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Meet My Hood: Der Wedding, Berlin

Artikel veröffentlicht am 4. September 2017
Artikel veröffentlicht am 4. September 2017

Was einst das Arbeiterviertel 'Roter Wedding' war, ist heute ein florierender und kulturell vielfältiger Stadtteil. Verglichen mit anderen Wohngegenden Berlins, ist der Wedding relativ unberührt von der Gentrifizierung geblieben, was es zu einem der authentischsten Viertel der Stadt macht. Meet My Hood aus der deutschen Hauptstadt.

Der Name Wedding hat rein gar nichts mit dem englischen Wort für Hochzeit zu tun. Dieser Teil Berlins wurde nach dem Adligen Rudolf de Weddinghe, der im 12. Jahrhundert dort lebte, benannt und ist das einzige Viertel, das den maskulinen bestimmten Artikel trägt - also der Wedding. Ursprünglich war der Wedding ein Arbeiterviertel. Noch bis heute machen Migranten ca. 30% der Bevölkerung des Stadtteils aus. Alles andere als ein Wohlstandsviertel, zählt der Wedding eine relativ hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate. Deswegen kommen auch nicht Scharen Touristen in den Wedding. Besser ist das, finden die Anwohner, deren Zusammengehörigkeit über kleine Lebensmittelläden, Bars und Community-Einrichtungen charakterisiert wird.

Unsere Reise durch den Wedding beginnt am S-Bahnhof Wedding - eine der Stationen der Ringbahn, der im Kreis fahrenden S-Bahn in Berlin. Auf dem Nettelbeckplatz vor dem Ausgang sind gefühlt nur Einwohner des Stadtteils, Mamis und junge Leute unterwegs, die auf Bänken sitzen oder auf den Bus warten. An den meisten anderen Tagen findet auf diesem Platz ein Markt statt, aber heute ist es eher ruhig. Im Gegensatz zu angesagten Vierteln wie Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, muss man hier wissen, wo man coole Bars und Restaurants findet. 

Wir starten in der Gerichtsstraße, die schon zu Gesundbrunnen gehören soll, seit einer Verwaltungsreform 2001 ein gesonderter Stadtteil im Osten von Wedding. Für die Anwohner gehören aber nachwievor beide Teile zum Wedding. Scott Bolder wohnt nur fünf Minuten vom Nettelbeckplatz entfernt. Er kommt ursprünglich aus Brooklyn, zog 2010 nach Berlin und arbeitet seitdem an dem Projekt Das Baumhaus.

Das Baumhaus ist ein wichtiger Ort für die Gemeinschaft, wo jeden Donnerstag Community Nights organisiert werden. Die Leute tauschen dann meistens übriggebliebenes Essen aus Supermärkten aus, Experten, Studenten, Expats, Mitgliedern der Roma- und türkischen Gemeinde sprechen über die neuesten Projekte und Ideen. Alle Gemeinschaften aus dem Wedding kommen hier zusammen. Jeder, der den Weg hierher findet, versteht die „Atmosphäre“ und „hat selbstverständlich einen positiven Ansatz“, so Scott.

Vom Baumhaus aus geht es weiter in die Mitte des Viertels. Dabei kommen wir an ruhigen Wohnstraßen vorbei und stoßen auf ein Krematorium, das zu einem Kulturzentrum umfunktioniert wurde: Das silent green Kulturquartier bietet Raum für Ausstellungen und Büroräume, ein Restaurant und eine Bar. Nur zwei Straßen weiter, an der Ecke zum Leopoldplatz, springt uns ein großes, weißes Graffiti ins Auge. Der Schriftzug 'Still not (heart) gentrification!' prangt dort auf einem großen, grauen Gebäude, genau vor dem Himmelbeet, einem Gemeinschaftsgarten und weiteren Treffpunkt der Weddinger.

