Lifestyle

Multikulturalismus geht in Sevilla durch den Magen

Artikel veröffentlicht am 4. April 2012
Artikel veröffentlicht am 4. April 2012
Von einer Bar in die andere und von Restaurant zur nächsten Bar ist ein Knochenjob für jeden Journalisten. Besonders in einer Stadt, in der acht von zehn Küchenchefs aus Südamerika kommen. Nach der geplatzten Immobilienblase in Spanien wurde die Gastronomie zur bevorzugten Branche für Einwanderer aus Lateinamerika.

Das Restaurant La Rana befindet sich an der Stadtgrenze von Sevilla. Nach einer Weile kommt ein Mitte 30-jähriger Venezolaner an meinen Tisch. Miguel Angel kam 2001 für ein Studium an einer Hotelfachschule in Barcelona nach Spanien. Er wollte mehr über die mediterrane Küche und europäische Kochmethoden lernen. Drei Jahre später landete er in Andalusien. „Die Menschen hier sind allem Neuen gegenüber sehr skeptisch“, sagt Miguel. „Integration ist nicht unbedingt ihre Stärke. Und das hat sich auch nach zwei Jahrzehnten nicht geändert.

Das Leben der Tatadas und Tapas

Ein venezolanisches Gericht aus aus Hühnchen, Avocado und Agavenchips“In Sevilla leben viele Bolivianer, Peruaner, Ecuadorianer und Brasilianer. Aber wir Venezolaner sind die jüngsten europäischen Migranten“, sagt Miguel. „Natürlich könnte ich mich zurückziehen und mich nur in ihren speziellen Kreisen aufhalten. So machen das beispielsweise die Leute beim Verein AVES. Aber ganz ehrlich, ich denke, ich brauche das nicht. Bolivianer und Ecuadorianer leben hier wirklich nach ihren ganz eigenen Regeln. Sie sind wahre Patrioten. Sie haben ihre eigenes Lebensmodell, Essen und Festivitäten.“ Die Lateinamerikaner mögen behaupten, sie seien gut integriert. Immerhin sprechen sie eine gemeinsame oder recht ähnliche Sprache. Aber es hat trotzdem den Anschein, als führten sie hier in Sevilla ein Doppelleben. Eines, das sie auf keinen Fall mit der iberischen Kultur verbinden wollen.

Miguels tägliche Routine folgt dem Rhythmus von traditionellen Tostadas – ein Stück knuspriges Baguette mit spanischem Schinken (auch bekannt als Jamon Serrano), mit Käse alias queso oder mit Tomaten – und Tapas (zum Mittag und Abendessen gleichermaßen), die sich seit der Krise einer hohen Beliebheit erfreuen. Bei Fusion Cooking, sagt er, ginge es darum heimischen Rezepten spanischen Geschmack beizufügen. So wie Arepa (Maischapati) zum Beispiel, die er benutzt, um den traditionellen Tapas etwas mehr Pfiff zu verleihen. Er ergänzt gebratenen Fisch (pescado frito), ein typisches regionales Gericht, mit Koriander und Zitronensaft, um dem Gericht seine lateinamerikanische Note zu geben. Ähnlich stolz ist Miguel auf seinen Reina Pepia Salat, der aus Hühnchen, Avocado und Agavenchips besteht.

Andrés kommt aus Lima. Er sagt, er fühle sich komplett in Sevilla integriert

Bolivien in Macarena

Willkommen in Macarena: Das bolivianische Ghetto liegt mitten im Herzen des Stadtteils und bleibt mit seinen Produkten dem Leben in den Bergen treu. Die sozialistisch anmutenden Häuser in dieser Gegend sind nicht gerade ein Hinweis darauf, dass ich bald im Herzen dieser lateinamerikanischen Gemeinde landen werde. Ich warte in der 'Restaurant'-Zone, ein Name, der leicht übertrieben scheint für das, was ich vorfinde. „Das war früher mal ein Vintage-Laden“, sagt Roman, von Beruf Maurer. Er bestellt einen Durazno-Sirup. In Spanien würde man stattdessen Pfirsich (melocotón) bestellen. Die Bolivianer nennen dieses Getränk Mogochinche. Seine Frische, ganz ohne chemische Zusätze, überrascht.

