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My heart's my Heimat und Identität ist mein Zuhause 

Artikel veröffentlicht am 22. September 2014
Artikel veröffentlicht am 22. September 2014

Ich bin deutscher als die Walküre, Bratwurst und ein Maß auf dem Oktoberfest zusammen. Auf dem Papier zumindest. Meine Familie lebt seit Jahrhunderten an diesem Fleck der Erde, irgendwo in der Mitte Deutschlands. Das sind meine Wurzeln. Punkt. Punkt?

Eine Region, flächenmäßig kaum größer als New York. Um uns nur der Wald und ab und zu mal ein Dorf zwischen die Felder gesetzt. Das ist meine Heimat. Wir wohnen schon immer dort im Siegerland. Ich wohne dort seit 27 Jahren. Mit Unterbrechungen. Den Menschen dort wird nachgesagt, dass sie verschlossen und mürrisch sind, sie verstehen keinen Spaß. Wir nennen das unsere Art von Loyalität, wenn du uns einmal zum Freund hast, dann für immer und unser Humor ist eben trocken, so ist das halt. Ich sage, ich bin kein typischer Siegerländer. Meine Eltern sind zu verplant, um keine weltoffenen Hippies zu sein. Seit ich denken kann, fühle ich mich anders als die Menschen meiner Region. Ich habe mich nie verwurzelt gefühlt mit diesem Ort. Ich gehör da nicht hin. Und richtig deutsch habe ich mich auch noch nie gefühlt. Europäisch vielleicht? Nein, zu groß, zu abstrakt. Auch wenn man in mein Gesicht offenbar eine ganze Europäische Union hineinlesen kann. 

Sag ma, wo kommst du eigentlich her?

Die anderen fragen: "Sag ma, wo kommst du her?" Das ist die Art Leute kennenzulernen. Das geht so:

"Sag mal, wo kommst du her?"

"Aus Deutschland."

"Nee, ich mein eigentlich. Wo kommst du eigentlich her?"

"Na, von hier - Siegerland."

"Und deine Eltern?"

"Von hier."

Versteh ich nicht. Dann sind die anderen meistens genervt. Oder rasten aus. Wie einmal der Deutschtürke, der mir partout nicht glauben wollte, dass ich keine Griechin bin, aber mir nach fünfzehn Minuten angeregter Diskussion bescheinigte, für eine Griechin sei ich echt ok. Oder sie halten es für Koketterie, wie der Italiener mit den zu engen Hosen, der mir neulich sagte, dass mein französischer Stil ihm als Italiener auch sehr gefällt. O là là, hat er doch direkt gesehen, dass ich französische Wurzeln habe, weil so zieht sich ja keine Deutsche an, jetzt hör doch auf mit den Spielchen, jetzt hör doch auf. Komm schon. Aha.

Geht's denn immer nur ums Aussehen?

Schwarze Augen, dunkle Haare, braune Haut. Das reicht also schon aus, um einen internationalen Background bescheinigt zu bekommen. Und das ist doch eigentlich ziemlich scheiße. Es zeigt doch eigentlich nur, wie stark Stereotype immer noch in den Köpfen der Leute stecken, wie sehr sich Identität noch über Optik manifestiert.

Klar, wird Identität vor allem auch über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gebildet.  Aber muss es denn über die Optik sein? Muss es denn über Nation sein? Kann es nicht einfach sein, dass Identität über die Menschen geschaffen wird, mit denen wir uns verbunden fühlen? Freunde, Familie, Kollegen. Egal woher?

Ich glaube nicht, dass uns in erster Linie die Orte, an denen wir uns befinden prägen, sondern immer sind es die Menschen, die uns berühren und beeinflussen. Ich habe viele internationale Freunde auf meinen Stationen gewonnen – Finnland, Israel, Frankreich – alle von ihnen sind unterschiedlich, durch alle habe ich viel gelernt. Vor allem auch über mich selbst. Und das in Gesprächen über ernsthafte Themen, nicht über Gespräche über Stereotype.

Ich glaube oft ist die ganze Diskussion um Identität auch einfach ein tolles Smalltalk-Thema und das nervt. Weil Smalltalk nervt. Es heißt, dass wir uns nicht wirklich über Sachen unterhalten, weil wir etwas oder uns kennenlernen wollen, nicht weil wir den anderen wirklich verstehen wollen, es heißt, wir reden einfach nur, um was zu sagen. "Haha, ja, du als Engländer bist eben so und so" und tschüss. Ich glaube, Eurogeneration ist ein Urban Myth, der dazu dient, entwurzelten Seelen wie mir, die sich wahrscheinlich noch nie irgendwo zugehörig fühlten, eine Heimat zu geben – Europa - weil man sonst akzeptieren müsste, dass man andere und sich selbst nicht direkt irgendwo einordnen kann und das wäre ja dann gar nicht mehr so einfach. Dann müsste man die Schubladen ja endlich einmal zulassen und nicht einfach den Schrank austauschen. Das wäre Offenheit.

Home's where your friends are

Die Sache ist, je mehr ich reise und je weiter ich weg bin, je mehr Menschen ich begegne, desto mehr komme ich zu meinen Wurzeln zurück, da im Wald in der Mitte Deutschlands.

Ich komme zu meiner Familie zurück, zu meiner Kindheit da in der Provinz, wo man als Kind tagelang den selben Staudamm im Bach hinterm Haus auf – und wieder abbaute. Heimat. Das hat aber nur bedingt etwas mit der Region zu tun. Es hat mit meiner Familie zu tun, mit den Menschen, die ich traf. Meine Kindheit gleicht eher der meiner finnischen Freundin, eher meiner Freundin aus irgendeinem israelischen Kibbutz bei Tel Aviv, als der einer Berliner Großstadtgöre, weil wir in ähnlichen Familien aufgewachsen sind, weil auch sie offen sind, wir uns in etwas viel elementarerem ähneln, als es ein Ort je sein könnte. Heimat is where your heart is. Es ist ein Gefühl, das man in sich trägt. Identity is where your heart is. Identität ist da, wo deine Leute sind, nicht deine Region, dein Land oder dein Kontinent. Das ist, was zählt.