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Mumins: In einem Finnland vor unserer Zeit

Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2013

Damals... Die Franzosen liebten ihren Babar und die Deutschen ihren Diddl. In Finnland ist man ganz versessen auf die kleinen Kreaturen mit dem sanft klingenden Namen: Mumins. Eine Geschichte von finnischen Kinderfantasien und Kuscheltrollen - auch für Erwachsene.

Im Rest Europas kaum bekannt, sind die Mumins in Finnland nicht wegzudenken: es gibt sie als Anhänger an Autoschlüsseln, in Schaufenstern von Banken und Cafés oder aufgereiht in den Auslagen der Souvenirläden. Die weißen, nilpferdähnlichen Figuren, mal melancholisch, mal lächelnd dreinschauend, sind das inoffizielle Maskottchen eines jeden Finnen. Von Großen und Kleinen geliebt, widerstehen sie so gut es geht dem Ansturm neuer Comicfiguren wie den Angry Birds oder Disney-Figuren.

Symbol der Generationen

Erdacht wurden die Kreaturen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges von der Finnlandschwedin Tove Jansson, die heute dank ihres Einfallsreichtums und des von ihr geschaffenen Universums als Nationalheldin gilt. Die Geschichte der Mumins ist für eine Kindererzählung ungewöhnlich melancholisch: Nach einer Naturkatastrophe müssen die Mitglieder der Mumin-Familie und ihre Freunde in einem isolierten Tal mitten in der Natur ansiedeln. „Die Mumins sind in erster Linie deshalb ein wichtiges Symbol für die Finnen, weil sie ihnen ähneln“, erläutert Ann-Karin Koskinen, Marketingchefin der Muminwelt, einem Erlebnispark, der ganz den kleinen Charakteren gewidmet ist. Die ereignisreichen Geschichten der Mumins und ihrer Freunde vermitteln in erster Linie einen Lebensstil und Charakterstärken, die im kollektiven Bewusstsein des skandinavischen Staates tief verankert sind.

Die Mumins sind komplexe Wesen. Sie können "zuvorkommend gegenüber Freunden sein und viel Zeit mit der Familie verbringen“, doch schätzen sie ebenfalls „die Abgeschiedenheit,  die Introspektion und die Einsamkeit in der Natur“. Während Nicht-Finnen das Universum der Mumins eher durch die Zeichentrickserie kennen, haben Finnen mit den Büchern von Tove Jansson Lesen gelernt. Diese in exzellentem Finnisch geschriebenen und voller subtiler und witziger Wortspiele steckenden Bücher werden auch sechzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung von Generation zu Generation weitergegeben.

Seit den ersten Abenteuern sind die Finnen ganz vernarrt in die Nilpferd-Trolle. Das große Kaufhaus Stockmann (vergleichbar mit dem Berliner KaDeWe) räumt den Mumins seit den 1960er Jahren sogar eine eigene Verkaufsecke ein. Seitdem sind sie in allen Formen zu haben und werden zu stolzen Preisen verkauft. Neben dem Merchandising (die gesamte Inneneinrichtung einer Wohnung ließe sich ganz im Mumin-Look neu gestalten)  und der Zeichentrickserie gibt es seit 1992 auch die Muminwelt, die nicht nur Einheimische, sondern auch ausländische Besucher anzieht.

Die Kinderinsel

Allein die Anfahrt zum Park, der sich auf einer Insel vor der Küste der Kleinstadt Naantali befindet, ist schon Abenteuer pur. Ausgangspunkt für die Anreise ist der Marktplatz von Turku (ganz im Süden Finnlands), eine der größten finnischen Städte. Aus dem Fenster des Regionalbusses bietet sich auf der ca. 15 Kilometer weiten Fahrt der typische Anblick eines Randgebiets einer europäischen Großstadt: Billigsupermärkte, Tankstellen, an denen der Liter Diesel 1,50 Euro kostet, unverschämt teure Döner.

Am Ende der Straße, die mit Mumin-Schildern gepflastert ist, erscheint Naantali wie eine niedlich-ausgestorbene Siedlung, die entfernt an Louisina erinnert. Wenige Meter von der Sommerresidenz und der seit 60 Jahren stehenden Sauna des finnischen Präsidenten entfernt, öffnen sich schließlich die Tore des Mumin-Parks.