Jahrelang haben die Anwohner hier im Himmelbeet ihre Tomaten und Petersilie angebaut, aber auch Treffen veranstaltet, um Fragen der Gemeinschaft anzugehen und Probleme gemeinsam zu bewältigen. „Es begann als ein Permakultur-Projekt aber ist mittlerweile ein Nachbarschaftsprojekt“, sagt Meryem und schneidet dabei Minzeblätter. Sie arbeitet seit drei Jahren im Himmelbeet und kennt jedes Blumenbeet in der Gegend. „Es ist wie ein Wohnzimmer, in dem du einfach mit Leuten reden kannst. Ich habe hier Kinder groß werden sehen“, fügt sie hinzu. Letztes Jahr hat die Gemeinschaft ihren eigenen Brotbackofen gebaut - jeden Freitag bäckt man hier zusammen frisches Brot.

Der beste Weg, um in die Kulturszene des Wedding einzutauchen, ist eine Vorstellung im Prime Time Theatre zu besuchen. Dort wird mehrmals wöchentlich um 20:15 Uhr 'Gutes Wedding Schlechtes Wedding', eine live Sitcom, gespielt. Nach fast 14 Jahren Aufführungen mit 111 Episoden ist es das Beste, sich sein Ticket im Voraus zu besorgen - die Vorstellungen sind meistens ausverkauft. 

Im Saal drängen sich sowohl regelmäßige Theatergänger als auch Neuzugänge. Die Atmosphäre ist entspannt, als würden sich die Zuschauer untereinander kennen. Auf der Bühne stehen die typischen Vertreter aus dem Wedding: ein Postbote mittleren Alters namens Kalle, ein Dönerladenbesitzer namens Ahmed, eine herrschsüchtige türkische Mutter, Herta FC-Fans. Oliver Tautorat, Gründer des Theaters, begrüßt jeden persönlich im Foyer. „Es ist wie ein großes Familientreffen, bei dem es diesen Onkel gibt, der immer einen Witz reißt“, sagt Oliver. „Wir sind dieser Onkel für unser Publikum.“ 

Die Preise

Langsam aber sicher wird der Wedding seinen Ruf als verruchter, heruntergekommener Stadtteil los -  es ist schon wieder 10 Jahren her, dass die Leute in Berlin Sachen wie 'Der Wedding wird das neue Neukölln', sagten, da immer mehr Künstler und Studenten sich hier niederlassen. Und trotzdem: Abgesehen vom Sprengelkiez hat die berühmte Gentrifizierung bisher einen Bogen um den Wedding gemacht. 

„Der Wedding entwickelt sich ständig weiter, aber in einem menschlichen Tempo“, sagt Joachim, Gründer der örtlichen Website Weddingweiser. „Das Viertel kriegt wegen Kriminalität und sozialen Problemen oft Negativpresse, aber eigentlich kann man hier ein ziemlich ruhiges und gechilltes Leben führen. Es gibt viele lokale Initiativen und Projekte, welche die Anwohner miteinander vernetzen.“

Wir beenden unseren Tagesausflug nicht weit entfernt vom Theater in der Moritz Bar, einer typischen Kiez-Bar mit einer einfachen Auswahl an Bier. Neben uns sitzen zwei Männer, mit denen wir zufällig ins Gespräch kommen. Sie wohnen beide um die Ecke, wer sonst würde auch Donnerstagabend in einer Bar in Wedding unterwegs sein? Das Leben sei hier einfach gut und günstig. „Und wenn man muss, kann man mit einer kurzen S-Bahnfahrt ganz schnell woanders sein“, schließen sie ab.

Die Nachbarn

Die Köpfe

Die Orte

Das Baumhaus, Gerichtstraße 23

Himmelbeet, Ruheplatzstraße 12

Prime Time Theater, Müllerstraße 163

Wilma (bar), Badstraße 38

F bar, Grüntaler Str. 9

Silent green Kulturquartier in former Crematorium, Gerichtstraße 35

be’kech Anti Café, Exerzierstraße 14

Café Pförtner (restaurant), Uferstraße 8-11

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Dieser Artikel ist Teil der cafébabel-Serie Meet My Hood zu euren Vierteln in europäischen Metropolen. Hier mitmachen, wenn ihr eure Hood vorstellen wollt.