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Öko-Leben: Nur was für Wohlstandsbürger?

Artikel veröffentlicht am 30. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 30. Juli 2015

In der allgemeinen Vorstellung sind ‚Ökos' meist relaxt, Radfahrer, Bio-Markt-Gänger und diskutieren gesellschaftliche Fragen mit einem Bier aus einer Kleinbrauerei in der Hand. Wenn man es bis zum Klischee treibt, dann könnte man sie sogar als ‚Hipster ohne Geldsorgen‘ bezeichnen. Ist die Ökologie also nur eine Beschäftigung für die Elite?   

Eine definitive Antwort darauf zu geben ist natürlich unmöglich. Man müsste hierzu das sozio-ökonomische Profil eines jeden ‚Öko‘-Wählers studieren. Aber wenn man die Fakten beobachtet, wird eine Tendenz deutlich. Laut Johannes Hillje, Kampagnenberater für die Europäische Grüne Partei, zeigen die Zahlen von 2014, dass die Wählerschaft relativ jung (18 – 34 Jahre) und eher feminin ist und in einem urbanen Umfeld lebt. Zudem sei das Bildungsniveau überdurchschnittlich, mehr politikinteressiert und besser informiert als andere. 

Soziale Kategorie oder gemeinsame Werte?

Eine Form der intellektuellen Elite? Vielleicht. Ist es vielleicht sogar eine wirtschaftliche Elite? Auch hier ist es schwierig, die Frage mit einer unwiderlegbaren Wahrheit zu beantworten. Sogar, wenn die Auffassung naheliegt, dass ein „hohes Bildungsniveau“ einen „gut bezahlten Job“ bedeutet. Das war wahrscheinlich richtig für die Generation unserer Eltern, aber nicht mehr heutzutage. Johannes Hillje zieht die professionelle Kategorie nicht in Betracht: „Unsere Wähler lassen sich nicht über eine bestimmte soziale Klasse definieren, sondern mehr über gemeinsame Werte und Interessen.“

Eine Sicht, die von Caroline Close, Postdoktorandin am CEVIPOL (Recherchezentrum zu politischem Leben) an der Freien Universität Brüssel unterstützt wird. Sie fügt dennoch eine weitere Nuance hinzu: „Die Grünen Parteien sind keine Klassenparteien. Es handelt sich mehr um Vorlieben und politische Einstellungen. Aber ihre Ideen basieren auf post-materialistischen Werten, also andere als die Suche nach finanzieller Sicherheit um jeden Preis. Sie legen den Schwerpunkt auf die Lebensqualität und die persönliche Entwicklung; eine Entwicklung, die nichts mit Karriere oder Geld zu tun hat, sondern eher mit dem Familien- oder Sozialleben, der Kultur, der Offenheit gegenüber anderen. Diese Art von Idee lockt eine Randgruppe der Bevölkerung, die schon ein gewisses Niveau von materiellem Komfort erreicht hat. Leute, die eine Arbeit suchen, fühlen sich zum Beispiel weniger angezogen von Grünen Parteien, weil ihr Ziel eine materielle Verbesserung ihres Lebens bleibt.“

Das Klischee Öko = Elite scheint sich, aus dieser Perspektive gesehen, zu bewahrheiten. Wie Frau Close unterstreicht: „Die Grünen Parteien sind den Bewegungen der 1960er und 70er Jahre entsprungen. Sie waren sehr progressiv und kamen von allen Fronten: moralische Befreiung, Emanzipation der Frauen, Rechte für Homosexuelle, das Recht zur Abtreibung. Also gab es schon an der Basis der Schaffenswerdung dieser Parteien eine gebildete Bevölkerung, die sich von Hierarchie und Konventionen emanzipiert hat.“

„Ökos von Herzen“ gegen „Ökos der Wahlen“

Soweit die Theorie.  Wie steht es um das Terrain? Ein ‚Grüner Hipster' zu sein beschränkt sich ja nicht darauf, eine Grüne Partei zu wählen. Es gibt auch solche, die sich aktiv engagieren und in einer echten bürgerlichen Initiative  wiederzufinden sind. Wie schon angemerkt, ist die Wählerschaft jung, relativ weiblich, gut ausgebildet und führt sogar ein finanziell recht sorgloses Leben. Aber quid est mit Aktivismus?

Robin Guns ist Entertainer und ständiger Mitarbeiter des Vereins Les Amis de la Terre (Belgien). Für ihn ist die Realität des Terrains eine andere: „Das Profil stimmt in Bezug auf höhere Bildung, aber nicht auf der finanziellen Seite. Wir befinden uns eher in der Mittelklasse. Und wir zählen auch mehr Männer als Frauen, aber es ändert sich vor allem die Altersklasse. Unser Verein ist alt, da wir bereits 40 Jahre existieren. Also haben wir viele Freiwillige, die zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Wir versuchen, mehr Junge anzuziehen, sodass sie sich wirklich einbringen, aber wir schreiten nur langsamvoran. Der Befund ist der gleiche wie in anderen Vereinen, mit denen wir zusammenarbeiten. Sie versuchen auch, ihre Reihen zu verjüngen, aber ihnen begegnen dabei dieselben Schwierigkeiten wie uns.“

Es scheint also, als gäbe es einen großen Unterschied zwischen denen, die man die „Ökos der Wahlen“ und denen, die man „Ökos von Herzen“ nennen könnte. Diese jungen, gut ausgebildeten Leute sind sich vielleicht der ökologischen Dringlichkeit bewusst und aktiver als andere in Protestbewegungen. „Das ist eine Haltung, die man viel öfter in der Grünen Wählerschaft wiederfindet als in anderen Parteien“, konkretisiert Frau Close. „Aber das Engagement geht nicht unbedingt bis zu dem Punkt, dass man sich tagtäglich in Vereinen einbringt.“

Letztlich ist es, wie oben ausgeführt, unmöglich einen endgültigen Schluss zu ziehen. Wenn man sich an die Wählerschaft der Grünen hält, dann kann man schon sagen, dass Ökologie eine Elitesache ist, zumindest in intellektueller Hinsicht. Aber wenn man die Folgen auf dem Terrain berücksichtigt, liegt die Sache anders. Das Profil der „Grünen Elite“ findet sich weniger in konkreten Bewusstsein schaffenden Aktivitäten wieder.