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Partytourismus in Budapest: Der Aufstand der Nachbarn

Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2017

Barcelona hat es, Berlin und Amsterdam auch und nun Budapest: Ein Problem mit dem Partytourismus. Während sich in Barcelona immer mehr Bürgerinitiativen gegen den Massentourismus bilden, scheint man in Budapest erst langsam zu erkennen, dass mit den Touristen und Airbnb nicht nur das große Geld kommt, sondern auch der Verfall und die Gentrifizierung historischer Viertel. 

Als ich 2008 in den 7. Bezirk von Budapest zog, war die Gegend ein Geheimtipp unter ausländischen Studenten. Das ehemals Jüdische Viertel mit seiner wechselhaften Geschichte schien gerade aus einem Dornröschenschlaf zu erwachen und sich zu einem hippen und lebendigen Stadtteil zu entwickeln. Hier, wo sich die jüdische Gemeinschaft vor dem Zweiten Weltkrieg selbstbewusst präsentierte und die zweitgrößte Synagoge der Welt errichtete, entstand Ende der 2000er-Jahre ein neues Miteinander von Kulturen und Konfessionen. Immer mehr ungarische Juden kehrten zurück und die Wunden, die der Holocaust in diesem 1944 zum Ghetto erklärten Viertel hinterlassen hatte, schienen langsam zu heilen.

Gegenüber meiner Wohnung in der Király utca, der einst prachtvollen Einkaufsstraße, trafen sich junge Juden, Künstler und Hipster in der legendären Sirály Bar. Eine Querstraße entfernt befand sich das Szimpla Kert - eine Bar, die 2002 inmitten eines Abrisshauses entstand und sich bald zu einer festen Institution im Budapester Nachtleben entwickelte. Ins Szimpla ging man spontan, trank in den alten Flohmarkt-Sesseln ein paar Bier, unterhielt sich mit anderen ausländischen Studenten und genoss die besondere Atmosphäre. Hier war alles ein bisschen improvisiert, das Interieur zusammengewürfelt, die Fassaden bröckelig, mehr shabby als chic - aber man fand immer einen freien Tisch. Die Welt in Erzsébetváros, so der Name des 7. Bezirks, war in Ordnung.

Als ich 2010 immer häufiger von betrunkenen Touristen geweckt wurde, die bis in die Morgenstunden unter meinem Fenster feierten, ich fast täglich über ihre menschlichen Hinterlassenschaften und leeren Plastikbecher stolperte, packte ich meine Koffer. Inzwischen eröffneten immer mehr Bars in meiner Straße, die sich speziell auf Touristen einstellten - auf grellen Karten schrie der billige Alkohol einem förmlich entgegen. Immer weniger konnte ich mich mit diesem Viertel identifizieren.

Ungarn sind hier Mangelware

Die Budapester Undergound-Szene, die sich in den Ruinen alter Wohnhäuser und verfallenen Hinterhöfen traf, machte allmählich Platz für kommerziellen Tourismus. Die „Ruin-Bars“ wurden zur besten ungarischen Sehenswürdigkeit erklärt und machten Budapest bei jungen Touristen schlagartig bekannt. Reiseführer, Fluggesellschaften und Onlineportale erklärten die Ruinenkneipen zum ultimativen Must-Do in Budapest, 2012 wurde das Szimpla von Lonely Planet zur drittbesten Bar der Welt gewählt. Seither bilden sich vor dem Eingang der Mutter aller Ruinenkneipen meterlange Schlangen. Zum Biertrinken verirrt sich hier selten noch ein Ungar.

Da sich mittlerweile auch große Gebäudekomplexe, wie das Gozsdu udvar mit unzähligen Bars, Clubs und Restaurants auf einer Fläche von 12.000 Quadratmetern, oder ganze Straßen des 7. Bezirks auf die Rundum-Verpflegung von Touristen eingestellt haben, sind hier zur Hauptsaison täglich zwischen 10.000 und 20.000 Menschen unterwegs. Das neu entstandene Partyviertel wird, so schätzen Gastronomen, zu 80 Prozent von Touristen besucht - sie sind unbestritten die Haupteinnahmequelle dieses Viertels geworden. Die negativen Folgen dieses Massentourismus lassen sich indes nicht mehr totschweigen.

Laut Angaben des österreichischen Tourismusinformationssystems TourMIS war Budapest im Jahr 2016 das Ziel von 3,3 Millionen Touristen. Zur selben Zeit verlor der 7. Bezirk 1.171 Bewohner. Seit Beginn des Massentourismus in Budapest haben mehr als 8.000 Anwohner das Jüdische Viertel verlassen. Wer den Lärm und Schmutz nicht mehr aushalten und es sich leisten konnte, verkaufte seine Immobilie unter Marktwert und suchte sich schnellstmöglich eine ruhigere Wohngegend. Doch das blieb bislang die Ausnahme.

