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Meet My Hood: Exarchia, Athen

Artikel veröffentlicht am 15. März 2016
Artikel veröffentlicht am 15. März 2016

In dieses historische Viertel von Athen traut sich noch nicht mal die Polizei. Hier schlägt das „Anti-establishment“-Herz der Stadt. Gleichzeitig verwandelt sich Exarchia vom Symbol der Anarchie zu einem trendigen Ort. Dennoch lebt hier der besondere Geist weiter, der die Gegend jahrzehntelang charakterisiert hat. Willkommen in der Heimat der „urban resistance“.

Wenn man der Solonos Straße folgt, findet man sich nicht weit vom zentralen Syntagma-Platz in den Gassen eines der alternativeren Viertel Athens wieder. An jeder Ecke der grünen Straßen gibt es Cafés und Bars, die oft selbstverwaltet sind. Moderne Restaurants und altmodische Tavernen, unabhängige Druckereien und Buchläden, Musikgeschäfte und kleine Boutiquen – in den Straßen des Viertels zwischen Strefi-Hügel und Lykabettus findet man alles.

Um den dreieckigen Exarchion-Platz im Herzen des Viertels stehen nicht weniger als vier selbstverwaltete Gebäude. Hier kann man umsonst Sprachkurse besuchen, einen Kaffee trinken oder bei den Vorbereitungen für die Ankunft neuer Flüchtlinge helfen. Exarchia ist ein Ort für Künstler, Studenten und Intellektuelle. Es ist als das „unabhängigste“ Viertel Athens und als Hauptquartier der anarchistischen Bewegung bekannt.

Die Geschichte des Viertels kann man auf seinen Wänden in den Graffiti aller Formen und Farben lesen. Viele Gebäude sind alt, heruntergekommen und unbewohnt. Man stolpert oft über halb zerbrochene Blumentöpfe oder kaputte Stufen: Spuren der nächtlichen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Anarchisten. Die Kultur des Widerstands ist ein Markenzeichen dieses Stadtteils, sie wurzelt in den Jahren der Diktatur, die in Griechenland erst 1974 gestürzt wurde.

In diesen Straßen brach 1973 der große Aufstand der Studenten aus. Nur einen Steinwurf von Exarchias Hauptplatz entfernt, stürmten die Panzer der Militärdiktatur die Technische Universität (das Politechnio) in der Oktovriou Straße 28. Nachdem die Diktatur jahrelang jede politische Aktivität unterdrückt hatte, blühte sie in der wiedergewonnenen Demokratie wieder auf und Exarchia wurde zur Wiege politischer Unruhen. Kulturklubs, Bibliotheken, Kinos und unabhängige Druckereien schossen wie Pilze aus dem Boden. Viele unbewohnte Gebäude wurden wieder besetzt und in Gemeindezentren oder beliebte Bars umgestaltet.

2008 sah das Viertel eine neue politische Explosion, als ein Polizist den 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos erschoss. Exarchia war der Mittelpunkt der darauffolgenden Aufstände, die wochenlang durch die Stadt wüteten. In der Mesolongiou Straße, wo der Junge starb, brachten seine Freunde eine Gedenktafel an. Davor wächst ein Baum, den seine Mutter gepflanzt hat. Das Denkmal ist zu einer Kultstätte geworden, man kann oft beobachten, wie Menschen davor Blumen niederlegen. Angesichts der Geschichte des Viertels sind Ordnungshüter in der Gegend nicht gern gesehen. Polizisten trauen sich nicht einmal mit der Nasenspitze über die Grenzen des Bezirks. Wenn sie es doch tun, gibt es oft Auseinandersetzungen.

Englische Untertitel sind unter Einstellungen (unten rechts) verfügbar.

Exarchia ist ein Ort für alle, die „nein“ zum System sagen und gleichzeitig ein fruchtbarer Boden für Initiativen „von unten“. Das betont auch Michalis (65), der von allen Ecken und Winkeln im Viertel die Geschichte kennt. „Über den 'schwarzen Block' der Anarchisten wird viel geredet, nicht nur in den Medien. Aber daneben wird in Exarchia eine alternative Gesellschaft aufgebaut, in der Solidarität und Beteiligung die Schlüsselwörter sind“ erklärt er.

