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Meet My Hood: Flagey, Brüssel

Artikel veröffentlicht am 17. November 2017
Artikel veröffentlicht am 17. November 2017

Im Südosten Brüssels vereint der größte Platz der Hauptstadt gleich mehrere Eigenschaften: Der Place Flagey ist sowohl modern, historisch, festlich als auch multikulturell und markiert das Zentrum eines Viertels, das trotz Gentrifizierung authentisch bleibt. 

Flagey befindet sich mitten in Ixelles, das zwar fernab vom historischen Zentrum der belgischen Hauptstadt liegt, dafür jedoch umso näher am Herzen der Geschichte Brüssels. Die Seele von Flagey ist eine Verkehrskreuzung. Hier münden einige strategische Achsen wie zum Beispiel die Chaussée d’Ixelles und die Rue Lesbroussart in den bekannten Place Flagey mit seinem modernen Glasdach über der Bus- und Tramhaltestelle. 

Bobos und Pommes

Doch in Flagey gibt es nicht nur Busse und Straßenbahnen. Studierende, EU-Abgeordnete, Touristen auf Pommessuche, Anwohner jeder Schicht und Herkunft: alle tummeln sich unter der Woche auf dem Platz. Am Wochenende ändert sich die Atmosphäre, dann ist Markt. Die Bewohner von Ixelles kommen, um einzukaufen, aber auch (oder vor allem?) um gemeinsam mit Freunden ein Dutzend Austern und einige andere Gerichte aus allen Ecken der Welt vor den Foodtrucks zu genießen. 

Céline, Verkäuferin von Eiern und Frischkäse, arbeitet schon seit langem auf dem Markt und erzählt: „Der Markt und die Menschen haben sich in den 25 Jahren wirklich verändert. Die Leute sind viel bürgerlicher. Außerdem herrscht am Samstag eine andere Stimmung als am Sonntag. Am Samstag kommen die Leute fürs Geschäft, sie wollen nur ihre Einkäufe machen. Am Sonntag flanieren sie und nehmen sich mehr Zeit. Vor allem seit es die Foodtrucks gibt, bleiben die Leute bis zum Nachmittag und treffen sich mit Freunden... naja, wir nicht!“ Sie lacht.

Flagey ist berühmt für seine Pommes Frites: „Frit'Flagey“ ist eine Institution, selbst nach der Renovierung von 2008. Der Platz ist auch bekannt für den „Dampfer“ („paquebot“), vormals Haus des Radios, heute befindet sich ein Kulturzentrum darin. Flagey, das sind außerdem seine Straßenbahnen und legendäre Bars wie das „Pantin“ und das „Belga“. Mittlerweile wird Flagey endlich auch für seine kulturelle Vielfalt anerkannt. So vertraut uns Martine, 61 Jahre und Inhaberin einer Boutique-Werkstatt für Vintagemöbel, begeistert an, dass sich „die Leute grüßen“. Und für die 48-jährige Restauratorin Rosalba bedeutet dieser Ort Freiheit. Sie sind sich einig, dass Flagey ein unglaublicher melting pot innerhalb der europäischen Hauptstadt Brüssel ist.

Für Max, Mitglied von Communa, einem Verein zur Instandsetzung unbewohnter Orte in Brüssel, bleibt diese Vielfalt oberflächlich. Es lässt sich tatsächlich leicht feststellen, dass die einzelnen Gemeinschaften sich nicht durchmischen. Jede Anwohnerschaft hat ihre eigene Ecke am Platz. So sind in Richtung des Sees und dem Belga Hipsterhorden zu finden, während die andere Seite eine weniger gut situierte Bevölkerung anzieht. Jedem seine Bank, jedem seine Ecke.

„Flagey ist eigentlich Brüssel“

Die Mitarbeiter von Frit'flagey sind zu schüchtern, um sich filmen zu lassen, aber sie erzählen uns: „Flagey ist eigentlich Brüssel.“ Und vielleicht haben sie damit sogar recht. Der Platz ist durch die Austrocknung des nördlichen Teils des großen Teiches 1856 entstanden, dort, wo heute Maelbeek ist. Er hieß früher Place Sainte Croix, benannt nach dem sich gleichnamigen Hospiz. Der damalige Bürgermeister Eugène Flagey veranlasste schließlich im Jahr 1937 ganz bescheiden die Umbennung des Platzes in seinen Namen. Zwanzig Jahre darauf öffnen die Brüder Delhaize an diesem Ort den ersten Selbstbedienungsladen Belgiens.