Die Muminwelt unterscheidet sich auf jede nur erdenkliche Art und Weise von Disneyland oder anderen Europarks. Hier findet man keine Attraktionen wie Achterbahnen oder Miniatureisenbahnen; es gibt lediglich einige Angebote für Kinder: Vorführungen, Kinderschminken und lebensgroße Mumins. Auch ist der Park lediglich im Sommer geöffnet, sodass wirtschaftliche Dimensionen à la Disneyland gar nicht erst erreicht werden. „Unser Ziel war es, das Tal der Mumins auferstehen zu lassen und keinen bloßen Vergnügungspark zu schaffen“, erklärt Ann-Karin Koskinen. Das vierstöckige Wohnhaus der Familie Mumin, das „von der traditionellen finnischen Bauweise inspiriert ist“, erscheint wie der wahr gewordene Traum aller Anhänger dieser Welt, seien sie groß oder klein. Einer der symbolträchtigsten Orte der Zeichentrickserie, der Leuchtturm, zu dem sich Papa Mumin zurückzieht, um seine Memoiren zu schreiben, ist der Lieblingsort der Angestellten und der meisten der jährlich 400 000 Parkbesucher.

Die Mumins sind Geschäft, aber in erster Linie Familienunternehmen. Sämtliche Entscheidungen, die in Bezug auf die Mumins getroffen werden, landen zunächst auf Sophia Janssons Schreibtisch. Sie ist die Nichte der Illustratorin und Vorsitzenden der Firma Oy Moomin Charakters Ltd. Von der Signatur ihrer Mails bis hin zu ihrem Büro, welches sich in einer der umgebauten Backstein-Fabriken Helsinkis befindet, steht alles bis ins kleinste Detail im Zeichen des Mumin-Universums.

„Einer amerikanischen Redensart zufolge“, führt Sophia Jansson zu ihrem Werdegang aus, „gibt es den Unternehmensgründer, dann eine zweite Generation, die das Unternehmen weiterentwickelt und schließlich eine dritte, die es entweder zerstört oder verkauft. Und ich gehöre zur zweiten Generation!“ Was Jansson zufolge die Verbundenheit der Finnen zu diesen Fabelwesen ausmacht, sei die Tatsache, dass sie einander so sehr ähneln: „Die Mumins lieben und respektieren die Natur in hohem Maße und dies ist eine sehr finnische Eigenschaft. Sie unternehmen Ausflüge in den Wald oder ans Meer, so wie viele Familien hier das auch tun.“

Das drolligste Aushängeschild Finnlands

Neben der Landschaft Lapplands, Death-Metal-Gruppen und Saunahütten sind die Mumins sicher das schönste Aushängeschild Finnlands. Und das nicht nur dank ihrer menschlichen Qualitäten und ihrer positiven Aura. Sondern auch, weil sie die Finnen ihr Leben lang begleitet haben und diese ihre Kindheitserinnerungen immer als Anhänger am Autoschlüssel mit sich tragen.

Erstaunlicherweise sind auch die Japaner, die an der Entstehung der Mumin-Zeichentrickserie zu Beginn der 1990er Jahre mitgewirkt haben, ein ähnlich enthusiastisches Publikum. Der Grund hierfür liegt in der Vergangenheit: „Finnland und Japan wurden während des Zweiten Weltkriegs beide stark zerstört“, erläutert Sophia Jansson. „In den 1950er Jahren hat sich anschließend eine sehr kreative Generation herausgebildet hat, zu der auch Tove Jansson gehörte.“ Das Unternehmen hat nach dem Reaktoren-Unglück im japanischen Fukushima im März 2011 ein steigendes Interesse für die kleinen Wesen verzeichnet. „Dies ist einerseits mit der Bedeutung von Naturkatastrophen im Leben der Mumins zu begründen, aber auch durch ihr immer optimistisches Wesen. Auf irgendeine Weise würden wir alle gerne in diesem utopischen Tal leben.“

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel-Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.