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Owen Lean: Der Zauberlehrling von Dublin

Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2017
Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2017

Jeder, der Harry Potter gelesen hat, wird schonmal von einem Diplom in Magie oder Hexerei geträumt haben. Aber man muss gar nicht nach Hogwarts, um Magier zu werden - Owen Lean hat in Dublin einen Abschluss in Straßenmagie gemacht.

Jeden Morgen um neun, noch bevor die ersten Touristen herbeischwärmen, ist Londons Covent Garden bereits in heller Aufruhr. Straßenkünstler und Performer stellen sich in einer Schlange an, um Zettel mit ihren Namen in einen Hut zu werfen. Wessen Name zuerst gezogen wird, darf sich den besten Slot des Tages aussuchen. Mit nur 14 Terminen täglich und 30 Performances kann das Warten auf den eigenen Auftritt schonmal lang werden.

Wenn ihr Glück habt, könnt ihr in der Ecke, wo der Apple Store ist, einen jungen Mann mit braunen Haaren und hellblauen Augen performen sehen. Sein Name? Owen Lean - und er hat ein einzigartiges Diplom in der Tasche - er ist der einzige Mensch auf der Welt mit einem Abschluss als Zauberer.

Neben Muggeln studieren

Owen ist mit Theater und Kunst groß geworden, aber seine Beziehung zur Schwarzen Magie begann erst, als er 18 war. Zu diesem Zeitpunkt stolperte er irgendwann über ein Trick-Kartenspiel auf dem Boden im Haus seiner Eltern. „Ich wusste, wir hatten es Monate früher im Spieleladen Hamleys gekauft“, erzählt er. „Aber ich wusste nicht, wie es nun plötzlich hierher gekommen war. Aber ob es nun ein Zeichen aus dem Jenseits oder nur ein komischer Zufall gewesen ist, fand er schnell heraus, dass er ein Faible für Zaubertricks hatte. „Es hat sich herausgestellt, dass Zaubern wie Theater ist, nur dass man eben nicht monatelang mit völlig Fremden proben muss, die man sowieso nicht mochte. Ich konnte es ganz allein schaffen.“ 

Kurz darauf studierte Owen am Trinity College in Dublin Theater, aber sein Ding für Magie - besonders Straßenzauberkunst- ließ ihn einfach nicht los. Und wie der Zufall es wollte, lag sein College direkt neben Grafton Street, einer der Prachtstraßen der irischen Hauptstadt, wo sich Straßenkünstler nur so tummeln. Als er irgendwann seine Abschlussarbeit einreichen musste, hatte er die Qual der Wahl: Entweder 12 000 Worte über ein von ihm selbst gewähltes Thema schreiben oder ein sehr viel humaneres 7000-Worte-Werk rund um eine eigene Performance. Wie jeder echte Student wählte Owen das weniger aufwändige Schreibwerk. Und es gab da nur ein einziges Projekt, das er sich für seine Abschlussarbeit vorstellen konnte: eine Zaubershow.

Glück gehabt - alle Dozenten des Trinity College waren begeistert. „Die Dozenten am College sind total ausgeflippt“, sagt Owen - und so kam es an einem kalten Nachmittag im Mai 2006 dazu, dass sein erfolgreicher Abschluss davon abhing, ob er eine Karte aus einem Stapel nur mit seiner Zunge bestimmen konnte. In diesem Sommer war es dann soweit - Owen erhielt einen Bachelor in Straßenmagie. Nach seinem Abschluss ließ er sich ein paar Jahre treiben, performte mal in London und entwickelte das Konzept 'Roadmage' rund um alles, was er jahrelang in der Grafton Street aufgeführt hatte.

Und dann explodierte sein Haus.

Ein Zeichen des Himmels

„Das krasse Ding war, dass keiner von uns zu Hause war“, sagt Owen leise und auch Jahre später ungläubig. "Ich war unterwegs, um eine Woche bei Freunden zu verbringen, und sie hatten mich gefragt, ob ich einen Tag länger bleiben wollte. Und auch wenn mich das eine Stange Geld gekostet hat, sagte ich zu. Ich blieb also diese Extra-Nacht und früh morgens, am Tag darauf, riefen meine Eltern an, um mir zu erzählen, dass zwei Uhr nachts das Haus in Flammen aufgegangen war. Wäre ich wie geplant nach Hause gefahren, wäre ich jetzt tot.“

Diese Grenzerfahrung mit dem Tod hatte einen Nebeneffekt: Owen war jetzt überzeugter als je zuvor, dass er seinen Lebensunterhalt mit Zauberei verdienen wollte. So startete er, durch das Land und dann die Welt zu reisen, verbrachte Zeit in Kanada und lebte zwei Jahre in Paris, wo sein zweites Zuhause der Platz vor dem Centre Pompidou war.

