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Make Love! Warum guter Sex gelernt sein will

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2015
Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2015

Aufklärung ist peinlich – zumindest wenn sie in der Schule stattfindet. Wenn es um Sex geht, zeigen sich weder junge noch alte Menschen sonderlich offenherzig. Dabei gibt es doch so viel zu lernen! Weil ihr erstes Aufklärungsbuch „Make Love“ (2012) so erfolgreich war, hat die dänische Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning mit „Make More Love“ (2014) jetzt noch eins draufgesetzt.

Es wird viel geschrieben über die Generation Porno, ihre verquere Beziehung zur Sexualität und ihre vermeintliche Unfähigkeit zu lieben. Während die einen YouPorn für den großen Befreier der jugendlichen Sexualität halten, warnen andere vor übertriebenen Erwartungen an den eigenen Körper und an den des Partners, vor seltsamen Sexpraktiken und Frauenfeindlichkeit. Was dabei oft zu kurz kommt, ist die ehrliche Diskussion darüber, wie Sex eigentlich Spaß machen könnte. Man kennt es ja schon aus dem schulischen Aufklärungsunterricht: Was „Sexualkunde“ heißt, kreist fast ausschließlich um Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten. Wo bleibt da eigentlich der Sex?

Das fragte sich vor einigen Jahren auch die dänische Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning. Ihr Aufklärungsbuch Make Love schlug 2012 ein wie eine Bombe und wurde von der deutschen Presse als unter anderem „erstes wirklich cooles Aufklärungsbuch für Jugendliche“ (Welt kompakt) und als „cooles Buch für die Generation, die schon alles gesehen hat“ (Spiegel) gelobt. Hennings kluge Einführung in die wilde Welt der Sexualität ist mittlerweile in der 10. Auflage und wurde in acht Sprachen übersetzt. Getreu dem Motto „Erregung ist angeboren, Sexualität wird gelernt“ behandelt Henning zusammen mit ihrer Co-Autorin Tina Bremer-Olszewski alle möglichen Themen von Selbstbefriedigung über Verführung bis zum Orgasmus. Illustriert ist das ganze mit Bildern von Heji Shin, die junge Paare beim Sex fotografiert und das sehr schön und gar nicht pornomäßig in Szene gesetzt hat. Gelegentliche Ausrutscher im Text („[Im Porno] spritzen die Männer der Frau meistens ins Gesicht. Im echten Leben finden das einige Frauen nicht so angenehm“ – nur einige?!) und unübersichtliche Infografiken seien den Autorinnen verziehen. 

Durch die wilde Welt der Sexualität

Nebenbei lernt man in Make Love einige interessante Fakten, wie zum Beispiel, dass männliche Embryonen ihre ersten Erektionen schon im Mutterleib haben und Frauen evolutionstechnisch viel promiskuitiver als Männer sind. Oder dass intensives Küssen mehr biochemische Vorgänge im Körper auslöst als Sex. Da soll noch mal einer behaupten, er wisse schon alles über Sex!

Auch mit dem Alter hat dieses Wissen wenig zu tun – nur weil man 40 ist, heißt das nicht automatisch, dass man aus Erfahrung viel besseren Sex hat. Ann-Marlene Henning liegen die alten Liebespaare ebenso am Herzen wie die jungen, weshalb sie im letzten Jahr noch ein Aufklärungsbuch für Erwachsene draufgesetzt hat. Make More Love (2014), das Henning zusammen mit Anika von Keiser verfasst hat, ist fast noch besser als Make Love, weil es eine noch größere Fundgrube an interessanten Techniken und Fakten ist. Wer weiß schon, dass der Penis in der Vagina ein Vakuum zur Entfernung von „Fremdspermien“ erzeugen kann oder dass es eine Lüge ist, dass Frauen nach der Menopause nicht mehr feucht werden? Sympathisch ist außerdem, dass die Autorinnen ihre Leser konsequent duzen, denn: „Ein ‚Sie‘ würde [...] das nötige Maß an Intimität verhindern.“

Nicht Porno, sondern echte Erotik

Weite Passagen von Make More Love drehen sich, dem Zielpublikum entsprechend, um die physiologischen Veränderungen des Körpers im Alter, um Hormonschwankungen während der Menopause und die Horrordiagnose „erektile Dysfunktion“. Aber auch für jüngere Leser, deren Körper noch einwandfrei funktionieren, muss das nicht langweilig sein. Anhand des alten Körpers kann man ja auch so einiges über den jungen lernen. Außerdem diskutieren die Autorinnen ausführlich, wie sich Gefühle und Beziehungsprobleme auf die Sexualität auswirken, was natürlich ebenfalls alle Altersklassen betrifft. Ihr Ansatz ist dabei ein extrem nuancierter: Es geht immer wieder darum, wie man sich wirklich fühlt, was man unterdrückt oder warum man beim Thema Sex so oft in Extreme abgleitet. Das gilt natürlich auch für Verführung und Erregung, denn: „Erotik ist, wenn man mit einer Feder streichelt; Porno, wenn man das ganze Huhn nimmt.“ 

Auch Make More Love ist mit Fotos unterschiedlicher Paare beim Sex bebildert – fast alle über 50, aber deswegen trotzdem nicht unschön anzusehen. Als junger Mensch freut man sicher eher, dass das Sexleben mit dem Alter offensichtlich nicht schlechter werden muss, solange man nur erkannt hat, was einen erregt und wen man mag. Wer jetzt noch einen Geheimtipp für bahnbrechend guten Sex hören will, dem sei gesagt: Fast alles passiert im Beckenboden. Und natürlich im Kopf. Deshalb lohnt es sich, mal in Make Love und auch in Make More Love reinzuschauen. Zum Glück gibt es zumindest ersteres schon in allen Babelsprachen.