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Meet My Hood : La Belle de mai, Marseille

Artikel veröffentlicht am 12. Februar 2018
Artikel veröffentlicht am 12. Februar 2018

Das Viertel Belle de Mai in marseille hat einen schlechten Ruf. Dabei passiert hier kulturell Einiges und die Bewohner sind immer für eine kleine Plauderei zu haben. 

Laut Statistiken ist Belle de mai „Frankreichs ärmster Stadtteil“. Und die Medien greifen diese Schockmeldung immer wieder gerne auf. Im 3. Arrondissement von Marseille aber nervt dieser Ausdruck viele, auch wenn niemand bestreitet, dass es Schwierigkeiten gibt: Arbeitslosigkeit, Gesundheitsschädlicheit, Mittellosigkeit und Vernachlässigung durch die örtlichen Behörden. Xavier, ein junger Spanier, der vor drei Monaten für seinen Europäischen Freiwilligendient nach Belle de mai kam, stellt fest: „Es reicht, einfach mal durch das Viertel zu laufen, dann fällt es einem schon auf.“ Die knapp fünfzehnminütige Strecke, die vom lauten Boulevard National zum ruhigen Kulturpol Friche führt, gibt ihm recht. Beim Spaziergang durch die kleinen, gewundenen Gassen springen die zahlreichen baufälligen Fassaden deutlich ins Auge. Trotzdem fordern uns alle Anwohner, denen wir auf dem Weg begegnen, auf, einen Blick hinter die Risse und die sensationsheischenden Zeitungstitel zu werfen.

Friseur Nicolas hat den Beruf von seinem Vater geerbt und ist nicht zu bremsen, wenn es um das Viertel geht, wo er aufgewachsen ist und arbeitet. Er warnt: „Ich werde nicht schlecht darüber reden“. Seit seiner Kindheit beobachtet er, wie das Viertel ärmer wird. Im letztem Jahrhundert beherbergten die Straßen zahlreiche Fabriken, Arbeiter und dockers, die den ökonomischen und politischen Wohlstand sicherten. Doch diese Zeiten sind vorbei: Die Manufakturen haben dichtgemacht, die Arbeiter wurden entlassen, verließen das Viertel und andere Einwohner und Händler machten es ihnen nach. „Früher war die Straße der Belle de mai eine der betriebsamsten von Marseille! Man konnte hier alles finden“, erinnert sich der Scheren-Fachmann mit dem perfekt gestutzten Bart. „Heutzutage gibt es viel weniger Geschäfte und die Leute aus dem Stadtzentrum kommen nicht mehr zu uns, um ihre Einkäufe zu erledigen“. Trotzdem ist das Viertel immer noch gesellig, die Anwohner kultivieren die für die früheren Händler so typische Kunst der Plauderei. „Wenn ihr den Vormittag mit mir verbringt, werdet ihr sehen, dass immer jemand reinkommt, um sich zu unterhalten“ erklärt Nicolas, während er sich auf seinem grauen Sitz dreht. Lucie, die seit dreieinhalb Jahren in Belle de mai wohnt, bestätigt dies: „Man hat eine wirkliche Beziehung zum Metzger, Bäcker, Gemüsehändler... Es ist ein bisschen so wie bei einem Nachbarschaftstreffen: Man plaudert, man hilft sich gegenseitig… Das ist sehr herzlich und dadurch, dass sich alle kennen, gibt es auch eine starke soziale Kontrolle“. 

Die junge Doktorandin hat sich im 3. Arrondissement niedergelassen, weil sie hier für nicht allzuviel Geld eine große Wohnung mieten kann, und weil sie die Stimmung hier mag. „Ich mag es, nicht im Zentrum von Marseille zu sein, das Fahrrad nehmen zu müssen, um dorthin zu kommen, und dass es ruhig ist, wenn ich nach Hause komme“, erklärt sie und zeigt auf ihren Garten. Ganz im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Image des Viertels als „arm und volkstümlich“, verbreitet Belle de Mai mit seinen niedrigen Gebäuden, seinen schönen Häusern mit bunten Fensterläden und seinen Gässchen manchmal eine fast schon ländliche Atmosphäre. Gabriella, die seit einigen Monaten mit Lucie zusammenwohnt, sieht das genauso: „Hier ist es ein bisschen so, als sei man in der Provinz, man hört die Vögel... Man ist nicht im Chaos des Stadtzentrums.“

