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Mit dem Taxi durch Berlin

Artikel veröffentlicht am 3. September 2007
Artikel veröffentlicht am 3. September 2007
Pferdetaxi, Fahrradtaxi oder klassisch: in Berlin hat man die Qual der Wahl. Ich wähle das Letztere: einen beigen Mercedes mit gelb-schwarzem Taxischild auf dem Dach und Ledersitzen. Ziel der Fahrt: das Berlin von gestern, heute und morgen.

Berlin, Hauptbahnhof, 10.30 Uhr. Ich nehme neben Sabi Ginal Platz. Der Mittvierziger türkischer Herkunft kam in den 70er Jahren nach Berlin und durchquert seit 1992 die Hauptstadt Deutschlands mit seinem Taxi. Wir lassen den größten Kreuzungsbahnhof Europas hinter uns und tauchen ein in das nicht ruhende Berlin.

Seit den 70er Jahren hat sich Berlin sehr verändert. Damals traf er sich immer vor dem Reichstag mit seinen Freunden zum Fußball spielen. "Dat Jelände dort war ne riesige brachliegende Fläche", erzählt S. Ginal mit Berliner Akzent. Nach der Wende wurden diese einst grenznahen Gebiete bebaut. Fußball kann dort nicht mehr gespielt werden.

Wir erreichen das Brandenburger-Tor, Symbol der Deutschen Einheit. Beinahe jeden Tag findet hier eine Veranstaltung statt: von der Modenschau bis hin zum Volksfest. Als im November 1989 die Mauer fiel, versammelten sich hier hunderte von Menschen - unter ihnen Sabi Ginal. "Ick humpelte, da ick mir am Nachmittag beim Fuball verletzt hatte." Und dann wurden die Grenzen geöffnet und "vor uns Wessis lag dat unbekannte Ost-Berlin. Die Straßen waren in einem sehr schlechten Zustand und überall fuhren Trabis", erinnert sich Sabi Ginal und lacht, "dat stank grauenhaft. Die ham’ wa immer sofort überholt."

"Ah, da kommt der Ossi!"

Wir fahren in Richtung Gendarmenmarkt - einst im Osten Berlins - und nähern uns einer kleinen Idylle mit Cafés, Bäumen und einem Straenmusiker. Eine Seite des Platzes schliet das luxuriöse Hilton Hotel ab, das es bereits zu DDR-Zeiten gab, erzählt Sabi Ginal. "Damals aber sah hier alles noch janz anders aus. Janz Ost-Berlin lag im Dunkeln, es gab kene Straßenbeleuchtung. Damals kurz nach der Wende hatten wa Angst, wenn wa nen Fahrgast nach Ost-Berlin fahren mussten. Diese Angstjefühle sind aber heute verschwunden", erinnert sich Sabi Ginal. Nach der Wende wurden die Straen verbessert und die Gebäude saniert. "Heute bekommt man richtig Appetit hinzugehen; und den Ossi und den Wessi von damals, den jibt et heute och nich mehr", fügt er noch lachend hinzu.

In ganz Berlin verschwinden die Spuren der einstigen Teilung. Am Potsdamer Platz, damals eine Einöde durchtrennt durch die Mauer, sind in den letzen Jahren modernste Gebäude namhafter Architekten wie Renzo Piano aus dem Boden geschossen. Und wieder gab es einen Fußballplatz weniger für Sabi Ginal. Ob er denn all diese Veränderungen nicht auch schade findet? "Alles hat seine zwei Seiten, aber heute ist Berlin Hauptstadt von Deutschland und es war die richtige Entscheidung", und er fügt hinzu, "Berlin ist nun schön".

Wir gelangen zum Schlossplatz. Vor uns steht geschwächt das Skelett des Palasts der Republik, einstiges Symbol der DDR. Nach langer Diskussion ist heute noch immer unklar, was an diese Stelle kommt. Weder Schloss noch Palast, die heutige Mitte Berlins ist eine Bausstelle, über die ruhig in schwindelnder Höhe der Fernsehturm wacht.

"Kreuzberger Nächte sind lang"

Welches wohl das schönste Viertel Berlins ist? Schwer zu sagen. Sabi Ginal lebt in Schöneberg, im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute, die in Kreuzberg wohnen. Dort gibt es viele Kneipen und Döner-Buden und wie heit es so schön: "Kreuzberger Nächte sind lang. Erst fang’se janz langsam an. Aber dann, aber dann." Nein, er mag Schöneberg. Es liegt zentral und er hat hier immer schon gelebt. In Schöneberg gibt es vielleicht nicht so viele Kneipen, aber "da trinkt man eben einen Kaffee".

Wir sind am Alexanderplatz angekommen. Aufgrund seiner Geschichte verfügt Berlin heute nicht nur über zwei Stadtzentren - den Alexanderplatz und den KuDamm - oder zwei Opernhäuser, nein sogar Berlins Straennamen doppeln sich, klärt mich Sabi Ginal auf. "Dat muss man wissen, wenn ein Fahrgast zum Beispiel in die Eisenacherstrasse will. Ist es die im Osten oder die im Westen?" Meistens wollen seine Fahrgäste aber nur zum Kaufhaus La Fayette in der Friedrichstraße oder zum KadeWe am KuDamm und zur Ferienzeit geht es Richtung Flughafen. Sabi Ginal lacht, "ick fahr Leute gern zum Flughafen Schönefeld. Dat ist ne lange Strecke. Dat lohnt sich." 2011 soll der Groflughafen Schönefeld eröffnet werden. Da fährt man dann gut 40 Minuten. Und was wird aus dem legendären Flughafen Tempelhof? Ginal zuckt mit den Schultern. Das wurde noch nicht entschieden, aber vielleicht wird daraus ein Privatkrankenhaus. "Da kann man dann mit seinem Privatflieger jut landen", lacht er. Es scheint, dem einst geteilten Berlin sind heute keine Grenzen mehr gesetzt.

Es ist 11.12 Uhr, wir sind in der Oranienstrae angekommen. Während Sabi Ginal sich mit einem neuen Fahrgast einen Weg durch das rastlose Berlin bahnt, nehme ich Platz auf einer Terrasse und geniee im Kreuzberg der wilden Nächte einen Kaffee in der Sonne.

(Intext-Fotos: ©Judith Laub

Trabant in Kreuzberg: ©Schwellenreiter/flickr)