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RAW-Tempel: Die unzähmbaren Kinder vom Bahnhof Kreuzberg

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2012

In den späten 1970er Jahren war Kreuzberg noch ein armes Viertel Berlins, heute zählt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zu den wichtigsten kulturellen Zentren der Hauptstadt. Gleichzeitig ist er auch eine Hochburg des politischen und gesellschaftlichen Aktivismus, denn die Gegend leidet immer noch an einer hohen Arbeitslosenquote und es drohen zunehmend neue Hochhaussiedlungen an der Spree.

„Ich habe das alles miterlebt. Die jahrelangen Verhandlungen, die Niederlagen und Erfolgsgeschichten. Das gehört dazu, das ist unser Leben“, sagt Kristine Schütt, ein Päckchen Tabak in der Hand, während sie in einem kleinen Büro sitzt. Dürfen wir hier rauchen? „Mach ruhig“, antwortet die Künstlerin, die auch als Mikado bekannt ist. Sie hält ihre fertig gedrehte Zigarette minutenlang in der Hand, während sie über die Geschichte nachdenkt, die sie schon so oft erzählt hat: Berlins Widerstand, die Gentrifizierung, den Anti-Kapitalismus, verschiedene Standpunkte in Bezug auf Toleranz, Veränderung und politischen Aktivismus, der Kampf jedes einzelnen um seinen kleinen Platz im Himmel.

Kristine kam 1998 zum RAW-Tempel („Reichsbahnausbesserungswerk Franz Stenzer“), einem staatlichen Bahnwartungswerk, das zum Kulturzentrum umfunktioniert wurde. Seit seiner Gründung vor 13 Jahren ist der RAW-Tempel, gelegen in Friedrichshain, einer der alternativen Hotspots der Stadt. Zurzeit beherbergt er 64 verschiedene Projekte, die Musik, Kunst, einen Flohmarkt, soziale und politische Aktivitäten, Konzerte, Off-Theater und Untergrundclubs bieten. „Das war nie einfach“, fügt sie hinzu, bevor sie schließlich ihre Zigarette anzündet.

Von der Eisenbahn auf die eigene Bahn 

Kreuzberg, umgangssprachlich X-Berg genannt, grenzt im Osten an die Spree und liegt südlich von Berlin-Mitte. Bis ins 19. Jahrhundert befand sich hier das ländliche Herzstück der Berliner Industrie. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Bezirk zu ca. 80 Prozent zerstört. Die heruntergekommene Gegend wurde daraufhin unattraktiv für Investoren, ihr günstiger Wohnraum löste jedoch einen Boom aus. In der folgenden riesigen Einwanderungswelle der späten 1960er Jahre zogen Studenten, Künstler und ärmere Bürger nach Kreuzberg und besetzten alte und verlassene Gebäude.

Der Stadtteil, früher von drei Seiten eingeschlossen von der Berliner Mauer, wurde berühmt für seinen alternativen Lebensstil. Die Probleme begannen nach dem Fall der Mauer. Kreuzberg befand sich plötzlich mitten in der Stadt. Die Mieten stiegen dementsprechend und einige Gegenden entwickelten sich zu begehrten Wohnlagen für Besserverdienende. „Die Regierung war nicht daran interessiert, die Stadt nachhaltig zu entwickeln und die alternative Szene zu unterstützen, sondern nur daran, Geld in die Stadt zu locken“, sagt Kristine, „darum sind viele Projekte gezwungen, einen gewissen Widerstand zu leisten.“ Verschiedene Initiativen, soziale und politische Proteste fanden an der Spree statt, wo die Dichte von Kaufimmobilien hoch ist und die Mietpreise für Wohnungen steigen. 

GraffitiAls die Bahngleise 1994 stillgelegt wurden, dauerte es vier Jahre, bis junge Leute kamen und die verlassenen Gleise kurzerhand zu einem Kulturzentrum machten. „Es gab keinen Strom, kein Wasser, gar nichts. Nur der leer stehende Raum stand uns zur Verfügung“, sagt Kristine. Als es 1999 dann richtig los ging, gaben ihnen die ehemaligen Besitzer des Bahnwerks endlich einen temporären Vertrag für die vier historischen Gebäude auf einer Fläche von 8.800 Quadratmetern. Die Zeit verging und mit ihr änderten sich auch die Besitzverhältnisse (2007 verkaufte die Deutsche Bahn an eine Privatfirma). Seitdem kämpfen die Pächter für einen langfristige Mietvertrag. Über die Jahre hat Kristine mit Kindern in Musikprojekten gearbeitet und ihre Zeit dem Kampf für die Rechte der RAW-Community gewidmet – die sie mittlerweile als ihre Familie betrachtet. 

