Das Absurde entdecken

"Ich hatte nie Lust, berühmte Schriftsteller zu lesen, sondern immer nur solche, die mich zu überraschen wussten", beginnt Hughes. So wurde er auf die großen Sciencefiction- und Fantasy-Autoren wie Clark Ashton Smith und J.R.R. Tolkien aufmerksam, beide Mitglieder der Inklings (literarischer Diskussionskreis, der in den dreißiger Jahren in Oxford entstand, A.d.R.). Er beginnt, Gary K. Wolf und Harry Harrison zu lesen und nähert sich dem Eskapismus, der es als extreme Form der Zerstreuung ermöglicht, "aus der realen in eine wesentlich einfachere Welt zu fliehen". Unter dem Einfluss der Soft-Sciencefiction und der "Absurden Literatur", die zu dieser Zeit in Großbritannien fast inexistent ist, debütiert er mit nur 14 Jahren als Autor. In diesem Zusammenhang lernt er auch Italo Calvino kennen, von dessen Persönlichkeit er noch heute gezeichnet ist. Der italienische Schriftsteller war auch derjenige, der Hughes auf seiner Flucht vor dem Realismus am stärksten beeinflusst hat.

Logische und mathematische Literatur

"Wenn ich schreibe, habe ich drei Ziele", erklärt Hughes: "Mein Vorbild nicht nachzuahmen, beim Schreiben so brillant wie möglich zu sein und meinen eigenen Stil zu finden." Ich frage ihn, wie er sich so weit von Calvino entfernen konnte: "Ich habe mich bewusst distanziert und versucht, einen eigenen Stil zu entwickeln." Seine wissenschaftliche Vorbildung und die Entdeckung des in den Sechzigern gegründeten Autorenkreises Oulipo (das aus dem Französischen kommende Akronym bedeutet "Werkstatt für Potenzielle Literatur", A.d.R.) führten ihn zum Konzept der Logik. So beginnt er sein literarisches Sprachspiel und entdeckt, wie er seine Textmuster mit geometrischen Figuren manipulieren kann, indem er mithilfe von Leipogrammen den Sinn verzerrt. "Logik und Mathematik machen die Literatur keineswegs schematischer. Es wäre doch viel zu simpel, einfach auf ein weißes Blatt zu schreiben. Es ist besser, sich Grenzen zu setzen", sagt er und bezieht sich damit erneut auf das oulipotische Literaturkonzept.

Die Realität zu beschreiben, fiel im mit der Zeit immer schwerer. Seine letzte realistische Novelle entstand vor zwei Jahren. Er verspricht jedoch, es in der Zukunft erneut zu versuchen, indem er eine wahre Geschichte in einen individuellen Rahmen einpasst. "Der Mix aus Erfahrungen aus meinem derzeitigen Leben wird mir helfen, den Rahmen zu füllen."

Oh Sprache, ich schreibe dich, aber ich kenne dich nicht

Hughes hat unzählige Ideen. Ich frage ihn nach Zukunftsplänen. "Ich werde versuchen, viel zu reisen, ich will neue Leute, neue Kulturen kennenlernen und dabei innerlich wachsen", antwortet er fast schüchtern. Vier Monate auf einem Bauernhof bei Granada zu leben, wo es keine Elektrizität gibt und Einfachheit in ihrer absoluten Form herrscht, lassen Lust zum Schreiben aufkommen. Und Schreiben ist wichtig, um nicht zu vergessen. Das macht seine Geschichten anders, er passt sie an sich selbst an.

Im vergangenen Jahr hat er das Buch A Sereia de Curitiba in portugiesischer Sprache geschrieben. "Es ist wie eine Liebeserklärung - an Portugal und alle Portugiesen.“

Und es ist nicht das erste Werk, das er in einer Fremdsprache verfasst. Er hat auch auf Griechisch und Spanisch geschrieben, ohne diese Sprachen zu sprechen. Für ihn ist dies seine Art, sich abzugrenzen und individuell zu sein. Dank dem Buch wurde er beim portugiesischen Publikum bekannt und erweiterte seinen europäischen Horizont. Im Jahr 2006 gewann er den Lieraturwettbewerb Open Slam Poetry Competition in Swansea. Auf meine Frage nach dem "Ruhm" antwortet er: "Schon, aber das ist auch, als würde man sich anmaßen, etwas Besonderes zu sein". Sein großes Projekt: eintausend Novellen mit zusammenhängenden Geschichten zu schreiben. Und sein großes Dilemma: zwischen dem Schreiben und dem Reisen zu wählen. Hierbei gibt es zwei Probleme, meint er: zum einen die Trägheit und zum anderen das Geld, denn ohne Geld zu leben sei ein bisschen wie ohne "e" zu schreiben, wie es Perec in seinem Werk La Disparition (ein dreihundert Seiten langes Leipogramm, A.d.R.) tat.

Europa der Verschiedenheiten

Wie lebt es sich in Europa für einen reisenden Literaten? Die kulturelle Identität eines jeden Landes ist wichtig und seine walisische Herkunft verstärkt das Gefühl des "Andersseins". Wales ist ein Land, das sich nur langsam entwickelt. In der Vergangenheit ähnelte es stark Irland, das Hughes über alles liebt, aber heute "wächst Irland wesentlich schneller", wie er selbst anmerkt. "Der Drang zu kritisieren ist groß, aber die Waliser sind zu stolz", sagt er und vergleicht seine Landsleute dabei mit den Portugiesen.

Rhys Hughes: ein walisischer Schriftsteller in Lissabon

In den vergangenen Monaten hat er in Portugal und Spanien gelebt und nicht wenige Gemeinsamkeiten mit seiner Heimat entdeckt: Er sieht sie ein wenig wie Vororte, kulturell etwas abseits, verschlossen, fast vergessen. Andererseits fällt Hughes jedoch auf, dass die Jugendlichen auf der Iberischen Halbinsel untereinander verbundener sind als ihre britischen Altersgenossen und die Gruppen gemischter. "Die geistige Öffnung ist stärker", meint er, vielleicht ganz im Gegenteil zu dem, was allgemein vermutet wird.

Kostprobe aus den Werken von Hughes

Bisher schrieb Rhys Hughes Romane, davon einige in englischer und andere in spanischer und portugiesischer Sprache. Außerdem arbeitete er an diversen Gemeinschaftswerken mit. Zu den berühmtesten gehören The Crystal Cosmos (2007), The Percolated Stars und Evelydiad (1996).

Hier einige Auszüge:

Peace

on two separate Earths is at stake,

the economies of nations

and the sanity of humanity itself! (The Crystal Cosmos)

No que diz respeito a sereias, o céu

e um país particularmente pequeno na Europa ocidental

são uma mesma coisa.

Mas ninguém mais considera o País de Gales um paraíso…(Sereia, Seite 29)

Eis a razão porque o País de Gales,

Esse país particularmente pequeno na Europa ocidental,

é considerados pelas sereias como o equivalente ao céu. (Sereia, Seite 44)

Mehr erfahren Sie im persönlichen Blog des Autors oder auf seiner MySpace-Seite.

(Homepage-Foto: Rosa/flickr)