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Nawal El Moutawakel: „Mädchen glauben, Sport sei Männersache“

Artikel veröffentlicht am 17. November 2008
Artikel veröffentlicht am 17. November 2008
Haben Frauen ihren Platz in der Welt des Sports? Nawal El Moutawakel, Marokkos Ministerin für Jugend und Sport, gibt Antwort.

Wenn man über Frauen in der Sportwelt spricht führt kein Weg an Nawal El Moutawakel vorbei. Die heute 46-jährige Marokkanerin, die einst als Hürdenläuferin an den Start ging, war die erste Frau aus einem islamischen Land, die bei Olympia Gold gewann. So wurde sie zur Legende und beweist bis heute Geschmack an symbolischen Handlungen: 1995 wurde sie Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und konnte 2008 in Peking als erste muslimische Frau bis ins Executive Board des IOC aufsteigen. Doch damit nicht genug: Seit Oktober 2007 ist sie zudem in der marokkanischen Regierung als Ministerin für Sport und Jugend tätig. „Nichts ist unmöglich“, betont sie in einem Interview, das in der Zeitschrift Frauen und Sport des französischen Vereins Sport & Citoyenneté (Sport und Staatsbürgerschaft) erschien. Der Verein setzt sich dafür ein, dass Sport und die damit verbundenen Werte als Medium für Bildung und Bürgerrechte betrachtet werden.

Frau Moutawakel, wie kann Sport Ihrer Meinung nach zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Gesellschaft beitragen?

©Sport et CitoyennetéSport ist für alle Völker der Welt von Bedeutung und ist somit ein Medium für Förderung und Entwicklung. Es ist eines der Grundrechte - Diskriminierung hat im Sport keine Chance. Sport hat enorme Qualitäten, die für Frauen und Männer wichtig sind: Man begegnet sich mit Solidarität, Brüderlichkeit, Gleichheit, was heutzutage leider nicht überall der Fall ist. Aber sehr viele Institutionen und auch viele Regierungen arbeiten in diesem Sinn, um die wahren Werte des Sports zu reflektieren: Annäherung, Anstrengung beim Spiel, Exzellenz, und Entschlossenheit.

Was müsste sowohl national als auch international geschehen, damit mehr Frauen hochrangige Positionen im Sport einnehmen?

Frauen befinden sich in einem andauernden Kampf um ihre Position unter ihren männlichen Kollegen. Heutzutage versuchen viele Einrichtungen Frauen zu unterstützen und bieten ihnen hochrangige Stellen. Generell kann man sagen, dass alle Welt Veränderung will, aber keiner wirklich bereit ist, etwas zu ändern. Dennoch wurden seit Anfang der neunziger Jahre weltweit viele Konferenzen über dieses Thema abgehalten und die Diskussionen auf dem Olympischen Kongress in Paris 1994 haben sich großenteils dieser Fragestellung gewidmet. Ein Stein wurde ins Rollen gebracht und die Stimmen von Frauen können nun überall gehört werden.

Jetzt wollen Frauen auch abseits des Rampenlichts die gleiche Rolle wie Männer spielen.

Auf Spielfeldern und Sportplätzen haben Frauen gezeigt, dass sie mit Entschlossenheit, Mut und Ausdauer Rekorde schlagen und mit männlichen Sportlern mithalten können. Jetzt wollen sie auch abseits des Rampenlichts die gleiche Rolle wie Männer spielen. Der Frauenanteil im Sport hat sich innerhalb weniger Jahre verdoppelt, von 10% in den neunziger Jahren auf 20 % einige Jahre später. Einige Einrichtungen fördern diese Entwicklung, andere hingegen hinken hinterher. Aber man kann den frischen Wind und die Veränderung in den Kreisen der Entscheidungsträger spüren.

Dieser Kurswechsel ist sehr wichtig, vor allem für junge Mädchen, da sie die Welt des Sports oft als reine Männerdomäne empfinden. Dennoch sitzen mehr und mehr Frauen in Vorständen, übernehmen verantwortungsvolle Posten in Ausschüssen und Arbeitsgruppen oder gehen in die Politik. Sowohl für die Frauen als auch für die Sportwelt sind diese Veränderungen ein Segen und ich bin überzeugt, dass die Zukunft des Sports weiblich ist. Wenn es nach mir ginge, müsste diese Entwicklung nicht auf die Sportwelt beschränkt bleiben.

Die Europäische Union ist in dieser Hinsicht besonders aktiv. Eine Vielzahl von politischen und juristischen Instrumenten, wie etwa das Weißbuch zum Thema Sport oder der Artikel „Sport“ im Vertrag von Lissabon, sollen bei der Umsetzung dieser Ziele helfen. Gemäß dem Weißbuch soll die Europäische Union Integration, Gleichberechtigung und den Zugang von Frauen, besonders solchen die Minderheiten angehören, zu Sport fördern. Sie selbst sind Ministerin für Jugend und Sport und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Inwiefern verfolgen Sie diese Entwicklungen?

©Thomas Faivre Duboz/flickrWir verfolgen sehr genau, was in Europa passiert und unterstützen alle Neuerungen und Initiativen. Wenn es sich um eine Zusammenarbeit von Nord und Süd handelt, müssen wir ja gewissermaßen verfolgen, was in Europa vor sich geht. Was wir dort sehen, inspiriert uns sehr. Wir versuchen Ähnliches auch hier in unserer Region anzuwenden, um frischen Wind reinzubringen. Heutzutage ist es unmöglich ein Projekt zu entwickeln, bei dem Frauen ausgegrenzt werden.

Das Weißbuch zum Thema Sport ist ein gutes Beispiel für viele Organisationen, Regierungen, Einrichtungen - es zeigt, dass alles machbar und nichts unmöglich ist. Wenn man die UN-Milleniumsziele betrachtet, wird deutlich wie viel Beachtung Frauen heute von internationalen Institutionen zukommt. Sport bekämpft soziale Ausgrenzung, Armut, Elend und viele andere Übel und führt zu Integration und Selbstvertrauen. Somit trägt er zur Emanzipation der Frauen bei, die oft am meisten unter diesen Zuständen leiden. Sie sind gleichzeitig Ehefrauen, Mütter und Frauen; Armut und Ausgrenzung sind ihnen oft wohl bekannt. Sport kann all diese Übel bekämpfen. Deshalb ist es wichtig seine Entwicklung voranzutreiben. Das Weißbuch zeigt den richtigen Weg auf und wird hoffentlich von vielen anderen Vereinigungen übernommen.