“Wir importieren die Früchte aus Bolivien”, sagt der Manager, Romulo aus Cochabamba. „Die kommen aus einer Höhe von 3000 Metern über dem Meeresspiegel. Wir trocknen sie, daher brauchen wir auch keine mineralischen Zusatzstoffe zu verwenden.“ Romulo kam 2004 nach Sevilla, um als Maurer sein Geld zu verdienen. Aber nach juristischen Schwierigkeiten machte seine Firma dicht. So musste er nach einem neuen Job Ausschau halten. Ab und zu half er seiner Frau in der Küche und erkannte, dass er ins Restaurantgeschäft einsteigen sollte.

Die Vielfalt auf Romulos Karte ist erstaunlich. „Natürlich sind alle Zutaten aus Bolivien. Fünf Prozent der Speisen werden nach den lokalen Traditionen meines Heimatorts Cochabamba zubereitet“, ergänzt Romulo. Ich sehe mich um. Die Mehrheit der Gäste sind Lateinamerikaner. 50 Prozent kommen aus Brasilien, Ecuador und Guatemala. Nur zehn Prozent sind Spanier. Sie entdecken Romulos kulinarischen Mix zumeist auf Empfehlung ihrer südamerikanischen Kollegen.

Kosmopolitisches Venezuela 

Arcelia und ihr Mann sind tatsächliche Kosmopoliten. José arbeitete für die Hotelkette Hilton in Venezuela und New York, bevor er die Taberna Macuro in der Nähe des Plaza des Cuba in Sevilla eröffnete. Hier, wo er bereits als Student gelebt und seine heutige Frau kennengelernt hatte. Ihr Restaurant ist ein echter Meltingpot der Kulturen, der ebenso visuelle als auch kulinarische Genüsse verspricht. Die große Taverne ähnelt einem Warenlager, in dem des Künstlers Farbpalette seine Gäste schon am Eingang begrüßt. Tatsächlich soll der Ort an ein Atelier erinnern. „Mein Mann liebte es schon immer, zu malen“, sagt Arcelia. Josés Bilder wurden bereits in Paris und New York ausgestellt. „Seit gestern hat ein Engländer eine Residence bei den beiden.“

Der Chefkoch, José Ballester, mit einer seiner Kreationen

Die Taberna Macuro stellt sich als wahrer Tempel des Multikulturalismus heraus. Genau das, wonach ich in Sevilla gesucht habe. Hätte ich Arcelia nicht getroffen, wäre ich nicht auf diesen idyllischen Platz gestoßen, der sich für eine Debatte über Multikulturalismus nahezu anbietet. Aber es gibt auch etwas zu essen. „Was unsere Küche betrifft, haben wir rein gar nichts erfunden“, erklärt Arcelia. „Unsere Freunde haben uns einfach Rezepte aus der ganzen Welt geschickt. Die Geheimnisse der japanischen Küche brachte mir der spanische Botschafter in Japan bei.“

Arcelia, die mit beiden Beinen im Leben steht, fügt hinzu, dass die meisten Kunden Touristen seien und Menschen, die ziemlich offen durch die Welt gehen. „Ich kann hier nur Wein aus Andalusien servieren“, gibt sie ein Beispiel. Die Leute von hier sind so konservativ. Sie wollten einfach nicht hören, als wir versuchten ihnen zu erklären, dass es auch andere Aromen als die aus Andalusien gibt.“

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2012.

Illustrationen: Teaserbild (cc)anikaviro/flickr; Im Text ©Agata Jaskot