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Meet My Hood: Le Chapitre, Marseille

Artikel veröffentlicht am 20. März 2017
Artikel veröffentlicht am 20. März 2017

Im Herzen von Marseille begegnet man auf dem Place des Réformés und den angrenzenden Straßen vielen Menschen mit einem flotten Mundwerk. Manchmal muss man zwischen den Zeilen lesen können, um die Geschichte des Chapitre zu verstehen. Unsere Reihe Meet My Hood verschlägt es diesmal nach Südfrankreich.

Abends, so heißt es, sollte man sich besser nicht dort herumtreiben. Am Tage jedoch erweckt das Viertel Le Chapitre den Anschein eines kleinen Dorfes. Wie jeden Dienstagmorgen nehmen bunte Blumen, sonderbar geformte Zwergkakteen und aromatische Kräuter der mediterranen Küche den Place des Réformés in Besitz. Und jedes Mal ist es das Gleiche: Ich umrunde den Springbrunnen, laufe an den gut besetzten Terrassen der Brasserie Les Danaïdes und der Grand Bar du Chapitre vorbei und lasse mich zu einem Strauß Mimosen für drei oder einer Sukkulente für einen Euro hinreißen. Dann werde ich angesprochen - von dem Händler, einem Passanten, Kellner, Stadtstreicher, Nachbarn oder einem gänzlich Unbekannten. Das ist immer so. „Man hat tatsächlich das Gefühl, dass sich alle kennen“, gibt Mathieu zu, während er mit einer Kundin übers Gießen spricht. „Die Leute hier reden gerne. Und nicht nur über belanglose Dinge“, bestätigt Anne-Marie, die, durch unsere Fotokamera neugierig geworden, ein Gespräch beginnt.

Im Chapitre begegnen sich alle: Bürgerliche vom anderen Ende des Boulevard Longchamp, mittellose Studenten auf der Suche nach einem bezahlbaren Drink, leitende Angestellte mit Kinderwagen, demonstrierende Kurden, grübelnde Jugendliche, Entspannung suchende Arbeiter, Obdachlose, die neben dem Kiosk ihr Lager aufgeschlagen haben, Rentner, die ihre Besorgungen erledigen, Einheimische und Wahl-Marseiller, die es in die Innenstadt zog. „Es ist wie eine große Kreuzung“, erklärt Stéphane, der 15 Jahre in dieser Gegend gewohnt hat. Hier, wo sich die Wege kreuzen, ist in fünf bis zehn Minuten alles möglich: einen Zug am Bahnhof Saint-Charles erwischen, Einkäufe auf der Canébiere oder an den Marktständen des Noailles-Viertels tätigen, sich mit Freunden in den belebten Viertels la Plaine und Cours Julien treffen, ja sogar das Meer und die Schiffsmasten im Alten Hafen kann man sehen.

Doch scheint sich das Viertel innerhalb kurzer Zeit stark gewandelt zu haben. So wie ein großer Teil der Marseiller Innenstadt haben auch seine Hauptverkehrsadern, die Canebière und der Boulevard Longchamp, in den letzten Jahren ein Lifting erhalten. Seit 2008 fährt eine moderne Straßenbahn inmitten der kürzlich renovierten Haussmann’schen Gebäude. „Alles hat sich verändert, auch die Menschen haben sich verändert“, so Néné, der sich mit den Ellenbogen auf dem Tresen der Grand Bar du Chapitre aufstützt. „Früher gab es einen Weihnachtsmarkt, Krippenfiguren ...“, schaltet sich die Kellnerin hinter ihrer Theke ein. „Jetzt sind überall Kneipen ... Aber das ist nicht unbedingt schlechter“, fährt ihr Kunde und Freund fort und schlägt vor, ein Bier mit ihm zu trinken. Andere sind sogar froh, dass das Chapitre von früher der Vergangenheit angehört. „Nur alte Nörgler trauern einem Bourgeoisie-Viertel nach“, wirft Anne-Marie ein, erfreut darüber, sich zu dem kosmopoliten Ort, an dem sie gezogen ist, äußern zu können.   

Aber die Nacht, so sagt man, sei hier früher „was anderes“ gewesen. „Sie haben die Rotonde der damaligen Zeit nicht gekannt! Das war ein Treffpunkt der Künstler, in der Rue du Coq, da gab es nichts als Künstler“, erinnert sich Néné, der seit 40 Jahren in dem Viertel lebt und bei dem Gedanken an das Chapitre vergangener Zeiten sichtlich nostalgisch wird. Heute erzählen dieselben Straßen nachts eine andere Geschichte, die der Freudenmädchen und Transvestiten, die den Bürgersteig bevölkern. Übrigens rät man mir, nachts nicht mehr alleine nach Hause zu gehen. Jaqueline, schwarz gefärbte weiße Haare und eine Einkaufstasche in der Hand, hat mich gewarnt. Sie kennt Leute, die „schlechte Begegnungen“ gemacht haben. Doch ich gehe weiter, dort entlang, wo die Mädchen sind, damit ich mich in der Dunkelheit weniger alleine fühle. Laurie, eine Studentin, die seit September 2015 hier wohnt und seit zehn Minuten auf der Terrasse des Longchamp Palace sitzt, macht das genauso. Diese Nachtvögel sind sogar zu „Freundinnen“ geworden. „Ich unterhalte mich gerne mit den Prostituierten. Es ist eher so, dass ich mich dann unsicher fühle, wenn sie nicht da sind“, bemerkt sie. Laurie weiß, dass sich manchmal dubiose Dinge vor ihrer Haustür abspielen. Sie zieht an ihrer Zigarette und fragt: „Weißt du, was in der Bar des Héros passiert ist? Man denkt, dass der Wirt erschossen wurde.“

Eines ist im Chapitre sicher: Ob man nun im Longchamp Palace einen Picon trinkt, im Nour ägyptisch bruncht, auf die Straßenbahn, den Bus oder die Metro wartet, bei einer Runde Tischfußball im Mounguy Druck macht oder in der Casa Consolat singt – die Bewohner haben immer eine Geschichte zu erzählen, wenn man sich die Zeit nimmt, ihnen zuzuhören.

Die Nachbarn

Die Preise

Die Leute

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Die Adressen

Longchamp Palace (Bar/Restaurant), 22 boulevard Longchamp

Mounguy (Bar), 10 rue Consolat

Casa Consolat (Begegnungszentrum), 1 rue Consolat

Grand Bar du Chapitre (Bar), 4 rue Consolat

Nour d'Egypte (ägyptisches Kulturzentrum/Restaurant), 10 rue Bernex

Fetouche (Restaurant), 148 la Canebière

Green Bear Coffee (Bar/vegetarisches Bio-Schnellrestaurant), 123 la Canebière

Musikpavillon, place Léon Blum

Pepinière Bonventre (Blumenhändler), dienstag- und samstagmorgens auf dem Place des Réformés

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Dieser Artikel ist Teil des neuen cafébabel-Projekts Meet My Hood, das euch mit in die Kieze der europäischen Metropolen nimmt.