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Ramadan in Europa: Harirasuppe mit Mandeltörtchen

Artikel veröffentlicht am 20. August 2010
Artikel veröffentlicht am 20. August 2010
Wir sind hungrig und haben es eilig. Die Abendsonne brennt immer noch so heiß vom Himmel herab, dass der Teer zwischen den Kopfsteinen langsam schmilzt. Ich bin in Bologna und mein Bekannter Badr nimmt mich zum Iftar mit, dem Fest des täglichen Fastenbrechens im Monat Ramadan.

Der Geruch von Gebratenem schlägt uns entgegen, noch bevor wir das Restaurant überhaupt sehen können. Das Cafe Azemmour, eine kleine speckige Bude in Bologna, serviert marokkanischen Auswanderern Kefta (gewürzte Fleischbällchen; A.d.R.) und Minztee, und Studenten, die mitten in der Nacht nach Hause kommen, einen würzigen Kebab. Hassan sitzt auf einem Stuhl vor dem Café. Er sieht heute noch verbitterter aus als gewöhnlich. Seit fünfzehn Stunden hat er weder Essen noch Wasser noch seine geliebten Zigaretten angerührt. Er starrt in die untergehende Sonne. Das Fasten kann nach den Berechnungen des Imams in Bologna heute um genau 19.43h gebrochen werden, vier Minuten früher als gestern.

Der Magen knurrt und die Minuten schleichen vor sich hin

Datteln...Badr hält mir die Tür auf. Im Café steigt mir eine interessante Melange unterschiedlichster Gerüche in die Nase. Ein schwerer Duft entweicht aus einem abgedeckten schwarzen Topf auf dem Ofen. Auf dem Grill dreht sich würziges Fleisch und unter der Glastheke lacht uns köstliches Gebäck entgegen. Einige Männer lümmeln sich auf den Barhockern und warten. Khalid, der Wirt, kommt hinter der Theke hervor und begrüßt uns mit einem festen Händedruck. Ich werde auf einen Stuhl komplementiert und alle versinken wieder in Schweigen, während wir darauf warten, dass die letzten fünf Minuten verstreichen. Gespannte Stille macht sich breit, als wir alle mit den Augen den Zickzackflug einer schwarzen Fliege verfolgen. Das Magengrummeln der Männer ist deutlich zu hören.

Hassan kommt von der Straße herein. Er behauptet steif und fest, auf seiner Uhr sei es 19.43 Uhr. Badr läuft sofort zum Kühlschrank, holt einen Arm voll gekühlter Wasserflaschen heraus und verteilt sie an die Hände, die sich ihm gierig entgegen strecken. Alle trinken erleichtert. Dann werden feierlich die Platten mit den Gerichten herumgereicht. Als Vorspeise: Datteln. Obwohl ich sonst kein großer Freund von Datteln bin, genieße ich plötzlich ihre zuckrig-klebrige Konsistenz, während sich die Süße in meinem Mund ausbreitet. Hassan, erfrischt und gut gelaunt, bringt mir einen Pappbecher und gießt mir aus einem großen Krug ein. Die mintgrüne Flüssigkeit schäumt etwas. Ich nippe ein wenig misstrauisch. Dieser Moment wird mir für immer als der Augenblick im Gedächtnis bleiben, an dem ich zu Avocado-Milchshake bekehrt wurde. Er ist köstlich, sättigend und wirkt angeblich bei Männern potenzsteigernd.

Süßes und Salziges wechseln sich ab

... und andere Leckereien.Der Milchshake hilft auch dabei, die Köstlichkeiten, die mir gereicht werden, herunter zu spülen. Chabakia sind knusprige, honiggetränkte Mandeltörtchen. Die mit Saffran und Orangenwasser gewürzten und mit Sesamkörnern bestreuten Leckereien werden traditionell im Fastenmonat Ramadan genossen. Rautenförmige Scheiben von Sfouf, einem libanesischen Kuchen aus Grieß, Kurkuma und Pinienkernen, werden herumgereicht. Dazu gibt es Baghrir, lockere Grießpfannkuchen mit Honig und geschmolzener Butter.