Erst seit 2016 können die Wohnungen hier wieder zu tatsächlichen Marktpreisen verkauft werden. Aber vor allem ältere Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben, können sich einen Umzug nicht leisten. So wie Mari néni, die seit über 40 Jahren in ihrer Drei-Zimmerwohnung in der Király utca lebt: „Ich fühle mich nicht sicher, wenn ich einkaufen gehen muss. Mehrmals wurde ich von jungen Menschen angerempelt, sie sind oft in Gruppen unterwegs. Leider sind die Straßen hier sehr schmal, so dass man ihnen nicht ausweichen kann.“ Mari néni stört vor allem der Lärm, den die Touristen in den benachbarten Wohnungen machen: „Sie kommen spät nach Hause, machen großen Lärm und hinterlassen überall ihren Müll.“

Dabei meint die jüdische Dame die Touristen, die ihre Unterkunft über das Portal Airbnb buchen. Von 24 Wohnungen werden in diesem Haus mittlerweile 15 über Airbnb vermietet - ein lukratives Geschäft für die meist ausländischen Investoren, ein unerträglicher Zustand für die hier verbliebenen Hausbewohner. Bis zu 8000 solcher Wohnungen sind auf dem ungarischen Airbnb-Portal registriert. Und nicht jeder Tourist, der seine Unterkunft über den Anbieter bucht, erscheint in den offiziellen Zählungen. Es scheint also nicht unrealistisch, von bis zu 4,5 Millionen jährlichen Touristen in Budapest zu sprechen.

Zweifelhafte Feierlaune in Zentraleuropa

Ihre große Beliebtheit bei vorwiegend jungen Touristen verdankt die Stadt den Low-Budget-Angeboten und ihrem zweifelhaften Ruf als „Party Capital of Central Europe“. Was das für Auswirkungen hat, davon kann man sich an einem gewöhnlichen Tag in der Budapester Innenstadt ein Bild machen. Gruppen von zehn bis 30 jungen Männern, als Wikinger, Kapitäne oder Sträflinge gekleidet, die den Abschied vom Junggesellentum hemmungslos und feuchtfröhlich begehen.

Dem Wunsch des überwiegend angelsächsischen Klientels nach der perfekten „Stag Party“ kommt man hierzulande mit neuen Konzepten und Eventagenturen nach. Portale mit expliziten Namen wie stagheavenbudapest oder stagparadisebudapest bieten ganze Erlebnispakete an und versprechen das Kumpelherz hören schlagen zu lassen. Schifffahrt auf der Donau inklusive Striptease, Beer-Bike-Tour durch die Innenstadt, Pub-Crawl, Paintball und zur Erholung vom Party-Wochenende ein Besuch im historischen Thermalbad. Auch eine Stadtbesichtigung sei möglich, verrät die Mitarbeiterin einer solchen Eventagentur, aber diese werden selten gebucht. Seit einigen Monaten begleitet sie die Männergruppen auf ihren Touren, stellt sicher, dass sie auf ihre Kosten kommen und alles zu ihrer Zufriedenheit abläuft. Die Erfahrung habe ihr gezeigt: „Den meisten geht es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Alkohol zu trinken, hübsche Ungarinnen kennenzulernen und für ihre Party wenig Geld auszugeben.“

Seit einiger Zeit läuft Budapest in Sachen Partytourismus und Preis-Leistungsverhältnis Prag, dem bisherigen Partyepizentrum Mitteleuropas, den Rang ab. Während ein Tourist bei seinem Aufenthalt in Prag durchschnittlich 550 Euro ausgibt, sind es in Budapest gerade einmal 325 Euro. Dass der Partytourismus aber leider auch seine Schattenseiten hat, das zeigt der Vorfall des kürzlich in Budapest verstorbenen Briten Sam Clancy. Dieser war während einer Stag Party in einer Gruppe von 22 Männern verloren gegangen und wurde beim Überqueren einer Straße von einem Auto überfahren.

Nachtruhe? Überbewertet

Wenn es nach den Verantwortlichen des Tourismus- und Festivalmarketings von BFTK (Budapesti Fesztivál-és Turisztikai Központ) geht, gibt es in Budapest noch Kapazitäten zum Ausbau des Tourismus. Mit einem Strategieplan unter dem Motto „Weiter geht's“ bemüht man sich, das Party-Image der Stadt zu ändern und Budapest als qualitatives und gastronomisch hochwertiges Reiseziel darzustellen. Das langfristige Ziel: Prag und Wien im Rennen um die beliebteste Stadt in Mitteleuropa einzuholen. Mit über 5 Millionen Besuchern jährlich führen die beiden Städte die Ranglisten zwar an, aber der Tourismus in Budapest ist in den letzten zwei Jahren überdimensional angestiegen. Obwohl besonders die Qualität und Kultur im Fokus des Stadtmarketings stehen, wird an jungen Touristen als Zielgruppe festgehalten. Der Gedanke dahinter: Wer als junger Tourist ein Wochenende lang Spaß in Budapest hat, der kommt als zahlungskräftiger Erwachsener zurück.

