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Maurizio Crosetti: "Bosman war vor Schengen"

Artikel veröffentlicht am 1. August 2008
Artikel veröffentlicht am 1. August 2008
Der 46-jährige, aus Turin stammende Sportjournalist und Sprachpurist der italienischen Tageszeitung La Repubblica über Europa im Journalismus und die erdrückende Omnipräsenz von Anglizismen.

Das Internet führt mich zu Maurizio Crosettis Blog. Die Sprachgewandtheit des Sportjournalisten macht sein Blog einzigartig in der italienischen Medienlandschaft - seine Texte sind ein wahrer Genuss für Liebhaber der italienischen Sprache. Wir treffen uns in der Redaktion der Tageszeitung La Repubblica in Turin, eine Stadt, die eigentlich für eine andere Tageszeitung - La Stampa - bekannt ist. Zugegeben: Das ist das ein bisschen so, als würde man sich in der Ferrari-Stadt Maranello mit einem Aston Martin-Mechaniker treffen. 

Das Büro ist ein wahres Schmuckstück. Es befindet sich in einem prächtigen Palazzo, an dessen Außenfassade der Name der Zeitung in goldenen Lettern glänzt. In den Redaktionsräumen hängen Comics des italienischen Karikaturisten Altan und kritische Leitartikel von Zeitungsgründer Eugenio Scalfari. Als ich in Crosettis Büro ankomme, wartet er schon an seinem Schreibtisch, in seinem mit Fußballwimpeln überfüllten Büro. Crosetti ist nicht nur Sportjournalist, sondern auch Autor zahlreicher Bücher (Fuori di Pallone, La Juve sulla luna, beide im Feltrinelli Verlag erschienen, A.d.R.). Er sprengt nur allzu gern die Limits des Sportjournalismus.

Europa sei mittlerweile auch im italienischen Journalismus angekommen. "In den italienischen Zeitungen gibt es zwar viel zu viel Innenpolitik. Auch wenn ich zugeben muss, dass die Zeitungen schon sehr viel 'europäischer' geworden sind. Die Billigflieger haben nationale Grenzen aufgehoben. Junge Leute fühlen sich mittlerweile überall in Europa zu Hause. Und der Journalismus hat sich angepasst." Was früher einmal als Auslandsberichterstattung galt, wird heute als Erweiterung der nationalen Berichterstattung angesehen. "

'Die Wahrnehmung des Nachbarn hat sich gewandelt.'

Die Auslandsberichterstattung hat neue Formen angenommen: "Es stimmt. Heutzutage ist alles interessant geworden. Die Wahrnehmung des Nachbarn hat sich gewandelt. Dennoch hält jedes Land an seinem journalistischen Stil fest. Das ist auch gut so, denn es spiegelt die Vielfalt des immensen europäischen Kulturschatzes wider." Zur Behauptung, die italienischen Zeitungen seien schwieriger zu lesen als die restlichen europäischen Medien, meint Crosetti: "Sie sind nicht komplizierter, aber sie übertreiben manchmal ihren Schreibstil. Dadurch ist es manchmal schwierig, sich bis zum Ende des Textes durchzukämpfen", gibt Crosetti zu. "Aber auch das ist ein besonderes Mittel der Sprache."

Worte, die es nicht gibt

Die Sprache liegt Crosetti sehr am Herzen. Der Journalist kritisiert besonders die Tendenz, das Italienische mit immer neuen Anglizismen zu bereichern. Er spricht von einem Missbrauch des Englischen, besonders für Bezeichnungen, die in der Sprache Dantes bereits vorhanden sind. Stets mit einer Prise Sarkasmus prangert er an, dass Geschichten als neu dargestellt werden, obwohl einfach nur die Satzstellung umgestellt und Wörter durch englische Bezeichnungen ersetzt werden. "Einst redete nur Berlusconi so. Heute haben sich viele davon anstecken lassen; eine wahrhaftige Modeerscheinung. Und ich denke hier nicht nur an Politiker."

'Die Menschen glauben, dass man die Realität verändern kann, indem man der Welt und den Dingen neue Namen gibt.'

