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Meet My Hood: Paris/ Faubourg Saint-Denis

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2015

Faubourg Saint-Denis ist der absolute Hot Spot der Pariser Gentrifizierung. Hier reihen sich seit Neuestem Bio-Burger Restaurants, in denen Menschen mit Vollbart an hausgemachten Cocktails nippen. Doch das Viertel, über deren Pflaster heute Hipster-Turnschuhe flanieren, hat Geschichte. Ein Rundgang zwischen Dönerbuden, Gemüsehändlern, Tauben… und Menschenmassen.

Zu allererst ein Tipp: Vorsicht mit den Tauben, wenn ihr in die Rue du Faubourg Saint-Denis im 10. Pariser Arrondissement einbiegt. Kommt ihnen unter ihrem Triumphbogen an der Porte Saint Denis bloß nicht zu nahe, sonst könntet ihr einige Federn lassen. Weiter geht’s kopfschüttelnd vorbei an dem Typen, der Flugblätter für irgendwelche Peep-Shows verteilt, fast stolpert man anschließend über den Div-X-Stand des Inders und den Obdachlosen, der immer betrunken vor dem Carrefour liegt. Nun geht es auf die andere Straßenseite, wo zwei senegalesische Omas ihre Kassenbons vergleichen. Später hält man sich das linke Ohr zu, weil der Obst- und Gemüsehändler einem total günstige Erdbeeren ziemlich laut anpreist, später die Nase, um nicht die Pisse von den Mauern der Schule einzuatmen. Die Rue du Faubourg Saint-Denis bedeutet ein ständiges Zickzack. 15 Minuten für gerade mal 100 Meter. 

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Der Bauch von Paris

Fast braucht man eine offizielle Erlaubnis, um sich in dieser Straße fortbewegen zu dürfen. Wenn ich von meiner Wohnung aus losgehe, setze ich absichtlich keine Kopfhörer auf, damit mir nichts entgeht. Und manchmal, wenn ich mich endlich durchgewühlt habe, drehe ich mich staunend um, um das Spektakel nochmals einzusaugen. Es ist gerade einmal viertel vor zehn und schon ist der Teufel los. Auch die Zeit hat dieses Phänomen nicht abgeschwächt. Vor vier Jahrhunderten soll es hier schon so laut zugegangen sein.

Der Triumphbogen, die Porte Saint-Denis, erinnert bis heute daran, dass die Rue du Faubourg Saint-Denis vor langer Zeit noch außerhalb von Paris lag, mitten im so genannten „faux bourg“ (Falschmarkt). In diesem Herumtreiberviertel herrschte eine Art Parallelgesellschaft, die sowohl die Folklore als auch den Bauch von Paris eines gewissen Emile Zola inspirierte. Heute werden die fliegenden Händler aus Zolas Zeiten von den Primeurs (Obst- und Gemüseläden) und Menschen aus aller Welt ersetzt. Geschätzt verweilen im Viertel Menschen aus mehr als 130 Ländern, darunter Inder in den zahlreichen Häuserpassagen, Afrikaner in den Friseursalons, Pakistaner in den kleinen Läden, Türken in den Restaurants und Kurden bei Demonstrationen. 

In den letzten Jahren fiel das Viertel dem Übel des Jahrhunderts zum Opfer: der Gentrifizierung. Mehr als anderswo in der Stadt wird das 10. Arrondissement zukünftig wohl nur noch von jungen Hipstern kolonisiert werden. Mit französischen Cocktails und glutenfreiem Brot vertreiben sie die anderen Communities weiter in den Norden: übrig bleibt die ewig weiße Elite in hippen Sneakers.

Da ist was Wahres dran. Aber das ist vor allem auch die Meinung einer literarischen Intelligenzija, die sich selbst gern aufs Korn nimmt. Es gibt so viele Klischees über die Mauern dieses Viertels. Klischees, die junge Menschen aber auch aushebeln können. Mit einem Lachen.

Die Nachbarn

Die Preise

Die Location

Die Leute

 

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Dieser Artikel ist Teil des neuen cafébabel-Projekts Meet My Hood, das euch mit in die Kieze der europäischen Metropolen nimmt.

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[BONUS] In der Reportage versteckte Adressen:

Le Sully (Bar), 13 rue du Faubourg Saint-Denis

Le Daily Syrien (Snack), 55 rue du Faubourg Saint-Denis

Hutch (Restaurant), 63 rue du Faubourg Saint-Denis

Paris-New-York (Restaurant), 50 rue du Faubourg Saint-Denis

Le Mauri7 (Bar), 46 rue du Faubourg Saint-Denis

Chez Jeannette (Bar), 47 rue du Faubourg Saint-Denis

Les Légumes de Saint Denis (Obst/ Gemüse), 33 rue du Faubourg Saint-Denis

Diarry coiffure (Frisör), 8, rue Gustave Goublier

Le Napoléon (Bar), 73 rue du Faubourg Saint-Denis