Wie der Ausbau des Tourismus in Einklang mit den Bewohnern der Innenstadt und vor allem des 7. Bezirks gebracht werden soll, dazu hat man noch keine konkreten Pläne. Erste Ideen wollen den Tourismus aus der Innenstadt wegleiten und verschärfte Regelungen für die zahllosen Hop-On-Hop-Off Busse einführen. Dass dies nicht weit genug greift, davon sind die beiden Vertreter der Stadtverwaltung von Erzsébetváros, Gábor Devosa und Dr. Tibor Kispál, überzeugt. Seit die führende Regierungspartei Fidesz den 7. Bezirk leitet, seien wichtige Bestimmungen zum Schutz der Anwohner rückgängig gemacht worden. So wurde etwa 2013 die Regelung abgeschafft, wonach Bars und Clubs nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Hausgemeinschaft ihren Betrieb nach 24 Uhr weiterführen durften. Seither sind Öffnungszeiten bis 5 oder 6 Uhr morgens keine Seltenheit mehr in Erzsébetváros. Der wirtschaftliche Faktor war wichtiger als die Nachtruhe der Hausbewohner.

Dass das Geld, das die Partytouristen im 7. Bezirk ausgeben, auch vom 7. Bezirk verwaltet wird, sei ein Trugschluss, so Gábor Devosa: „Obwohl wir hier die Folgen des Tourismus tragen müssen, erhalten wir von der Stadt lediglich den prozentualen Anteil für die Anzahl der Bewohner.“ Bei der tagtäglichen Reinigung und Beseitigung des Partymülls ist man in Erzsébetváros also auf sich alleine gestellt - obwohl ganz Budapest wirtschaftlich vom Tourismus profitiert. Doch nicht nur in diesem Bereich fühlt man sich alleine gelassen. Dr. Kispáls Vorwurf richtet sich vor allem an die Politik, die den Faktor Sicherheit in Erzsébetváros komplett zu ignorieren scheint: „Mit denselben zehn Polizisten wie noch vor einigen Jahren, kann man die Sicherheit heute nicht mehr gewährleisten. Hier sind abends bis zu 20.000 Touristen unterwegs“.

Dass man mit der geringen Zahl an Polizeikräften dem nächtlichen Chaos nicht mehr Herr werden kann, bestätigt auch Ábel Zsendovits, Mitbegründer des Szimpla: „Mittlerweile bewachen unsere eigenen Leute die Straße“. Unfälle, Kriminalität, Drogenhandel und Prostitution stehen im 7. Bezirk an der Tagesordnung, der Partytourismus und seine Folgen haben sich hier zu einem unkontrollierten Problem entwickelt. Dass es in Sachen Partytourismus keinen Weg mehr zurück gibt, darüber sind sich Devosa und Kispál einig. Der einzige Weg, um ihn zumindest eindämmen und kontrollieren zu können, sei es, alle Akteure an einen Tisch zu bringen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Sowohl die Regierung, Tourismusbehörde, Polizei als auch Barbetreiber, Stadtverwaltung und Bewohner müssten sich gemeinsam nach einer, für alle Seiten akzeptablen Lösung bemühen. So jedenfalls „kann es nicht weitergehen“, betont Gábor Devosa.

Erzsébetváros: Lieber Nachbarn als Touris

Wie immer wenn die Politik versagt, sind es Bürgerinitiativen die die Problemlösung in die Hand nehmen. Wer in Erzsébetváros noch nicht die Koffer gepackt hat, sich dem Viertel verbunden fühlt und nicht von Partytouristen vertreiben lassen möchte, der organisiert sich in der Gruppe „Für ein lebenswertes Erzsébetváros“ (Élhetö Erzsébetváros). All dem Vandalismus, Lärm, Schmutz und der Kriminalität des Viertels zum Trotz, wollen die hier Lebenden gemeinsam für eine Verbesserung der Situation kämpfen. Der Politiker Attila Vajnai, der sich in der Gruppe für „demokratisch und gesellschaftlich legitimierte Lösungen“ einsetzt und sich gerade im Sommer auch wünschen würde, in Erzsébetváros bei „offenen Fenstern schlafen zu können“, sieht vor allem in den unkontrollierten Airbnb-Vermietungen das größte Problem. Hier gibt es bislang weder eine staatliche Aufsicht, noch greiften gesetzliche Einschränkungen oder Regularien.

Anders als in anderen europäischen Ländern hat Ungarn noch kein Gesetz eingeführt, das die illegale Vermietung von Privatwohnungen unter Strafe stellt. Das soll sich nach Vajnai jedoch bald ändern. Der Politiker will sich gemeinsam mit den Hausgemeinschaften und mit den „rechtlichen Mitteln eines EU-Staates“ dafür einsetzen, dass Airbnb und Co. auch in Budapest Einhalt geboten werden. Bußgelder von bis zu 600.000 Euro wie in Barcelona verhängen zu können, sei ebenso wenig das Ziel, wie den Tourismus im Allgemeinen zu verteufeln. Aber auch in Erzsébetváros verabschiedet man sich lieber vom Touristen, als von seinem Nachbarn.