Owen spöttelt, dass es um einiges einfacher sei, das „Publikum anstatt das Material zu wechseln“. Aber seine Zeit im Ausland war nützlich. „Du kriegst einfach mit, wie unterschiedlich alle sind und was du für unterschiedliche Energie aufbringen musst, um die Leute zu beeindrucken. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen metaphysisch, aber es gibt dafür einfach kein besseres Wort als Energie. Jede Performance ist ein Energieaustausch zwischen Performer und Publikum.“

„In Dublin, wo ich angefangen habe, gingen die Leute voll auf 'the craic' ab, wie man dort sagt - das lustig-gesellige Beisammensein. Man legte mit einer ordentlichen Dosis Energie los, aber es dauerte lange, um sie zu beeindrucken. In Kanada waren die Leute sehr viel relaxter, aber es war schwieriger, sie zum Lachen zu bringen. Du musst da anfangen, wo dein Publikum ist, und das ist für alles so - kommst du zu einem Verkaufsgespräch mit einer gehörigen Dosis Energie und der andere ist deprimiert, kommst du auf keinen grünen Zweig.“

Nichts ist witziger als menschlicher Stuhlgang

Aber ob nun in Kanada oder Covent Garden, eines hätten die Menschen im Publikum überall gemeinsam, so Owen: Sie sind schonungslos. „Auf der Bühne, wenn ein Part deiner Vorführung nur halbherzig ist, kannst du das Publikum später wieder zurück ins Boot holen. Wenn du ihr Interesse auf er Straße verlierst, dann lassen sie dich einfach stehen.“

Was deine Show außerdem völlig durcheinanderbringen kann, ist die Straße selbst. In Covent Garden, sagt Owen, seien die Straßenkünstler eine eingeschworene Community, „fast wie eine Familie“. Aber manche Ecken seien auch starker Konkurrenz ausgesetzt. „Am Leicester Square gibt es so eine Breakdance-Crew, die den Ort praktisch übernommen hat und niemand anderen dort arbeiten lässt“, erklärt er. „Aber in Paris vor dem Pompidou waren die Breakdancer die nettesten Menschen überhaupt. Es ist einfach eine Glücksfrage.“

Und von Zeit zu Zeit wird jedem Performer die Show gestohlen. Irgendwann, er war gerade zurück in Dublin, wurde sein Publikum auffällig unruhig. „Ich bemerkte, dass die Leute mir nicht mehr zuschauten, sondern etwas hinter mir ansahen. Also drehte ich mich um, und da stand ein Penner und hat gekackt. Es gibt einfach nichts auf der Welt, das Menschen mehr unterhält als ein menschlicher Stuhlgang. Ich musste also warten, bis er fertig war.“

Es gibt immer jemanden, für den man zaubern kann

Zum Glück muss Owen in naher Zukunft weniger mit menschlichen Ausscheidungen konkurrieren. Denn mit dem Rhythmus seiner Straßenperformances ist er ein wenig zurückgefahren („momentan nur drei pro Woche“). Nebenbei arbeitet er neuerdings auch als Corporate- und Motivationstrainer. Er hilft anderen Menschen dabei, sich in der Geschäftswelt international optimal zu präsentieren. Dabei arbeitet er mit seinen Erkenntnissen als Straßenzauberer. Beide Jobs klingen wie das genaue Gegenteil voneinander, aber Owen beschwört, sie hätten mehr Gemeinsamkeiten, als man glaubt.

„Ein Straßenkünstler muss drei Dinge können - du musst die Aufmerksamkeit der Leute auf dich ziehen können, sie beibehalten und Nähe aufbauen und sie dann auch noch dazu bringen, dir Geld da zu lassen. Wir nennen es das sogenannte 'ARM'-Prinzip, und genau das bringe ich den Leuten bei.“

Aber es gibt eine weitere Motivation für Owens Karriere-Move: Im März erwarten seine Frau und er ihr erstes Kind, das erstmal 'Jumpy' getauft wurde, bis der Name endlich gefunden ist. „Ich kriege eigentlich genug mit Straßenmagie zusammen, um mich über Wasser zu halten, meinen Kredit abzuzahlen und am Ende trotzdem noch ein bisschen was übrig zu haben, das ist doch mehr, als man sich wünschen könnte. Auch wenn es Jahre gedauert hat, bis zu diesem Punkt zu kommen. Aber ich möchte mich nicht irgendwann in einer Lage befinden, in der ich alle Schulferien und jedes Wochenende arbeiten muss - das sind die besten Zeiten für einen Straßenperformer. Ich liebe meinen Job, aber das haut nicht hin mit der Vorstellung, die ich vom Leben meines Sohnes habe.“

Aber Owen bereut es nicht, der Straße ein wenig den Rücken zu kehren. „Papa zu sein ist eine neue Herausforderung. Und ich bin mir sicher, da wird es Wochenenden geben, an denen ich eine Show oder zwei machen kann. Ich werde das nie komplett aufgeben. Wenn du einmal damit angefangen hast, vergisst du es nie wieder - und da sind immer Leute, denen du etwas zaubern kannst.“

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Voglio Vivere Cosi ist eine Artikelreihe, in der wir über alternative Lifestyles berichten. 8 Wochen, 8 Geschichten, gesammelt von unserem Cafébabel-Team.