Bei der Entlehnung von Wörtern aus anderen Sprachen handelt es sich um ein Phänomen, das vor allem auf Italien zutrifft. Kann es denn sein, dass sich die Italiener nicht mehr mit ihrer eigenen Sprache begnügen? "Ich glaube, in Wirklichkeit ist die Angelegenheit viel komplexer. Die Menschen glauben, dass man die Realität verändern und neu definieren kann, indem man der Welt beziehungsweise den Dingen neue Namen gibt. Ich empfinde dies als äußerst vulgär, es ist absolute Respektlosigkeit, eine Beleidigung des Lesers und seiner sprachlichen Fähigkeiten."

Mag sein, aber auch der Leser verwendet in seiner Alltagssprache, an seinem Arbeitsplatz beispielsweise das Wort 'commitment' anstatt 'impegno' (ital. 'Einsatz, Mühe'). Menschen scheinen sich diese Art des Täuschungsmanövers zu nutzen zu machen. "Ja. Aber der moderne Mensch redet von Konzepten, die so nicht existieren, weshalb er Wörter benutzen muss, die es nicht gibt."

Sprachchauvinisten

Und warum ist das in anderen Sprachen nicht auch so? Die Spanier sagen 'ratón' für die Maus und die Franzosen nennen den Computer 'ordinateur'. Sind das verzweifelte Versuche von Sprachchauvinisten? Eine Art Immunsystem gegen die als bedrohlich empfundene Globalisierung und den weltweiten Einfluss von Anglizismen? "Auf jeden Fall handelt es sich bei uns in Italien um eine Form von Provinzialismus. Wir wollen scheinbar damit angeben und uns als kosmopolitisch und modern präsentieren. Darüber hinaus wollen wir unsere Mitmenschen in Verlegenheit bringen, indem wir 'neue' Wörter verwenden, die tatsächlich jedoch völlig überflüssig sind. 

Ich sehe mich aber nicht als sprachlichen Integralisten. Für einen Fön verwendet man im Italienischen eben das Wort 'phon' und nicht 'asciugacapelli' (Haartrockner). Ich meine vielmehr die vermeidbaren Begriffe, die schon in unserer eigenen Sprache vorliegen." Während er spricht, erscheinen auf seinem Monitor die Buchstaben A-r-c-a-s-s als Bildschirmschoner. "Ein Wort aus dem Piemontesischen", erklärt Crosetti. Es bezeichnet eine Ballsportart, die heute nur noch einen folkloristischen Wert besitzt. "Das muntert mich auf."

Der Sport - Thermometer der Zeit

Sind Dialekte eine Strategie gegen die Omnipräsenz des Englischen? "Nein, ganz und gar nicht. Es ist doch bekannt, dass die Reaktion auf die Globalisierung die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln ist. Das beobachtet man auch im Fußball: Je mehr Spitzenmannschaften mit Superspielern aus aller Welt zusammengestellt werden, desto mehr wenden sich die Fans den kleineren Vereinen in den Regionalligen zu. Für mich machen die Menschen unser Europa aus und nicht die Institutionen.

Aber auch der Sport spielt eine große Rolle. Er antizipiert Tendenzen und sogar Gesetze", schweift Crosetti ab, fast so als wolle er den Sportevents prophetische Fähigkeiten zusprechen. "Man denke nur an die Tischtennis-Begegnungen zwischen den USA und China. Oder an die Fußball-Spiele zwischen Rivalen: Das sind bedeutende Ereignisse, die weit über das sportliche Ergebnis hinausgehen." 

Die Champions League und das Bosman-Urteil - mit welchem die EU 1995 die Restriktionen von europäischen Spielern in Vereinen anderer EU-Mitgliedsstaaten aufhob - sollen mehr zu Europa beigetragen haben als etwa der Brüsseler Pakt oder der Vertrag von Lissabon? "Bosman kam vor dem Schengener Abkommen. Das ist eine Tatsache. Der gemeinsame Nenner ist jedoch der Kommerz. Sowohl im Sport als auch im Alltagsleben steht das Marktkalkül vor den europäischen Werten."

Zufrieden tauche ich wieder in die milde Turiner Nachmittagsluft ein. Fast schon aus der Tür, ruft Crosetti: "Halt Lubrano. Fast hätte ich es vergessen. Arcass bezeichnet auch einen seltenen Strohwein aus Piemont. Eine Rarität. Probieren Sie ihn. Ich verlasse mich drauf."