Wenn man die Navarinou Straße entlang geht, kommt man an der Ecke vom Zoodochos Pigis auf einen kleinen dreieckigen Park. Eigentlich sollte hier ein Parkplatz entstehen, jetzt blüht das Gelände dank der Initiative von Menschen, die hier wohnen. Sie haben den Asphalt aufgebrochen und wechseln sich jetzt mit dem Bewässern der Pflanzen ab. Eine Bank, ein sozialer Gemüsegarten und ein kleiner Spielplatz neben Parklücken. Der Ort ist zur grünen Lunge der Nachbarschaft geworden. „Ihr Parkplatz, unser Park“ war das Motto.

Das Viertel ist voller Orte, die auf ähnliche Weise entstanden sind. Einer der bekanntesten ist das Vox, ein markantes selbstverwaltetes Café, das den Hauptplatz neben der Ikonomou Straße überblickt. Die Bar wurde vor drei Jahren eröffnet und ist der perfekte Platz für alle, die ein Bier mit Freunden zu einem guten Preis trinken wollen.

Um die Ecke, in der Tsamadou Straße, ist das Steki, eine weitere unabhängige Einrichtung, wo man täglich eine Reihe von Menschen aus allen möglichen Ländern beobachten kann. Hier finden kostenlose Sprachkurse statt, offen für jeden, der mitmachen will. Oft werden die Stunden von Flüchtlingen und Migranten besucht. Viele von ihnen wohnen in der Nähe, in der Notara oder der Themistocleous Straße: Dort haben Aktivisten Orte eingerichtet, die Flüchtlinge aufnehmen.

Preise

Über die Jahre hat das Viertel angefangen, sich zu verändern. Es kommen immer mehr Touristen, die auf der Durchreise sind und Ausländer, die in Exarchia sesshaft werden. Die Gentrifizierung klopft schüchtern an, doch Exarchia behält seinen Widerstands- und Solidaritätsgeist am Leben, der ihn über Jahrzehnte charakterisiert hat.

Gesichter

Obwohl die politische Energie der 70er nach und nach abgenommen hat, bleibt Exarchia ein Athener Stadtviertel voller Charakter. Hier treffen sich weiterhin Studenten, Künstler und Intellektuelle in den vielen Cafés und täglich werden politische und soziale Initiativen angestoßen. Exarchia spiegelt nicht die griechische Realität wider, nicht einmal die von Athen. Es ist vielmehr ein soziales Labor – teilweise avantgardistisch. Für andere ist es eine zur Isolation verurteilte Oase.

Das „Best of“: ein Blick ins Viertel

Adressen

Archäologisches Museum: 28 Oktovriou Straße 44. Das größte Museum in Griechenland, mit der weltweit größten Sammlung hellenistischer Kunst.

Exarchion Platz: An der Ecke Arachovis Straße kann man sich auf ein Bier ins Vox (griechisch BOΞ) setzen. Es wurde 2012 eröffnet und spielt oft live Musik. Oder man sucht sich eins der Cafés gegenüber aus und trinkt einen Frappé in dem Buchladen/Café Floral im historischen blauen Gebäude. Dann in die vielen Gassen eintauchen, die vom Platz abgehen und den Rest des Viertels erkunden.

Mesolongiou Straße: Mach einen Spaziergang und Halt an der Ecke zur Koletti Straße an. Such dir eine Bar aus und trink einen Ouzo auf Eis im Sommer, einen heißen Rakomelo im Winter (Griechischer Glühwein aus Raki, Honig, Zimt und Gewürznelken). Oder nimm einfach einen Raki, das Kiez-Getränk ist zu jeder Jahreszeit gut.

Der Samstagsmarkt: Wenn du zufällig an einem Samstagmorgen in der Kallidromiou Straße bist, kannst du dich auf dem Markt umsehen, ein bisschen Obst kaufen oder einen Kaffee in der kleinen Bar gegenüber vom Fischstand trinken. Steige eine der vielen Treppen hoch und klettere auf den Gipfel des Strefi Hügels. Von dort aus genieße den Blick über Exarchia, mit dem Parthenon im Hintergrund. Es lohnt sich.

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Dieser Artikel ist Teil des neuen cafébabel-Projekts Meet My Hood, das euch mit in die Kieze der europäischen Metropolen nimmt.