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Polyamorie - Ich liebe dich, dich und dich.

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2014

Wenn wir ehrlich sind, sind wir doch alle nur auf der Suche nach der großen Liebe. Aber muss das gleichzeitig auch bedeuten, dass wir die nur bei einem Partner finden? Oder hilft viel auch in der Liebe viel und je mehr Partner ich habe, desto glücklicher bin ich? Wenn es nach den Polyamoren geht, ja. Sie lieben nicht nur eine Person, sondern mehrere auf einmal.

Die in Schweden lebende Louisa Leontiades lebt polyamor. Sie hat neben dem Vater ihrer beiden Söhne, mit dem sie zusammenlebt, noch einen Freund. Alle kennen sich untereinander und akzeptieren die anderen Partner. Selbst ihre vier Schwiegereltern kennen jeweils beide Partner. Für sie entsteht daraus ein ganzes Netzwerk an Personen, die sie liebt.  Liebe, Sex & Zärtlichkeit Auf den ersten Blick mag dies nach freier Liebe und offener Beziehung klingen. Es klingt nach einer Sache für Menschen, die keine Verpflichtungen wollen und ihre Sexualpartner wechseln, wie ihre Unterhosen. Also Liebe, Sex & Zärtlichkeit für jedermann? Ja und nein. Die Sache ist ein bisschen anders. Polyamorie ist nicht gleich offene Beziehung. Es geht nämlich nicht nur um Sex, sondern um Liebe. Es geht um die großen Gefühle und echte Beziehungen. Ob diese Beziehungen offen sind oder nicht, ist dann jedem selbst überlassen. Und wo ist da der Unterschied zum Fremdgehen?, fragt man sich. Alle wissen Bescheid und finden es ok, das ist der Unterschied. Und das ist eben nicht immer einfach easypeasy. Besonders wenn die Eifersucht ins Spiel kommt. Für Leontiades ist Eifersucht immer ein Gefühl, das seinen Ursprung in anderen negativen Gefühlen hat. Ehrlichkeit zu sich selbst und den anderen sei bei Polyamorie das wichtigste. So sieht das auch der Pressebeauftragte des Polyamoren Netzwerkes Deutschland Christopher Gottwald. Er lebt selbst polyamor und betont, dass das wichtigste ist, über alle Gefühle intensiv und ehrlich zu sprechen. Er bezeichnet jede Beziehung als eine Forschungsreise zu uns selbst".

Christopher Gottwald argumentiert, dass es auch einfach zeitgemäßer sei, polyamor zu leben. Schließlich muss man die Sache mal realistisch betrachten, in Zeiten, in denen Treue unsexy geworden ist. So gaben laut einer Studie der Ifop jeweils über 50 Prozent der befragten Männer in Spanien, Belgien, Frankreich und Italien an, schon einmal untreu gewesen zu sein. Nur in Deutschland und England waren es geringfügig weniger. Vielleicht sind die Polys, so wie sie sich nennen, auch einfach ehrlicher zu sich selbst und anderen.

Die Debatte um Polyamorie gestaltet sich innerhalb Europas sehr unterschiedlich. In der Facebookgruppe der Polyamoren Griechenland kommentiert Lisa Aphrodite beispielsweise: Leider ist Polyamorie ein sehr neues Konzept für Griechenland und es bekommt sehr wenig Aufmerksamkeit. In den Medien wird fast nie darüber berichtet und wenn, dann auf abwertende Weise." In anderen Ländern ist das Thema gesellschaftlich schon präsenter. In Deutschland die Zahl der Polyamoren laut den Medien bei 600 liegen. Die Polyamoren selbst schätzen sich aufgrund der Mitgliedszahlen in Vereinen und den organisierten Treffen auf ca. 10 000. Dies zeigt deutlich, wie wenig die Öffentlichkeit Polyamorie ernst nimmt. Diese Beziehungsform wird so sehr nicht für voll genommen, dass bislang in Europa noch keine Studie dazu durchgeführt wurde und offizielle Zahlen fehlen.

Auf staatlicher Ebene ist in keinem europäischen Land Polygamie, also die Vielehe, erlaubt, auch wenn sich die Gesetze diesbezüglich, insbesondere für muslimische Mitbürger langsam lockern, wie der Fall einer polygamen Hochzeit in den Niederlanden unlängst zeigte. Laut Christopher Gottwald sei dies eine deutliche Einschränkung des Rechts auf freie Lebensentfaltung. Genauso, wie es erlaubt sein sollte gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch gesetzlich anzuerkennen, sollten auch polyamoröse Beziehungen und Eheschließungen ermöglicht werden. Schließlich geht es dabei nicht nur um freie Liebe und jeder darf mit jedem, sondern auch darum, dass zum Beispiel das Erb- oder Steuerrecht nicht auf polyamore Beziehungen eingestellt ist. Somit werden die Polys in Europa, wenn man es genau nimmt, deutlich diskriminiert. Dabei ist Polyamorie und auch Polygamie kein neues Phänomen. Zwar ist das Kunstwort „Polyamorie“ (aus griech. poly: mehrere und lat. amor: Liebe) erst seit den 1990er Jahren in Gebrauch, das Konzept der Polyamorie gibt es, so schätzt der Soziolpädagoge der Universität Paderborn Thomas Schroedter, allerdings schon seit der Antike.

Warum also der ganze Stress?

Warum halten wir so fest an dem alten Wert der monogamen Beziehung und der Ehe mit einem Partner? Eine biologische Erklärung für die Zweierbeziehung gibt es nicht. Laut Schroedter verteidige insbesondere die Kirche das Konzept der Monogamie. Monogamie sei vorerst nur ein gesellschaftliches Konzept gewesen, um die Erbschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten. Im Patriachat sollte vor allem die Frau monogam leben, um die Verwandtschaftsverhältnisse geklärt zu wissen. Mit den Jahren hat sich Monogamie bewährt und ist jetzt ebenso gesellschaftliche Konvention, wie in der Öffentlichkeit Kleidung zu tragen.

Polyamorie für alle?

Wenn du nicht bereit bist, dich mit der Komplexität, die mit jeder Beziehung dazu kommt, auseinanderzusetzen, ist es wahrscheinlich nichts für dich. Denn die Zeit, die andere für ihre Hobbys verwenden, investiere ich in meine Beziehungen, auch wenn ich Polyamorie nie als Hobby bezeichnen würde. Es ist mehr als das", sagt Louisa Leontiades. Die Frage nach der Zeit, könne laut Thomas Schroedter auch dazu beitragen, dass Polyamorie zu einem Luxusgut der Bildungselite werde. Denn tendenziell hat der städtische Bildungsbürger eben mehr Zeit und Energie, Beziehungen zu führen, als ein Bauarbeiter. Wird Polyamorie also bald die Beziehungsform der Reichen und Schlauen?

Die große Liebes-Revolution wird wohl ausbleiben. Monogamie ist der Standard und wird es wahrscheinlich noch sehr lange bleiben. Und das ist auch ok. Die Polys kämpfen nämlich gar nicht gegen die Monogamie, sondern, so beschreiben es Leontiades und Gottwald treffend, für die Freiheit selbst wählen zu können". Und das ist das wichtige: Toleranz und Akzeptanz für alle Arten von Beziehungen. Ob sie nun monogam oder polyamor, offen oder strikt treu sind. Ein bisschen Offenheit hat noch keinem geschadet.