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Mein 2-Euro-Leben: Sich durchschlagen auf Französisch

Artikel veröffentlicht am 19. November 2013
Artikel veröffentlicht am 19. November 2013

Studenten, Arbeitslose oder Berufsanfänger leben oft nur über Geheimtipps und Kontakte. In Frankreich haben sie dafür ein recht gewieftes System entwickelt: das système D (D steht für se débrouiller, „sich durchschlagen“; AdR). Einblicke in dieses System gibt eine neue Web-Doku, deren Macher die verschiedenen Spielarten des 2-Euro-Lebens erkundet haben.  

Hat sich unser Blick auf junge Menschen durch die Finanzkrise verändert? Immer seltener hört man von der „verzogenen Jugend“, von „königlichen Kindheiten“ oder von Jugendlichen, „die alles wollen und zwar sofort.“ Die Web-Doku Ma vie à deux balles („Mein 2-Euro-Leben“; AdR) entlarvt solche Klischees und zeichnet Porträts von sechs jungen Menschen, deren Wünsche eigentlich recht bescheiden sind: sich mit vier Freundinnen ein Haus teilen, als Pärchen in der Natur leben, nur in einer einfachen Jurte, anderen helfen, seine Leidenschaften ausleben, eine Familie gründen.

Wie kommt die Butter aufs Brot?

Einige von ihnen haben studiert, andere haben noch nicht einmal das Gymnasium besucht. Jeanne, Morgan, Jeoffrey, Thibaut und ihre Mitstreiter sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft, werden dabei aber mit prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen konfrontiert und erleben ganz grundlegende Schwierigkeiten: Wo wohnen, was essen, wie gepflegt werden, wenn man krank ist? „Wir haben zwar keine finanziellen Mittel, aber das heißt nicht, dass wir überhaupt keine Mittel haben.“ Jeanne sieht die Situation ironisch. Mit ihren Mitbewohnerinnen bewirtschaftet die Studentin aus Clermont-Ferrand einen kleinen Garten und geht dumpster diving. In den Mülltonnen der Nachbarschaft findet sie schnell genug, um sich die Butter etwas dicker aufs Brot zu schmieren.  

Damit Ma vie à deux balles sich nicht nur in Erlebnisberichten verliert, zitieren die Macher auch Experten. Diouldé Chartier ist Vorsitzende einer Forschergruppe, die ein Projekt zum Thema gestartet hat. Auf diese Weise hat sie beobachtet, dass „viele Jugendliche sich heutzutage nicht mehr als vollkommen unabhängig sehen, eher als Teil kleinerer, gemeinschaftlicher Einheiten, in denen sie das in Umlauf bringen, was sie besitzen oder zu dem sie Zugang haben. WGs gibt es zwar schon lange, aber so langsam werden auch Mitfahrgelegenheiten immer beliebter. Auch Secondhandläden werden nicht mehr nur von Menschen ohne jegliche finanzielle Mittel genutzt.“

Die freuden der Hühnerzucht

Wer sich so durchschlägt, verfolgt wahrscheinlich einen von verschiedenen Ansätzen. So gibt es die eine Gruppe, die versucht, ihre eigenen Ausgaben immer weiter zu senken. Jeoffrey beispielsweise lebt in einem Wohnheim für junge Berufstätige, Morgan hingegen hat sich für eine Jurte entschieden, damit seine Miete so niedrig wie möglich ist. Julien kauft nur Secondhandklamotten. Thibaut isst und trinkt im Café eines gemeinnützigen Vereins. Und dann sind da noch all die, die aus dem, was sie besitzen, einen maximalen Nutzen ziehen und damit der Konsumgesellschaft ein Schnippchen schlagen. Jeanne zum Beispiel lebt von dem, was in den Supermarktregalen lieben bleibt, und Noémie sucht in ihrer Freizeit im Internet nach Schnäppchen aller Art.

Getreu dieser Philosophie des Teilens kreativer Ideen hat die Regisseurin Sophie Brändström ihre Website als Plattform konzipiert, auf der jeder Tipps, Tricks und gefundenes Fressen posten kann. So bekommt man beispielsweise im Repair Café Hilfe beim Reparieren seiner Alltagsgegenstände. „Do-it-yourself ist wie Kindererziehung, es geht um das Lernen am Beispiel. Man muss vormachen, wie etwas funktioniert,“ meint einer der Gründer des Repair Café.  

Auf eigene Kosten leben

Diese Plattform ist der echte Pluspunkt der Web-Doku, der es sonst – zwischen Lebensberichten und Expertenmeinungen – an einer klaren Linie fehlt. Ob man sich durchschlägt, hängt nämlich nicht vom Alter ab und auch nicht von der Finanzkrise. Denn Menschen mit geringem Einkommen, die sich irgendwie durch ihr Leben wurschteln, hat es schon immer gegeben. Die französische Soziologin Cécile van de Velde unterstreicht, was sich wirklich geändert hat. Neu sei das „relativ schwache Vertrauen junger Franzosen in die Gesellschaft, was sie immer häufiger dazu treibt, auf ihre eigenen Mittel zu vertrauen, auf ihre Netzwerke und ihre Fähigkeit, sich durchzuschlagen, mobil zu sein und schließlich auch Frankreich zu verlassen.“

Mentalitäten ändern sich und wer heutzutage recycelt, seine eigenen Hühner züchtet oder Secondhand-Klamotten trägt, wird nicht mehr schräg angeschaut. Das hängt sicherlich auch mit dem gestiegenen Einfluss von Gesellschaftstheoretikern zusammen, die nachhaltige Entwicklung, Solidarität und eine Philosophie des Teilens predigen. Diouldé Chartier glaubt, dass es „grundsätzlich gut ist, sich so durchzuschlagen. Aber irgendwann braucht man gefestigte Lebensverhältnisse. Denn wenn man sich in allen Lebensbereichen immer nur durchschlägt, hindert das einen daran, auch einmal irgendwo anzukommen.“