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Meet My Hood: Praga, Warschau

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2015

Praga ist abgefuckt. Hier gibt sich das Proletariat mit dem Lumpenproletariat die Kante. Praga ist die Suppenküche Warschaus. Gerüchte gehen um, dass sich nicht 'mal die Polizei nach Praga traut. Ach echt? Unser neuestes MeetMyHood aus dem Warschauer Viertel 'auf der anderen Seite'.

Das gute alte Praga hatte von Anfang an den Ruf weg, ein Viertel für (nicht unbedingt sehr sichere) Tauschgeschäfte und (nicht unbedingt sehr legale) Wirtschaftsdeals im kleinen Stil zu sein. Zum ersten Mal fand der Name des Viertels im 15. Jahrhundert Erwähnung. Damals handelte es sich aber noch um ein außerhalb der Stadt befindliches Dorf mit einem berühmt-berüchtigten Gasthaus und lokalen Kleinbanditen, die Praga ausmachten. Heute heißt die Hauptader des Viertels Targowa (Markt) und bildet das Tor zum Bazar Różyckiego - dem legendären Warschauer Markt - auf dem die Folklore von Praga auch heute noch hautnah zu erleben ist

In den letzten Jahren versuchten die städtischen Behörden das Image des Viertels abzurunden. Rund um die Arterie Ząbkowska streuen sich verschiedene kulturelle Plätze, Bars und Party-Locations. Die runtergekommenen, historischen Gebäude stehen zum Verkauf und erinnern an das Warschau der Vorkriegszeit, zumindest bis sie renoviert werden. In schmuddeligen Innenhöfen weisen NGO-Mitarbeiter einige Kulturschaffende in die Arbeit ein. Ihr Hauptziel ist es, das Viertel Praga und dessen Bewohner zu promoten. Aktuelle Polizeiakten bestätigen aber, dass es heutzutage genauso wahrscheinlich ist, in Wola ausgeraubt zu werden oder downtown in Śródmieście in eine Schlägerei verwickelt zu werden. In einem Wort - Praga hat sich verändert - zum Besseren.

Ein Mentalitätswandel hat stattgefunden. Obwohl der alles andere als einfach war. Immer noch gelten Bilder von zahnlosen Magermenschen, die sich einen Wodka in den Tiger-Energydrink schütten, als typische Postkartenansicht aus Praga. Auf der linken Seite der Vistula, dem Fluss der das Warschauer Zentrum von Praga trennt, verdreht man die Augen beim Gedanken "die falsche Seite des Flusses" aufsuchen zu müssen und vertreibt sich die Zeit lieber im zentrumsnahen Etepetete-Powiśle.

Natürlich ist Praga weiterhin voller Pforten und dunkler Nachkriegshinterhöfe mit Statuetten der heiligen Jungfrau Maria und schäbigen Gestalten. Aber viel mehr ist es ein kauzig-kultiges Viertel mit einmaliger Atmosphäre, das viele Fans aus der polnischen Hauptstadt anzieht. Die Kreativität liegt förmlich in der Luft. Das örtliche Kulturschaffen wird wohl auch die hauptsächliche Waffe im Kampf für eine bessere Zukunft sein.

Praga-Preise

Gesichter aus Praga

Postkarten aus Praga

Adressen in Praga

Muzeum Pragi - ul. Targowej 50/52

Muzeum Neonów – Privatinitiative von Ilony Karwińskiej & Davida Hilla zum Schutz und der Dokumentation historischer Neonplakate aus der Warschauer Nachkriegszeit. SOHO Factory.

Bazar Różyckiego – Es gibt wohl keinen besseren Ort in Warschau, um mit der Praga-Urbevölkerung in Kontakt zu kommen. Am besten kommt ihr auf den Markt über die Ulica Targowa Ecke Ulica Brzeska. Oder ihr nehmt einfach die Metro-Linie 2 bis zur Haltestelle Dworzec Wileński.

Ząbkowska (Opary Absurdu, Łysy Pingwin, Bal Bar) – Gutes Bier findet ihr in Bars wie dem 'Absurden Rauch' oder im 'Kahlen Pinguin'. Und wenn's mal ganz hipp ein veganes Dinner mit einem Gläschen griechischem Wein sein soll, dann ab in die 'Bal Bar'.

Fabryka Wódki Koneser – Koneser, eine ehemalige Wodkafabrik, gehört zu den wunderschönen neogothischen Bauten, die Warschau zu bieten hat. Viele dieser Gebäude wurden zu modernen Lofts für Großstädter umfunktioniert. Aber zum Glück nicht alle. In dieser Location hat die Wodkafabrik einen kulturellen Treffpunkt mit Museum und Bar geschaffen, in dem man ohne Probleme bis in die frühen Morgenstunden versacken kann.

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Dieser Artikel ist Teil des neuen cafébabel-Projekts Meet My Hood, das euch mit in die Kieze der europäischen Metropolen nimmt.