Die kürzliche Renovierung des Platzes bezeugt die „Brüsselisierung“ der Stadt. Vormals diente der Ort als Parkplatz und das ganze Viertel, insbesondere die Rue Gray, litt unter Überflutungen. Seit 2003 gab es dann Maßnahmen für ein „Unwetterbecken“ und zur Umnutzung des Parkplatzes, was viele Anwohner wütend machte. Man forderte mehr demokratische Mitbestimmung. Es sollte schließlich sechs weitere Jahre dauern, bis der Platz mit viel Pomp wieder eingeweiht wurde.

Seither spricht man von einer „Renaissance“ des Viertels: Der an zwei Tagen stattfindende Markt, der Weihnachtsmarkt, aber eben auch besondere Veranstaltungen wie etwa Demonstrationen oder Konzerte, z.B. das von Stromae belebten das Viertel neu. Den Anwohnern, die wir getroffen haben, ist die Umgestaltung ziemlich egal. Sie sprechen viel lieber über das lockere Leben, das Kulturzentrum, die Spaziergänge am See von Ixelles oder die Gentrifizierung des Viertels. „Man kann sagen, dass es sehr bio ist“, fasst Youssef, 56 Jahre, zusammen. Es bleibt also die Frage: Kann man Flagey in eine Schublade stecken?

Die Nachbarn

Die Preise

Die Köpfe

Die Orte (von Marjolaine, einer langjährigen Anwohnerin)

Restaurant Ami rue lesbroussart 13: „Vegetarisch, super Service, schlichter Stil, und vor allem super Gerichte: Miniburger mit Quinoasalat oder einem Anderne, leckere Desserts.“

L'amère à boire : rue du belvédère 8: „Ohne Frage meine Lieblingsbar im Kiez. Große Auswahl an belgischen Biersorten (zehnmal mehr als im Belga), die Bedienung ist super gechillt, donnerstags geht ein Teil der Einnahmen an einen Verein, die Musik ist immer sehr cool, im Winter ist es sehr warm und kuschelig: einfach toll.“

Pastelaria garcia avenue de la couronne 75: „Unglaublich gute pasteis de nata, kleine Sandwichs mit Schwein und leicht süßem Senf, guter Kaffee.“

PTYX rue lesbroussart 39: „Bücherei mit schöner Comicfassade, vielseitige Auswahl aber mit gehobenen Preisen, sehr ruhig, originell.“

Bäckerei La fleur du pain, place Flagey: „Beste Bäckerei Belgiens, super leckeres Olivenfladenbrot, leckeres Buttercroissant und traditionelles Baguette, genial.“

Restaurant les super filles du tram rue lesbroussart 22: „Offenbar die besten Burger in Brüssel. Man muss zwar reservieren, aber es ist sehr lecker und gemütlich.“

Le petit canon rue du Hénin 98: „Meine liebste Weinbar (ein Glas für zwei Euro), klasse Stimmung, schönes Dekor, leckeres Knabberzeug, vor allem die Oliven, exzellente Preise und sehr gute Krüge.“

Le pantin, bar chaussée d'ixelles 355: „Wirklich das kleine Hauptquartier, in dem man ein bisschen schwitzt, da sie die Heizung immer zu hoch drehen. Aber die Stimmung ist familiär, es gibt Gesellschaftsspiele, große Sessel wie man sie gerne hat, Snacks rund um die Uhr zu kleinen Preisen, ein bisschen studentisch aber nicht nur, gute Mischung, für das Viertel lange geöffnet.“

Les petits riens chaussee d'ixelles 304: „Äquivalent zum Emmaüs, immer gut um etwas je nach Saison zu ergattern.“

Dolma chaussee d'ixelles 329: „Restaurant mit Buffet. Ein bisschen teuer, aber es lohnt sich wirklich für die Qualität der Zutaten, all-you-can-eat und vegetarisch.“ 

Le Belga, Bar und Institution an der Place Flagey.

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Dieser Artikel ist Teil der cafébabel-Serie Meet My Hood zu euren Vierteln in europäischen Metropolen. Hier mitmachen, wenn ihr eure Hood vorstellen wollt.