„Die Interessen der Investoren werden den Bedürfnissen der Bürger nach freien Flächen und kulturellen Potenzialen übergeordnet“, fährt sie fort, „verschiedene Initiative kämpfen um ihr Recht, hierzubleiben und ihre Mieten auf einem akzeptablen Niveau zu halten.“

Politisch-kulturelle Zone

Weder die Deutsche Bahn noch der Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Die Grünen) waren für einen Kommentar für diesen Artikel zu sprechen. Aber Susanne Hellmut, eine Sprecherin der Berliner Grünen, erklärt die politische Unterstützung für eine Weiterführung nichtkommerzieller Projekte im Rahmen des RAW wie folgt: „Es ist ein wichtiger sozio-kultureller Treffpunkt. Die Stadtentwicklung findet hier von unten statt und befindet sich in einem dauerhaften Dialog.“ Hellmut bestätigt den Wunsch der Partei, das RAW zu „erhalten als niedrigschwelligen Treffpunkt“ für Nachbarn, Künstler und Sportler – als einen Ort, an dem Austausch, Kultur und gute Partys stattfinden. „Wir müssen alles nach Vorschrift machen, wenn wir hier wirklich Eigentümer werden, die Finanzierung erhalten und uns endlich auf unsere Projekte konzentrieren wollen“, sagt Kristine. „Wir müssen hier bleiben, wir sind ein unabhängiges und selbstorganisiertes Kulturzentrum. Es ist wichtig, dass das noch etwas bedeutet in dieser grausamen politischen Welt“, fügt der Fotograf Stefan Seifarth hinzu, der 2010 zum RAW-Tempel stieß.

Laut der Zeitung Die Welt verfügt die Hauptstadt nur noch über wenige eigene Immobilien, das Portfolio habe einen Gesamtwert von geschätzten 693 Millionen Euro. Eine der letzten Juwelen an der Spree, in der Nähe des Ostbahnhofs, ist das Bündnis MEGASPREE. Seit seiner Formierung im Jahr 2009 setzt sich die Initiative für mehr Bürgerentscheide über bestimmte Bedingungen bei der urbanen Gestaltung des Spreeufers ein. Das Ziel ist es, längerfristige Initiativen und Kulturinstitutionen zu vernetzen, um gemeinsam einen alternativen Lebensstil zu formieren. „Obwohl eine Mehrheit der Bürger von Friedrichshain-Kreuzberg dafür ist, stellte es sich als schwierig heraus, diese Bedingungen gesetzlich zu verankern – zum Teil, weil der Bezirk sich an die Politik des Stadtsenats halten muss“, sagt Kristine.

Trotz allem ist die kulturelle Szene im Kiez lebendig. „Wenn du hier lebst, hast du dich dafür entschieden, aktiv zu sein“, meint Vanessa Drouet, 30, die vor zwei Jahren aus Frankreich nach Berlin zog, „Politik bedeutet Macht, aber auch Leidenschaft – genau wie die Leidenschaft, die wir für den Kampf für unsere Rechte aufbringen. Es ist gut, wenn man politisch denkt. Man muss sich nur zu helfen wissen.“ Das Gefühl der künstlerischen Freiheit und die Möglichkeit, etwas Respektables zu tun, hält alles zusammen. „Viele Menschen haben immer noch Angst und können die Alternativen nicht sehen oder geschickt organisieren. Entweder, weil sie nicht das nötige Wissen haben, ihnen die Mittel fehlen oder sie ideologisch zu weit auseinanderliegen“, sagt Kristine zum Abschluss. Es ist nicht möglich, den Kampf für Kultur und Freiräume vom Kampf gegen den Kapitalismus zu trennen. Dennoch ist diese Geschichte des gesellschaftlichen Kampfes nicht nur typisch für Berlin, sondern auch symptomatisch für eine viel weitreichendere Entwicklung zum Schutz der Gesellschaft – wie beispielsweise die globale Occupy-Bewegung.

Dieser Artikel ist der sechste Teil von Cafebabel.com's Flaggschiff-Projekt des Jahres 2012, der Fortsetzung zu "Orient Expess Reporter II", bei dem Journalisten vom Balkan EU-Städte besuchen und umgekehrt, um gegenseitige Verständnis zu fördern. Vielen Dank den Leuten von cafebabel Berlin.