Es wird auch Salziges aufgetischt: Msamane ist ein herzhaftes Gebäck, das gebraten wird, bis es hart ist. Ich knabbere genießerisch daran. Khalid kommt mit einem Plastikteller auf mich zu. Darauf liegt ein durchgebratener Fischkopf, der mich blind aus seinen knusprigen Augenhöhlen anstarrt. Taktvoll dreht Khalid in letzter Sekunde ab und reicht den Fisch einem anderen Gast. Für mich zaubert er im Handumdrehen einen weniger furchteinflößenden Happen hervor. Ich schiebe mir den teuflisch scharfen Fisch in den Mund und zermalme die Gräten mit den Backenzähnen. Dann bietet mir jemand ein gekochtes Ei an.

Harira und Msamane rufen Erinnerungen wach

Es herrscht eine fröhliche Stimmung. „Wenn wir bei meiner Mutter wären…“, schwelgt Badr in Erinnerungen. „Die würde dir tolle Sachen kochen!“ „Tagine“, schlägt Khalid aus der Küche heraus vor. „Eine gigantische Tagine“, prahlt Badr. „Vier verschiedene Suppen, Süßigkeiten, Lammbraten, Fisch, nicht solchen Fisch wie hier…“ An dieser Stelle schwenkt Khalid drohend den Bratenspieß, aber Badr lässt sich nicht beirren. „Fisch, der so frisch ist, dass er noch lebt. Sie stünde den ganzen Tag in der Küche, um alles vorzubereiten. Danach würden wir alle Fußball spielen. Während des Ramadan wird jeden Abend auf den Straßen gefeiert.“

HarirasuppeDas nächste Gericht ist die Krönung der Festtafel: eine Schüssel Harira, eine dickflüssige Suppe, mit Lamm oder auch vegetarisch, die allein schon eine vollwertige Mahlzeit wäre. Obwohl mein Bauch schon gut gefüllt ist, führe ich jeden Löffel mit Genuss zum Mund. Ich schlürfe die Nudeln und zerdrücke die Kichererbsen mit der Zunge. Nachdem ich die letzten Stücke Lammfleisch vom Boden des Suppentellers geschöpft habe, lehne ich mich satt und behäbig zurück. Wir greifen uns ein Glas mit heißem Minztee und alle strömen nach draußen, um die lang ersehnte erste Zigarette des Tage zu rauchen. Wie durch ein Wunder liegt die Straße völlig im Dunkeln. Die Sonne ist verschwunden. Doch bald wird das Fasten wieder beginnen, zumindest für meine Tischnachbarn.

Rezept für Harira-Suppe:

-500g Lammfleisch, klein gewürfelt -1 TL Kurkuma -1 TL Pfeffer -1 TL Zimt -1/4 TL Ingwer -2 EL Butter -eine Stange Sellerie, gehackt und mit Blättern -2 Zwiebeln, gehackt -50g gehackte Petersilie -250g Tomaten aus der Dose, kleingeschnitten -Salz -100g Linsen -240g Kichererbsen (aus der Dose) -60g kleine Suppennudeln -2 Eier, geschlagen mit dem Saft einer halben Zitrone

Lamm, Butter, Gewürze, Zwiebeln und Petersilie in einen großen Topf geben und auf kleiner Flamme fünf Minuten lang anbraten, dabei immer umrühren. Tomaten hinzugeben und weitere 15 Minuten kochen lassen. Salz und 1,5 Liter Wasser hinzugeben. Aufkochen lassen, dann bei niedrigerer Temperatur zwei Stunden köcheln lassen. Kurz vor dem Servieren die Kichererbsen und die Nudeln hinzugeben und fünf Minuten köcheln lassen. Dann die Zitroneneier in die Suppe geben und mit einem langen Holzlöffel unterrühren, bis die Eier gerinnen und die Suppe eindickt. Nach Geschmack würzen. Die Suppe in Teller füllen und mit Zimt bestäuben. Kann nach Geschmack mit Zitronenscheiben zum Ausdrücken serviert werden.