Lifestyle

Londons Clubs kämpfen ums Überleben

Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2016

Das Nachtleben der Inselmetropole siecht seit Jahren dahin. Damit droht sie nicht nur ihren Ruf als kreativste Stadt Europas, sondern auch ihre Seele zu verlieren.

Der kantige Sicherheitsmann guckt mir tief in die Augen und fragt nach meinem Ausweis, den er auf eine Glasfläche legt. Während ein Scanner meine Daten speichert, registriert eine Kamera mein Gesicht. Nachdem sein eher unattraktiver Kollege mir eine Leibesvisitation verpasst, die sogar meinen Urologen neidisch machen würde, darf ich noch durch den Metalldetektor und dann nach fünf Minuten Kontrolle endlich eintreten.

Nein, es geht hier nicht um einen Hochsicherheitscheck am Flughafen, sondern um einen ganz normalen Clubbesuch in der britischen Hauptstadt. Dieses Prozedere darf jeder über sich ergehen lassen, der einfach die Dämonen abschütteln möchte, die sich unter der Woche im Kopf festgesetzt haben. Die Feierwütigen nehmen das genervt hin, veranstalten illegale Raves oder suchen gleich das Weite. London droht den Anschluss hinter Kreativzentren wie Berlin oder Belgrad zu verlieren.

Und als wäre die Schikane am Eingang nicht genug, geht es drinnen gleich weiter. Die Türsteher suchen auf der Tanzfläche ständig mit Taschenlampen nach Drogen und im Raucherbereich kommandieren sie die Leute herum, als wollten sie eine Militärparade choreographieren: „Da rüber! Stell dich da hin! Nimm die linke Schlange raus!“ Das soll wohl Platz schaffen, wirkt aber weitestgehend sinnlos, da Briten nichts so gut können wie sich friedlich einzureihen.

Fabric ist Vergangenheit

Ändern tut das ganze herzlich wenig, irgendwie kriegen die Leute ihre Drogen trotzdem in den Club. „Mein MDMA steckt quasi in meiner Muschi“, informierte mich meine Begleitung bei meinem letzten Besuch im Fabric, praktisch das Londoner Berghain. Und ganz so genau dürften sie an der Tür dann doch nicht nachsehen. Erst kürzlich musste der Techno-Tempel schließen, weil zwei Jugendliche an einer Überdosis starben. Ähnlich erging es seit 2008 der Hälfte aller Londoner Nachtclubs in der einst für ihr freizügiges Nachtleben berühmten Metropole.

Den Behörden wurde es irgendwann zu freizügig, seit den Neunzigern wurden den Clubs immer mehr Steine in den Weg gelegt. Härtere Kontrollen sollten den Drogenkonsum einschränken, sonst droht den Clubs der Lizenzentzug. Doch die Auflagen verlagerten den Missbrauch nur. Während es heute in den Szenevierteln Shoreditch, Hackney oder Dalston an jeder Ecke süßlich riecht und Pubgäste nach Feierabend scharenweise mit verengten Pupillen aus der Toilette kommen, muss der durchschnittliche Clubbesucher schon bei kleinen Mengen Gras mit dem Rauswurf rechnen, da den Besitzern hohe Strafen drohen, wenn die Polizei sie erwischt.

Von Hipstern überrannt

Doch die völlig verfehlte Drogenpolitik ist nicht das einzige Problem der Clubbesitzer. Auch die allgegenwärtige Gentrifizierung macht ihnen zu schaffen. Mickey Smith leitet seit 2007 das Bussey Building im angesagten Stadtteil Peckham. „Als wir aufgemacht haben, wollte der Stadtrat nicht Peckham vor uns schützen, sondern uns vor Peckham“, erzählt er. Damals grassierte dort Bandenkriminalität und kaum einer traute sich in das verruchte Viertel. Doch Leute wie er trugen dazu bei, dass es sich über die Jahre wandelte. In den vergangenen Monaten wurde es nahezu von Hipstern überrannt. Seitdem existieren trendige Bars und Cafés friedlich neben alteingesessenen Geschäften.

Doch die allseits gefürchteten Luxusapartments, Symbol der Londoner Gentrifizierung, ließen nicht lange auf sich warten. Sobald sich ein Stadtteil anschickt das nächste Shoreditch zu werden, schießen sie in die Höhe und verdrängen Anwohner und Geschäfte, die sich die Mieten nicht mehr leisten können. Die etwas gesetzteren Bewohner beschweren sich dann gerne über die Lautstärke der Clubs, in denen sie selbst vor zehn Jahren noch feiern waren.

Im Dezember vergangenen Jahres lag Mickey ein Schreiben der Stadt vor, dass gegenüber vom Bussey Building, das auch Kunstausstellungen und ein Café beherbergt, neue Wohnungen entstehen sollen. Das hätte für eine der beliebtesten Adressen im Süden der Stadt wegen der Lärmbestimmungen wahrscheinlich das Aus bedeutet. Da Bussey neben renommierten DJs auch aufstrebenden Künstlern eine Chance gibt, wäre dies ein enormer Verlust für die Szene gewesen. Und ohne die regelmäßige Soul Train-Party würde Peckham seine Seele verlieren.

Also hängte der fuchsige Marketingfachmann einfach ein großes „Geschlossen“-Schild an die Tür. „Innerhalb von drei Tagen gab es 3.500 Beschwerden bei der Stadt, innerhalb von vier Tagen waren 15.000 Unterschriften gesammelt, um Bussey am Leben zu halten“, sagt er voller Stolz. Denn es spiegelt auch die Anerkennung der Anwohner wider. Trotz oder gerade wegen der eher laschen Sicherheitskontrollen gab es in seinem Club bisher kaum Probleme.

Am Ende wurde wegen des öffentlichen Drucks das Projekt und nicht sein Club eingestampft. Doch trotz des Sieges sieht er Gentrifizierung als größte Bedrohung für das Nachtleben: „Dubstep, Jungle, Grime, alle paar Jahre kommt ein neuer Trend von hier. London ohne Clubs, das passt einfach nicht, aber einen Stadtentwickler von außerhalb interessiert das nicht.“

Hoffentlich interessiert es zumindest den neuen Bürgermeister Sadiq Khan. Er hat angekündigt das Nachtleben besser zu schützen. Ob den Worten auch Taten folgen, bleibt abzuwarten. Es wäre jedenfalls ratsam, denn das Nachtleben hat die Stadt zu dem gemacht, was sie ist. Ohne es wäre London nur eine seelenlose Ansammlung sehr teurer Wohnungen.