Während die beiden Fahrradfans Lucie und Gabriella voll auf ihre Kosten kommen, beißen andere, die keine Lust auf Strampeln haben, die Zähne zusammen und zwingen sich beim Warten an der Bushaltestelle zur Geduld. Auf dem Marseiller Fahrplan der öffentlichen Verkehrsmittel ist Belle de Mai zwar nur etwa zehn Minuten vom Bahnhof Saint-Charles entfernt, aber das Viertel erscheint trotzdem als no man's land: Umringt von der Straßenbahn, der Metro und der Bahn, fährt nichts dorthin, außer täglich drei Buslinien. Das ist einer der Gründe, weshalb Lola, eine junge Frau in ihren Zwanzigern, mehr in Richtung Zentrum ziehen will: „Das Viertel ist schlecht angebunden, wenn man kein Auto hat, ist das wirklich nervig...“ Nicolas, Koordinator von Gyptis - dem Kiezkino, das für sein Programm 2016 von der französischen Filmförderungsbehörde CNC ausgezeichnet wurde - bedauert ebenfalls den Mangel eines nächtlichen Verkehrsnetzes. Denn so werden Bewohner anderer Viertel davon abgehalten, zu Filmvorführungen oder zum Ausgehen nach Belle de Mai zu kommen. „Das ist schade, denn hier passieren viele Dinge“, bedauert der Filmfan, bevor er die Namen aller sich im Viertel befindenden kulturellen Einrichtungen aufzählt. 

Da gibt es zum Beispiel das von einem Verein geführte Restaurant Cantine du Midi, Les Brouettes, das Büchertauchbörsen organisiert, der Kultur- und Hobbyraum Chapiteau, das Kollektiv Ambassade Turfu, bestehend aus Architekten, Landschaftsgestaltern und Künstlern… und natürlich die unvermeidliche Friche, eine Art Künstlerfabrik. Manchmal kritisiert wegen seines mangelnden Engagements im Viertel, ist der große Kulturkomplex eine Ausnahmeerscheinung in der Region. Friche bietet alles: Ausstellungsräumen, ein Theater, einen Klub, ein Restaurant, Aufnahme- und Radiostudios, Picknicktische, eine riesige, 8 000 m² große Dachterrasse, einen Basketballplatz, einen Skatepark, eine Kletterwand usw. Seit ihrer Eröffnung 1992 hat die alte Marseiller Tabakmanufaktur viele Angestellte, Künstler, Freiwillige sowie ein neues Publikum angezogen – jährlich kommen rund 300 000. 

Nicolas frisiert seit einigen Jahren übrigens mehr und mehr Köpfe, die man im Viertel vorher kaum gesehen hat: Die der bobos, Möchtegern-Bohemiens aus dem Bürgertum, die sich von den attraktiven Immobilienpreisen verführen lassen. Und die der jungen Leute, die im kulturellen oder technischen Bereich arbeiten. Trotz des schlechten Rufs seines Viertels bleibt Nicolas zuversichtlich: „Ich könnte das Doppelte verdienen, wenn ich mich in einem anderen Viertel niederlassen würde. Aber ehrlich gesagt habe ich jede Menge Projekte, die ich mich nirgendwo anders verwirklichen sehe.“

Gegenüber von seinem Geschäft, auf der Place Cadenas, wo die Verkäufer ihre Waren beobachten, haben Bernard und Catherine kurzfristig kein anderes Ziel, als die Produkte, die sie gerade auf dem Markt gekauft haben, zu genießen, und langfristig, von ihrer Rente zu profitieren. Und das, erklären sie, würden sie „für nichts auf der Welt“ woanders machen. Eine Straße weiter und ein paar Jahre jünger, sieht auch Lucie sich nicht in einem anderen Viertel Marseilles wohnen. Warum gerade Belle de mai? Eine Kundin von Nicolas, die in ein anderes Viertel umziehen musste, gibt die Antwort: „Wenn ich aus dem Fenster meiner Wohnung schaute, dann war es draußen vielleicht ein bisschen hässlich, nicht sehr sauber, aber wenigstens war es lebendig“. Ganz einfach. 

Die Nachbarn

Die Preise 

Die Köpfe

Was man in Belle de mai nicht verpassen sollte:

Le Gyptis, Kino, 136 rue Loubon

La Cantine du Midi et la Drogheria, Gemeinschaftlich geführter Feinkostlanden und Restaurant, 36 rue Bernard

Le Chapiteau, Kulturort, 38 traverse Notre Dame

L'Embobineuse, Veranstalltungssaal, 11 boulevard Boues

L'ambassade du Turfu, 3 rue Raymondino

La Friche, Kulturort, 41 rue Jobin

Les Grandes tables, Restaurant, 41 rue Jobin

Le Cabaret aléatoire, Klub/Konzertsaal, 41 rue Jobin Le Comptoir de la Victorine10 Rue Sainte-Victorine

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Dieser Artikel ist Teil der cafébabel-Serie Meet My Hood zu euren Vierteln in europäischen Metropolen. Hier mitmachen, wenn ihr eure Hood vorstellen wollt!

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Dieser Artikel wurde durch die Fondation Hippocrène ermöglicht.